Jorge Amado - Poet der Hurerei und des Müßiggangs ?

Als "Poet der Hurerei und des Müßiggangs" wurde der im Ausland wohl bekannteste brasilianische Schriftsteller einmal von einem feindseligen Kritiker abqualifiziert - zur großen Freude des Geschmähten, der damit die wesentlichsten Schlüsselelemente seines literarischen Wirkens treffend charakterisiert fand. Eines davon war zweifelsohne seine fröhliche Sinnlichkeit: Amado war wohl ein einzig dastehender Autor mit seiner Fähigkeit, ein ansonsten als anstößig empfundenes Vokabular sogenannter "four-letter-words" mit Synonymen für die weibliche Vagina voller Sehnsucht, Heiterkeit oder Poesie literarisch zu gebrauchen. Und unter dem gebrandmarkten Müßiggang verstand er vor allem die Huldigung an die Freundschaft und die Freude am Leben.

Noch gehässiger sehen ihn andere Kritiker, die ihm seine kommunistische Vergangenheit inklusive Stalinkult vorwerfen, die ihn andererseits aber auch nicht daran gehindert haben soll, nach dem Nichtangriffspakt zwischen der Sowjetunion und Hitlerdeutschland auch als Herausgeber der Kulturseite des Naziblattes "Meio-Dia" als "Botschafter des Faschismus" gewirkt zu haben und mit der Verarbeitung seiner Romane als Hollywood-Filmschinken und Seifenopern für das TV-Globo-Network eines Roberto Marinho seine sozialen Anliegen zugunsten schnöden kapitalistischen Mammons verraten zu haben.

Von den Jesuiten als zukünftiger Novize erzogen, mutierte der 1912 auf einer Kakao-Pflanzung im Süden des brasilianischen Bundesstaates Bahia geborene Jorge Amado schon bald zum Entsetzen seiner Lehrmeister zum atheistischen Bolschewiken. Bereits als Neunzehnjähriger feiert er mit dem Erfolg seines ersten Romans "Das Land des Karnevals" den Beginn seiner Schriftstellerkarriere, aber unter der Diktatur des Getulio Vargas werden seine Bücher verbrannt und verboten. Der misslungene Intentona-Aufstand der Kommunisten bringt deren Führer Luis Carlos Prestes ins Gefängnis und dessen jüdische deutsche Frau Olga Benário wird an Hitlerdeutschland ausgeliefert. Amado wird ihm als "Ritter der Hoffnung" ein Denkmal setzen.

Amado geht ins Exil nach Argentinien, erst 1943, als Brasilien in die Koalition gegen die Achsenmächte eintritt, kann er nach Bahia zurückkehren. Mit den Romanen "Kakao" und "Suor" löst er sich stilistisch von der ihm immer wieder angekreideten Simplifizierung eines vereinfachten Schwarz-Weiss-Denkens und einem dementsprechend romantisierenden Kommunismus-Begriff. Nach dem Krieg wird er Abgeordneter für die brasilianischen Kommunisten, muss aber nach deren neuerlichem Verbot wieder ins Exil. In Frankreich trifft er mit Sartre, Aragon und Picasso zusammen und schreibt als Gast der tschechoslowakischen Schriftstellervereinigung auf Schloß Dobris seine Huldigung "Die Welt und der Friede", für die er mit dem Stalinpreis bedacht wird.

Nach der bitteren Erkenntnis der Tragweite eines solchen so genannten "Personenkults" zieht er sich zunehmend von der kommunistischen Partei und der mit ihr verbundenen politischen Militanz zurück und besingt "Bahia, die Feste mit Freunden, die Chansons eines Vinicius de Moraes, die afro-bahianesische Küche mit Palmöl und Kokosmilch und die Frauen" - die er in seiner "Navigation der Küstenschiffahrt" unter dem Sammelnamen "Maria" anführt. Er huldigt sozusagen einem "magischen Realismus" von der Art, wie dies in dem "extrem magischen" Bahia eben höchst real beheimatet ist und zeigt stolz sein um die Verfilmungsrechte des Romans "Gabriela" erworbenes 100.000-Dollar-Haus, das er mit seiner langjährigen Lebensgefährtin, der Schriftstellerin Zelia Gattai ebenso stolz bewohnt wie das kleine Häuschen im Pariser "Le Marais" um 250.000 Dollar für "Tocaia Grande".

Auf seine alten Tage erfährt er noch alle möglichen Ehrungen, allerdings mit Ausnahme des Literatur-Nobelpreises. So wird er auch zum Mitglied der brasilianischen Akademie der Literatur ernannt, eine Vereinigung, die er in seiner Jugend noch heftig bekämpft hatte. Dazu der Freund und Schriftsteller Ilja Ehrenburg: "Wir lieben Jorge Amado und haben zu ihm volles Vertrauen. Unlängst sah ich ihn auf einer Fotografie, ein wenig fülliger, als ich ihn in Erinnerung hatte, in einem ernsthaften akademischen Gewande. Ich betrachtete es lächelnd. Sie geben ihren Akademie-Angehörigen schon wirklich feierliche Talare in Brasilien. Sie tragen dazu übrigens sogar richtiggehende Degen wie die Franzosen. Aber es ist nichts Falsches daran, wenn eine ganz einfache Person von früher einmal auch im Kostüm der Unsterblichen erscheint".

Heinz Granzer


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