
Wo bleibt die alternative
Wirtschaftswissenschaft?
Wir erinnern uns alle daran, dass seit einem Jahr laufend die Daten über die Entwicklung der Wirtschaft herabgesetzt werden. Nicht dass es bereits zu einer weltumfassenden oder heimischen Krise gekommen wäre, aber das Wachstum verlangsamt sich, manche Branchen und Länder sind stärker davon betroffen, und jeder politische Unsicherheitsfaktor lässt sofort die Aktienmärkte, dann auch die Währungen und Staatshaushalte erzittern. Wertverschiebungen in unvorstellbaren Milliardenbeträgen machen jegliches Wirtschaften und den Rest staatlicher Steuerungsmöglichkeiten über öffentliche Investitionen, Sozialsysteme und Fiskalpolitik zum Hasardspiel. Was bleibt, ist die sklavische Unterordnung: gegenüber dem "freien" Finanz- und Aktienmarkt, unter die unbeschränkten Handelsfreiheiten (das Warendiktat des Stärkeren), die Degradierung der Menschen zu Empfängern von Werbebotschaften und zu verschiebbaren Figuren im "Standortwettbewerb". Ein Merkmal ist das Ansteigen der Aktienkurse eines Unternehmens nach angekündigtem oder vollzogenem Personalabbau. Der homo sapiens sapiens (die bisher höchste Stufe der Evolution) wird zum homo sapiens flexibilis, dem manipulierbaren Menschen, der jederzeit gerade so verwendbar sein muss, wie ihn das Aktienkapital in irgendeinem profitablen Unternehmen an irgendeinem Ort gerade braucht. Diese als Neoliberalismus (er wird auch Ultraliberalismus genannt) bezeichnete Phase des kapitalistischen Wirtschaftens verursacht eine nach abwärts führende Spirale. Anschaulich wird sie durch die innerhalb eines Jahres fünfte Herabstufung der österreichischen Wirtschaftsprognosen, vorgetragen Ende September von den etablierten Wirtschaftsforschungsinstituten WIFO und IHS. Wir haben an dieser Stelle schon bemerkt, dass es sich um Institute handelt, die der heimischen "Sozialpartnerschaft" und den jeweils herrschenden ökonomischen Bedingungen ("Neoliberalismus") verpflichtet sind. In der Wirtschaftsforschung hat es immer solche gegeben (emporgestiegen bis zu Nobelpreisen), die dem Kapital und seinen Regierungen willig Argumentationsstützen für jeweils noch brutalere Ausbeutungsmethoden geliefert haben. Zu unterscheiden sind die statistischen Feststellungen über Vorgänge in der Wirtschaft von den Schlussfolgerungen und Empfehlungen an Unternehmervertretungen bzw. Regierung, wobei wir uns immer kritisch mit der Geheimpolitik zwischen diesen Instituten und der jeweiligen Regierung auf der Ebene der transdemokratischen "Sozialpartnerschaft" auseinandergesetzt haben. Wenn also in Österreich zur Zeit Zweckoptimismus betrieben wird, dann hat das einen Grund: Man solle die Aktionäre nicht verunsichern, damit sie nicht ihr Geld abziehen. Welche Verunsicherung sich Arbeiter und Angestellte gefallen lassen müssen, darum fragen der "freie" Markt und die Chefökonomen nicht, obwohl letztlich diese Millionen Konsumenten es sind, von deren Einkommen und Kaufkraft die Produktionen, der Markt und die Gewinne abhängen. Daher ist die andere Frage zu stellen: Warum machen sich AK und ÖGB nicht längst in der wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion massiv bemerkbar und betreiben die Sammlung von Alternativen zum neoliberalen Gefälligkeitskurs? - Schm -