Tourismus und der Fall „Sacher“

- Hubert Schmiedbauer -

So wichtig die Tourismus-Branche in Österreich ist, so unsicher ist die Lage der Beschäftigten. Schlechte Löhne und Gehälter, atypische Arbeitszeiten, Gesundheitsbelastungen, hohe Arbeitslosigkeit, Import tausender noch billigerer „Saisoniers“ – die zuständige Gewerkschaft Hotel, Gastgewerbe, Persönlicher Dienst (HGPD) hat alle Hände voll zu tun. Wo es Betriebsräte gibt und die Gewerkschaft intervenieren kann, lässt sich einiges für die KollegInnen herausholen. Ein Beispiel und einige Informationen aus der Studie „Tourismus in Österreich“*).

Rund 150.000 KollegInnen arbeiten im Hotel- und Gastgewerbe. Von den fast 38.000 Unternehmen haben 34.000 weniger als zehn und nur einhundert Betriebe mehr als 100 Beschäftigte. Die Einkommen der Beschäftigten waren 2002 um mehr als ein Drittel niedriger als der Gesamtdurchschnitt aller Branchen – nur in der Landwirtschaft und in den Haushalten verdiente man noch weniger. Dafür betrug die durchschnittliche Arbeitslosigkeit 32.000 Personen und während der Beschäftigungsanteil dieser Branche in Österreich 4,85 Prozent der Gesamtbeschäftigung ausmachte, war der Anteil an der Arbeitslosigkeit 13,7 Prozent. Die Branchenflucht ist entsprechend hoch. Steigend ist der Anteil der geringfügig Beschäftigten, deren Einkommen weder zum Leben noch für eine Kranken- oder Pensionsversicherung reicht – und wie viele von ihnen mehrere solche „Beschäftigungs“verhältnisse haben, lässt sich nicht eruieren. 1995 war der Anteil geringfügig Beschäftigter 8,7 Prozent, 2002 schon 11,8 Prozent (Durchschnitt aller Branchen: 6,4 Prozent), wobei drei Viertel Frauen sind.

Alt werden nur wenige

Die Branche weist die höchsten Invaliditätsraten auf, daher zählen im Vergleich mit anderen Branchen weit weniger Beschäftigte zu den älteren Jahrgängen. Das beginnt schon mit den über 40-jährigen und ab 55 Jahren sind im Gesamtschnitt rund doppelt so viele Beschäftigte zu verzeichnen wie in der Tourismus-Branche. Dafür beschäftigen die Hotel- und Gastgewerbe-Unternehmen im Vergleich zu den anderen doppelt so viele junge Leute zwischen 15 und 20 Jahren – und man sollte das nicht unbedingt als Erfolg gegen die Jugendarbeitslosigkeit beschönigen… Was die 4,85 Prozent der Beschäftigten wirklich leisten, lässt sich an der Wertschöpfung messen, die natürlich auch Schwankungen unterworfen ist (z.B. der Konjunktureinbruch in Deutschland), aber rund 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bringt. Indirekte Wertschöpfung dazugerechnet (wirtschaftliche Lieferverflechtungen) kommen die StatistikerInnen sogar auf rund 9 Prozent. In Geldwert brachten die wachsenden Gesamtausgaben von Urlaubs- und Geschäftsreisenden sowie Privatbesuchen 2001 rund 25 Mrd €, was über die verschiedenen Steuern natürlich auch den Gemeinden und dem Finanzminister viel Freude macht.

Sozialfall „Sacher“

„Das Sacher“ – dieses Hotel ist nicht nur wegen der berühmten Sacher-Torte ein Begriff. Recht laut wurde kürzlich in Wien über die Pläne der Unternehmensleitung debattiert, das Haus neben der Oper aufzustocken. Es ging um das Stadtbild. Die Geschäftsführerin der Sacher GesmbH, Frau Dkfm. Elisabeth Gürtler, begründet die Ausbaupläne mit der Konkurrenz durch zwei neue Hotels in der „oberen“ Klasse, also dem Luxusgeschäft. Mittlerweile scheinen die Wogen geglättet. Die Umbauarbeiten haben bereits begonnen und werden mehr als ein Jahr dauern, wobei der Hotelbetrieb stark beeinträchtigt und teilweise ganz geschlossen ist. Und die Beschäftigten? Etwa 150 sind nicht betroffen, da ihre Tätigkeiten weiterlaufen (z.B. Konditorei, Tortenverkauf) bzw. mit der Verwaltung der gesamten eng verflochtenen Unternehmensgruppe zu tun haben. Für die übrigen verhandelten der Betriebsrat und die Gewerkschaft HGPD mit dem Management ein paar Wochen lang über einen Sozialplan. Demnach werden vom 1. Juli bis 12. September 2004 88 KollegInnen ihre Urlaubs- und Überstundenguthaben verwenden und können auch „Urlaubsvorgriffe“ auf spätere Jahre machen, wobei aber pro Jahr nur maximal zwei Wochen herangezogen werden dürfen. Die Lehrlinge erfahren keine Unterbrechung und lernen zum Teil in anderen Unternehmen weiter. Der Knackpunkt sind aber jene 48 Personen, die ab 12.9. nicht beschäftigt werden und nur eine Zusage bekommen, ab September 2005 wieder eingestellt zu werden. „Viele sind über die drei Monate Freizeit nicht unglücklich“, erzählt ein Sacher-Kollege. „Aber viele andere, die im September nicht wieder aufgenommen werden, fragen: Warum gerade ich? Einige haben sich schon einen anderen Arbeitsplatz gesucht, es hat ja gerade das Hotel Hilton wieder aufgesperrt, das umgebaut worden ist.“

Vorsorge – für wen?

Es geht bei der Sacher-Renovierung nicht nur um die zwei neuen Stockwerke, mit denen zusätzliche 44 Zimmer entstehen – eine Steigerung der Kapazität um fast die Hälfte. Die gesamte technische Einrichtung (Heizung mit Fernwärme-Anschluss, Klimaanlagen, Aufzüge usw.), die Eingänge und das Foyer, die Küche usw. werden erneuert und die Fundamente müssen verstärkt werden. Frau Gürtler beziffert die Gesamtinvestition mit 30 bis 32 Mio €. „Damit wird man nicht auskommen, ich glaube eher, es wird alles in allem an die 40 Millionen kosten!“ sagt ein Kollege. Wenn man überlegt, dass die Firma Sacher mit den Personalmassnahmen heuer eine halbe Million und insgesamt vielleicht zwei Millionen einsparen will, und wenn man in Betracht zieht, dass eine Kapazitätserweiterung um fast 50 Prozent sowie einige Rationalisierungen sich bei diesem Luxushotel recht bald in bare Münze – in eine Art Vorsorge für die Besitzenden bzw. die Gesellschafter - verwandeln, dann wird der etwas überschwänglich gepriesene Sozialplan doch etwas nüchterner zu sehen sein. Vorsorge? Womit? Aber wie wäre es wohl den KollegInnen ohne Betriebsräte und ohne gewerkschaftliche Intervention ergangen?

*) ÖGB und AK Wien: Serie Verkehr und Infrastrukur Nr.18, „Tourismus in Österreich: Zukunftsbranche oder Einstieg in die Arbeitslosigkeit?“ von Sylvia Leodolter und Rudolf Kaske (Hrsg.), Wien 2003.


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