
Formel I - Träume und Streikkämpfe
Verluste in zweistelliger Millionenhöhe (die Experten schätzen die Einbußen auf insgesamt 500 Millionen Dollar) musste VW im Zuge eines dreiwöchigen Streiks im mexikanischen Puebla, 120 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, hinnehmen. Auch aus Brasilien und Südafrika kommen Meldungen von Entlassungen protestierender Arbeiter. Zuletzt wurde bekannt, dass VW auch in Belgien bis zum Jahresende weitere 360 Kündigungen durchführen will, nachdem schon Ende September 340 der insgesamt 6.800 Beschäftigten gehen mussten. Als Begründung wurden Rückgänge bei den Verkäufen, aber auch "häufige Streiks" angegeben. Der letzte war ein spontaner 24-stündiger Streik gegen die verweigerte Verlängerung der Zeitverträge. Von Heinz GRANZER. In Mexico hat VW den Streik von Puebla zum Anlass genommen, vorgesehene Investitionen "für den Moment zu stoppen", wie Francisco Bada, Vize-Präsident von VW-Mexico nach der Einigung über eine Lohnerhöhung im Ausmaß von 14,7 Prozent für die Belegschaft des Werkes verkündete. Insgesamt waren für die kommenden fünf Jahre 1,5 Milliarden Dollar vorgesehen gewesen. Diese Mittel würden jetzt in Asien eingesetzt, betonte Bada. Auch Thomas Karig, der Sprecher von VW-Mexico, führte aus, die nunmehr gestoppten Investitionen seien für die Modernisierung des Werkes gedacht gewesen, um dort neue Produkte fertigen zu können. In Puebla werden von etwa 12.400 Beschäftigten täglich 1.500 Autos und 2.000 Motoren vor allem für den US-amerikanischen Markt produziert. Der Schwerpunkt der Erzeugung liegt auf dem Käfer-Nachfolgemodell "New Beetle", das in Mexiko für den Gesamtkonzern gefertigt und in achtzig Länder exportiert wird, aber auch die Modelle "Jetta" und "Golf Cabriolet" werden hier hergestellt. Für den mexikanischen Inlandsmarkt wird hier auch noch der gute alte Käfer gebaut. Regierung unter Druck gesetzt Die schließlich zum Streik führende Auseinandersetzung ging letztlich um die Verweigerung der ansonsten üblichen jährlichen Lohnerhöhung. Die neue Regierung des Präsidenten Fox sucht eine Obergrenze für Lohnerhöhungen festzulegen, die unterhalb der mit 6,5 Prozent bezifferten Teuerungsrate liegt. Mexico befindet sich nämlich seit vergangenem November in einer Phase des wirtschaftlichen Abschwungs, in dessen Verlauf bereits 500.000 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz verloren haben. Auch der Arbeitskampf bei VW ist im Zusammenhang mit einer typischen Überproduktionskrise zu sehen, die sich aus dem Rückgang der Exporte in die USA ergibt. VW hat deshalb für 2001 bereits neun Freischichten angesetzt. Während dieser "paros tecnicos" erhalten die Beschäftigten lediglich 50 Prozent ihres normalen Lohns. 50 Prozent ihres Lohnes bekommen die Streikenden nun auch für die im Zuge des Arbeitskampfes ausgefallenen Arbeitstage von VW nachbezahlt, erklärte dazu Jose Luis Rodriguez, der Vorsitzende der mexikanischen VW-Arbeiter-Gewerkschaft. Die ursprüngliche Gewerkschaftsforderung von 30 Prozent wurde im Verlauf der vom Arbeitsministerium moderierten Verhandlungen zuletzt bereits auf 16 Prozent reduziert. Einen von der Regierung vorgelegten "Kompromiss"-Vorschlag über 5,5 Prozent bezeichnete die Belegschaft als "lachhaft" und lehnte ihn ebenso ab wie das - im Rahmen einer Urabstimmung - Angebot der Unternehmensleitung über 8,5 Prozent plus 1,7 Prozent für zusätzliche Sozialleistungen. Der nunmehrige Abschluss umfaßt nach Angaben der Gewerkschaft auch um 3,5 Prozent höhere Lebensmittelgutscheine und eine um ein Prozent angehobene Unterstützung für die Schulausstattung der Kinder der Beschäftigten. Diese insgesamt rund 14,7 Prozent Lohnerhöhung nahm nun also der VW-Konzern zum Anlass, seine für Mexico vorgesehenen Investitionen zu stoppen und die Regierung unter Druck zu setzen. Laut VW-Sprecher Thomas Karig habe auch "die unsichere Lage im mexikanischen Arbeitsrecht" zu der Entscheidung des Unternehmens beigetragen. Die Regierung Mexicos müsse zu einer Reform des Arbeitsrechtes schreiten, um dieses "den Anforderungen einer modernen Industriegesellschaft" anzupassen. Karig forderte in diesem Zusammenhang "ein Gleichgewicht zwischen den Rechten der Arbeiter und denen des Unternehmens", sowie bessere Instrumente, um die Lösung von Tarifkonflikten effizienter zu gestalten ... Anfang Oktober wurde der Betrieb schließlich erneut für 24 Stunden stillgelegt, um die schwächere Nachfrage aus den USA zu kompensieren... Auch Argentiniens Klima ist nicht freundlicher... Ähnliche Sorgen beeinträchtigen auch die argentinische VW-Niederlassung in Cordoba, wo der frühere österreichische Bundeskanzler Viktor Klima bekanntlich die undankbare Aufgabe hat, die dramatischen Rückgänge im Automobilabsatz in Argentinien zu bewältigen. Auch hier drohte der VW-Konzern bereits letztes Jahr mit der Verlagerung der für Cordoba geplanten Erweiterungen nach Brasilien. Dort hat nämlich Volkswagen in Sao Paulo eine Klage verloren, für die im Zuge einer Neuansiedelung kostenlos zur Verfügung gestellte Infrastruktur im ausreichenden Maß die versprochene Anzahl von neuen Arbeitsplätzen zu errichten. Das ist wiederum vor dem Hintergrund eines zwischen Argentinien und Brasilien andauernden Streits über die Gewährung staatlicher Subventionen zur Anlockung von Investoren zu sehen ... Viktor Klima will nun die Betriebskosten von "Volkswagen Argentinien SA" im kommenden Jahr um 40 Prozent reduzieren, um derart wenigstens wieder ein ausgeglichenes Ergebnis erreichen zu können. Auf weitere Kapitalspritzen könne das Unternehmen dann verzichten. Dieses Ziel soll vor allem durch eine Reduzierung der Zahl der Arbeitsplätze erreicht werden, wobei noch offengelassen wird, wie viele Stellen dabei wegfallen sollen. Außerdem will Klima die Finanzkosten drücken und die Verträge mit Lieferanten und Händlern neu aushandeln. Auch in Zukunft muss man bei VW damit rechnen, dass der Absatz am argentinischen Automarkt auf dem niedrigen Niveau von 200.000 Fahrzeugen stagnieren wird. Auch in Brasilien musste Volkswagen im September einen Absatzrückgang um 30 Prozent hinnehmen. Als Gründe dafür wurde die "Abkühlung der Konjunktur", steigende Zinsen und ein deutlicher Kursrutsch der Landeswährung Real gegenüber dem Dollar genannt. Jetzt sollen in den brasilianischen Werken bis zu 4.000 Beschäftigte gekündigt werden ... Mit Formel-I-Träumen abheben? Auch in den deutschen Stammwerken Wolfsburg und Emden hatte Volkswagen die Produktion für eine Woche ruhen lassen, um einen Lageraufbau zu verhindern und der Betriebsrat stellt sich auf eine weitere Produktionspause zusätzlich zu den alljährlichen Stillständen zwischen Weihnachten und Neujahr ein. "Falls die Automobilmärkte in Folge des Krieges weltweit einbrechen sollten, haben wir mehrere Instrumente, eines davon ist die Produktionsunterbrechung", meinte etwa der Geschäftsführer des Gesamtbetriebsrates, Hans-Jürgen Uhl. Dazu könnten die Arbeitszeitkonten genutzt und in dieser Zeit Urlaub genommen werden. Nachdem in den ersten acht Monaten des Jahres konzernweit noch ein Zuwachs von 2,7 Prozent auf 3,48 Millionen verkaufte Fahrzeuge ausgewiesen werden konnte, musste VW im Oktober allerdings Absatzeinbußen hinnehmen. An den bereits im Vorjahr geplanten Investitionen im Ausmaß von 63,5 Milliarden DM bis 2005 soll sich aber trotz der schwierigen Marktlage nichts ändern. Der VW-Betriebsrat fordert jetzt aber andere Schwerpunkte für die Investitionen des Konzerns und sieht vor allem die Investitionen in Luxusautos mit gemischten Gefühlen. "Der Strategie haben wir zugestimmt, dazu stehen wir", meinte etwa Betriebsratsvorsitzender Klaus Volkert, aber einzelne Modelle wie den geplanten "kleinen" Bentley könne man getrost verschieben. Auch die derzeit betriebene Expansion im Nutzfahrzeuggeschäft müsse nicht obenan stehen. Stattdessen solle nach Meinung des Betriebsrates in ein zwar weit gediehenes, aber vom Vorstand einstweilen auf Eis gelegtes Einsteigerauto in der Preisklasse unter 15.000 DM investiert werden. Auch bei der Komponentenfertigung müssten neue Impulse gesetzt werden. "Wir haben Automarken gekauft, warum nicht auch Elektronik-Know-how?" meinte Klaus Volkert. Wenig übrig hat der Betriebsrat hingegen für die angebliche Lieblingsidee des künftigen Vorstandsvorsitzenden Pischetsrieder, sich als Volkswagen nun auch in der extrem teuren Formel I engagieren zu wollen: "Herr Pischetsrieder angelt ja angeblich auch gern. Trotzdem käme niemand darauf, dass wir eine Lachsfarm eröffnen sollten". Stattdessen wird nun das schon seit Jahren geforderte Sozialbudget in der Höhe von rund 50 Millionen DM jährlich eingemahnt. Damit soll vor allem der Vorruhestand finanziert werden, der nach der Kürzung der staatlichen Förderung weniger attraktiv ist. Angesichts der überwiegend jungen Belegschaften in den Auslandstöchtern würden ansonsten die Chancen der deutschen Standorte sinken. "Das Sozialbudget ist auch ein Investment!" mahnt der Betriebsrat.