
Volksbegehren für den Sozialstaat
Der Staat als Heilsbringer? Gegenwärtig läuft die erste Phase des Volksbegehrens für die
Verankerung des Sozialstaats in der Verfassung. Getragen von über
jeden Verdacht erhabenen Initiatoren handelt es sich dabei um ein
ehrenwertes Anliegen, gegen das niemand öffentlich etwas einwenden
wird. Insofern hat das Projekt das Zeug dazu, einerseits offene Türen
einzurennen und andererseits wirkungslos zu bleiben. Von Lutz HOLZINGER. Die InitiatorInnen des Volksbegehrens reichen mit Persönlichkeiten wie
Ernst Berger, Emmerich Talos oder Werner Vogt bzw. Christine Gubitzer
und Gertraud Knoll nach der konventionellen "Farbenlehre" von fast
ganz links bis über die Mitte. Folgende weitere Einzelpersonen stehen an
der Spitze der Initiative: Johanna Dohnal, Alfred J. Noll, Elisabeth
Paschinger, Sieglinde Rosenberger, Renata Schmidtkunz und Stephan
Schulmeister. Von ihnen allen kann gesagt werden, dass sie das
Anliegen, den Sozialstaat in der Verfassung zu verankern, höchst
uneigennützig vertreten. Vermögende begünstigt! In einem Text mit dem Titel "Warum ein Volksbegehren gegen
den Sozialstaat" heißt es nach dem Verweis darauf, dass in
Europa seit Jahren eine Offensive zur Schwächung des
Sozialstaats in Gang ist, wörtlich: "In Österreich wird zur Zeit
diese Politik gegen den Sozialstaat verschärft: Sie schwächt
besonders seine vier Hauptsäulen, die Kranken- und
Unfallversicherung, die Altersvorsorge, die
Arbeitslosenversicherung und das öffentliche Bildungswesen.
Gleichzeitig verstärkt sie ihren Einfluss auf die Sozialversicherung
und schaltet die Selbstverwaltung weitgehend aus. Unter der Devise "Sozialstaat schlank" wird die Spaltung der
Gesellschaft vertieft, Ausgrenzung und Verarmung werden
gefördert. Diese unsoziale Politik richtet sich gegen die Mehrheit
der BürgerInnen und begünstigt zugleich die Vermögenden.
Denn mit den Sozialkürzungen erspart der Staat den besser
Verdienenden einen höheren Beitrag, durch Selbstbehalte in der
Krankenversicherung und Senkung von Pensionsansprüchen
werden die Sozialbeiträge der Unternehmer vermindert. Dies gilt
in noch höherem Maß für die "Superreichen": Sie haben ihre
Vermögen in Privatstiftungen untergebracht und leisten deshalb
keine nennenswerten Beiträge für das Gemeinwesen." Im weiteren Text wird beklagt, dass durch diese
Entwicklung der "Zusammenhalt unserer Gesellschaft
unterminiert" werde. Allerdings könnte man genau so gut sagen,
dass die herrschende Klasse nach dem Wegfall der Bipolarität
der Welt wieder jeden Genierer verloren hat und ohne
Rücksichtnahme auf soziale Aspekte der Steigerung der Profite
Vorrang einräumt. Im Zeichen der Globalisierung ist unter den
Regierungen in der Europäischen Union eine Konkurrenz
darüber ausgebrochen, welches Land (Schlagwort
Standortsicherung) dem Kapital die günstigsten
Verwertungsbedingungen bietet. Da in dem Rahmen die Höhe
der Lohnnebenkosten eine wichtige Rolle spielt, ist der
Sozialabbau gewissermaßen systembedingt. Bewegung wünschenswert Es stellt sich die Frage, wofür die Initiative für die Verankerung
des Sozialstaats in der Verfassung gut ist. Selbst wenn das
Volksbegehren erfolgreich abgeschlossen wird, droht ein
feierliches Begräbnis durch die Mehrheit des Nationalrats, falls
es nicht gelingt, die Initiative mit einer echten Bewegung - etwa
in den Großbetrieben des Landes - zu kombinieren. Die Aktion
ist allerdings gut geeignet, Stimmung gegen die Regierung zu
machen und damit den Boden für die beiden im Parlament
vertretenen Oppositionsparteien aufzulockern. Dabei bleibt freilich offen, wie weit SPÖ und Grüne beim Eintritt
in eine Regierung ihrerseits in der Lage wären, eine an den
Grundsätzen des Sozialstaats orientierte Politik in der Praxis
auch tatsächlich umzusetzen. Eines der größten Probleme der
politischen Szenerie besteht momentan darin, dass die Parteien
lediglich das höchste begrenzte (Eigen-)Interesse ihrer
Spitzenfunktionäre (zur Sicherung von Posten und Privilegien)
im Visier haben und keine Interessen mehr von klar umrissenen
Zielgruppen wie bestimmter Klassen und/oder Schichten
vertreten. Sozialdemokratisch mutet an der Initiative das Vertrauen in den
Staat an. Dieser Moloch ist jedoch keineswegs dazu geschaffen,
sich besonders sozial zu erweisen. Statt als neutrales Wesen
entpuppt er sich in letzter Konsequenz als Instrument bzw.
Agentur der herrschenden Klasse, die dazu geschaffen wurden,
ihre Dominanz in allen entscheidenden Bereichen der Gestaltung
gesellschaftlicher Zusammenhänge abzusichern. Dazu kann aber
muss es nicht gehören, fallweise soziale Gegensätze
auszugleichen. Die Hauptfunktion des Staates als
Klasseninstrument ist übrigens auch der Grund dafür, weshalb
mit Übernahme der Regierung durch sozialdemokratische
Parteien die Probleme nicht gelöst werden, sondern erst
beginnen, wie in Österreich rund 30 Jahre lang zu beobachten war. Alles Gute! Diese Einwände zu bedenken, bedeutet nicht die Initiative
schlecht zu machen. Wie es aussieht findet sie äußerst breite
Unterstützung. Das beweist etwa die Tatsache, dass die Aktion
bereits von mehr als 200 Organisationen mit getragen wird.
Vertreten ist nahezu alles, was in der gesellschaftlichen Mitte und
links von ihr Rang und Nahmen hat von A wie Abteilung Kirche
& Arbeitswelt – Katholische Aktion oder Arbeitskreis
Emanzipation und Partnerschaft (AEP) bis Z wie Zentralverein
der Wiener Lehrerschaft oder Zum alten Eisen? – Verein für
Arbeitssuchende ab 40. Selbst der Wunsch der InitiatorInnen,
dass die Unterstützer sich eigeninitiativ an der
Unterschriftensammlung beteiligen, scheint in Erfüllung zu gehen.
Laut "Standard" wurden am jüngsten Parteitag der SPÖ-Wien
mit Hilfe eines Notars fleißig Unterstützungserklärungen
gesammelt. Die erste Phase der Sammlung von Unterstützungserklärungen
(auf den Gemeindeämtern und in Wien in den Magstratischen
Bezirksämtern) läuft bis Anfang Dezember. Zum weiteren
Vorgehen ist auf der Homepage www.sozialstaat.at zu lesen: "Die
Unterstützungserklärungen werden darauf im Innenministerium
eingereicht, welches einen Termin für die Eintragungswoche im
Frühjahr 2002 festlegen wird. In der nachfolgenden Phase soll
eine immer breitere Mobilisierung der BürgerInnen zum
Unterscheiben des Volksbegehrens organisiert werden. Ziel ist
es, möglichst viele Organisationen und Personen für eine
eigenständige Propagierung des Volksbegehrens ‚Sozialstaat
Österreich‘ zu gewinnen." Die Zielsetzungen der Initiative, die auch vom GLB unterstützt
wird, sind äußerst erstrebenswert. Kein Zweifel, dass möglichst
große Zustimmung der Regierung alles andere als Freude
bereiten wird. Daher und überhaupt ist dem Volksbegehren alles
Gute zu wünschen. Der Wortlaut des Volksbegehrens Die UnterzeichnerInnen begehren folgende Ergänzung der
österreichischen Bundesverfassung: Dem Artikel 1 ("Österreich ist
eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus.")
wird ein Absatz 2 angefügt. Dieser lautet: "Österreich ist ein
Sozialstaat. Gesetzgebung und Vollziehung berücksichtigen die soziale
Sicherheit und Chancengleichheit der in Österreich lebenden
Menschen als eigenständige Ziele. Vor Beschluss eines Gesetzes
wird geprüft, wie sich dieses auf die soziale Lage der
Betroffenen, die Gleichstellung von Frauen und Männern und
den gesellschaftlichen Zusammenhalt auswirkt
(Sozialverträglichkeitsprüfung). Die Absicherung im Fall von
Krankheit, Unfall, Behinderung, Alter, Arbeitslosigkeit und
Armut erfolgt solidarisch durch öffentlich-rechtliche soziale
Sicherungssysteme. Die Finanzierung der Staatsausgaben
orientiert sich am Grundsatz, dass die in Österreich lebenden
Menschen einen ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage
angemessenen Beitrag leisten."