Das große Subtrahieren

Die Schließung von 400 Postämtern steht endgültig fest, auch 300 Arbeitsplätze wackeln – die Gewerkschaftsspitze zögert immer noch.

Nun ist es endlich soweit. Lange haben wir darauf warten müssen. Viele saßen schon aufgeregt und angespannt beieinander und schlossen Wetten ab. Das ist jetzt Vergangenheit. Die "Liste" – wahrscheinlich waren es mehrere, wenn auch noch lange nicht alle – der aufgrund von Unrentabilität zu schließenden Postämter ist seit kurzem öffentlich. Zählt man die bisher bekannt gegebenen Filialen zusammen, so kommt man auf insgesamt 406. 131 in der Steiermark, 66 in Niederösterreich, 48 im Burgenland, 56 in Kärnten, 25 in Oberösterreich, 21 in Salzburg, 40 in Tirol und 19 in Vorarlberg.

Führende Post-Granden mögen da aufjaulen und dementieren, die Zahl sei viel niedriger als kolportiert und überhaupt sei das alles noch nicht fix – doch was soll die künstliche Erregung? Immerhin ist es mit diesen 400 Postämtern noch lange nicht getan. Schon vergessen? 700 sollen im Endeffekt ja dicht machen. Dafür mit dem hohen und heiligen Versprechen, anschließend keine mehr zuzusperren. Eine andere Fix-Zusage des Post AG-Vorstands mutierte dieser Tage bereits zur Absage. Hartnäckig hält sich nämlich das Gerücht, auch 300 Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel, nachdem es bis jetzt stets geheißen hatte, man müsse zwar Ämter auflassen, jedoch mit Sicherheit keine Jobs streichen. Als Spielverderber bezeichnen nun manche Personalvertreter ihren Brötchengeber und reagierten dementsprechend säuerlich. Wer jetzt denkt, dass der designierte Vorsitzende der Postgewerkschaft, der wohlgenährte und stets polternde FSG-Spitzenfunktionär Gerhard Fritz, als erstes auf den Plan trat, der irrt gewaltig. Lediglich in manchen Bundesländern protestierten einige gegen den drohenden Arbeitsplatzverlust.

Auch Robert Hobek, Vorsitzender des Gewerkschaftlichen Linksblock (GLB) in der Postgewerkschaft, läuft gegen die Entscheidungen "von oben" Sturm: "Wir werden dagegen geeigneten Widerstand leisten", kündigt er an. Für Gerhard Fritz hat Hobek hingegen keine Freundlichkeiten mehr übrig: "Sein Verhalten ist typisch sozialdemokratisch – nichts tun, nur verunsichern." In den Medien ließ Fritz verlauten, die Postgewerkschaft werde erst dann über etwaige Kampfmaßnahmen nachdenken, wenn die Schließungen der Postämter feststünden. Hobek ist fassungslos: "Worauf will er denn warten?" Die Antwort gibt er sich anschließend selbst: "Wahrscheinlich auf die Universaldienstverordnung von der Forstinger."

Das noch vor seiner Veröffentlichung zur Legende gewordene Papier aus dem Verkehrs- und Infrastrukturministerium lässt die Gewerkschaftsbosse scheinbar in Ehrfurcht und Vorfreude erstarren. Man schätzt, dass die Universaldienstverordnung vor Weihnachten präsentiert werden soll. Und nicht wenige fürchten, dass darin das Schicksal der gelben Post endgültig besiegelt sein wird. Hobek warnt Fritz erneut: "Wenn er das Problem jetzt nicht schnell erkennt, dann macht er sich mitschuldig am Niedergang."

Scharfe Kritik an den Postamtsschließungen kommt auch von zahlreichen Landespolitikern – allen voran natürlich vom Kärntner Landeshauptmann. Jörg Haider droht in gewohnter Manier – mit einer Klage. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern hat er jedoch ein As im Ärmel: Er beharrt auf die Einhaltung eines Vertrages mit dem Land Kärnten, der die Post verpflichtet, bis 2003 alle Postämter bestehen zu lassen und ab 2004 zumindest eine Filiale pro Gemeinde zu betreiben. Nicht nur Generaldirektor Anton Wais würde er bei Vertragsbruch zu gerne stempeln schicken: "Wenn wir Recht bekommen, kann der Herr Generaldirektor mit all seinen Direktoren zusammenpacken und die Personalvertreter gleich mitnehmen."

GLB-Postgewerkschafter Hobek unterstellt Haider "kaltschnäuzigen Populismus" und empfiehlt dem einfachen Parteimitglied Nachhilfestunden: "Er soll sich noch einmal durchlesen, was im Koalitionsvertrag steht. Haider selbst hat ja mitbestimmt, wogegen er jetzt plötzlich klagen will." Auch die Proteste von SP-Funktionären versteht Hobek nicht: "Das wird nichts nützen. Außerdem hat die SPÖ mit dem EU-Beitritt den Ausverkauf des öffentlichen Eigentums unterschrieben. Die Sozialdemokraten weinen einem abgefahrenen Zug nach, den sie selbst aufs Gleis gestellt haben."

Als einziger Spitzengewerkschafter hat übrigens der Freiheitliche Johann Weinberger die passive Haltung des Vorsitzenden Gerhard Fritz kritisiert. Auch für ihn hat Hobek ein paar Worte übrig: "Wenn der Herr Weinberger unbedingt streiken will, dann soll er auch den Rücktritt seiner Verkehrsministerin Forstinger fordern." Hobek vermutet hinter den kämpferischen Tönen Weinbergers reine Wahltaktik: "Nächstes Jahr stehen Personalvertretungswahlen an und die FPÖ-Gewerkschafter wollen sich sicher wieder als wahre Arbeitervertreter profilieren."

Claudius Tiefendorfer

(aus "Volksstimme" 42/2001)


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