Die Ostbahn Kurtis live "Jo de Orbeit de Orbeit bringt di um"

Ein Wiener Rock-Musikant namens Willi Resetarits hat einen Eisenbahner zum Kult für jung und alt gemacht. Die Legende Ostbahn-Kurti hat als Parade-Prolo die Fans vom Neusiedler- bis zum Bodensee begeistert. Weniger Wohlgefallen in der Öffentlichkeit fand die sauteure Bundesbahn-Werbekampagne mit dem arbeitslos gewordenen ehemaligen Staatsmann. Ein "Reisereport" durch die alten, aber wenig ehrwürdigen Hallen der Eisenbahn. "Die Bahn bewegt alle", lautet der gegenwärtige Werbespruch. "die arbeit" bringt einen Bericht darüber, was die Eisenbahner bewegt. Ein Lokalaugenschein über Ostbahn-Kurtis live vom Südbahnhof über Matzleinsdorf nach Meidling.

Von Max WACHTER.

50.000 Eisenbahner und Eisenbahnerinnen ermöglichen es, dass die Bahn kommt. Vor zehn Jahren waren es noch um 18.000 Personen mehr, die durch ihren Dienst bei den Österreichischen Bundesbahnen ihr Geld verdienten. Die personelle Abspeckung ist der Chefetage gelungen. Für die Bahnhofsoffensive wurden die Weichen wegen des Sparkurses der Bundesregierung in Richtung Abstellgeleise gestellt. Auf der Westbahn tut sich was in Sachen Modernisierung. Auf der Südstrecke hat die moderne Bahn um Jahrzehnte Verspätung. Aber es kommt noch schlimmer. Dort wo tausende Eisenbahner arbeiten und wohin sich sicherlich kein Fahrgast verirrt sind "mittelalterliche" Zustände wie im vorigen Jahrhundert. Auf geht’s, die Türen schließen nicht automatisch, der Zug fährt ab in die fünfziger Jahre.

Die Bahn bewegt alle – besonders die, die bei ihr arbeiten

Als "Zugbegleiter" für diesen Report stehen die fortschrittlichen Eisenbahngewerkschafter Rudi Wilhelm und Theo Schneider mit Rat und Tat zur Verfügung. Die beiden Vertrauensmänner (=Betriebsräte) vom Gewerkschaftlichen Linksblock im ÖGB finden bei ihren Kolleginnen und Kollegen große Zustimmung für ihre Argumente. Die Eisenbahnbediensteten wählen am 14. und 15. November ihre Personalvertretungen. Vor vier Jahren hat der GLB bei der ÖBB-Wahl einen beachtlichen Erfolg erzielt und mehr als zehn Prozent der Stimmen erkämpft. Auf dem Weg zum Verschiebe- und Frachtenbahnhof Wien-Matzleinsdorf erzählt Rudi Wilhelm über die verbesserten Möglichkeiten des GLB, sich für die Interessen der EisenbahnerInnen stark zu machen. "Als freigestellter Personalvertreter kenne ich jede Bundesbahn-Dienststelle in der Ost-Region. Ich besuche die KollegInnen so oft es nur geht und erkundige mich, wo sie der harte Eisenbahner-Schuh drückt. Wenn‘s wo Probleme gibt, versuchen wir diese im Interesse der Betroffenen zu lösen", erzählt der Mann, der Anfang 40 ist und bereits seit 25 Jahren bei der Eisenbahn arbeitet. Rudi Wilhelm fügt hinzu, dass es vor allem in den "untergeordneten" Bereichen der Bahn wahrlich genügend Probleme gibt, und die werden durch die Personaleinsparungen eher mehr als weniger.

Das Stellwerk Meidling ist ein schäbig wirkender Flachbau inmitten eines weitläufigen Schienengeländes. Die eingerichtete Baustelle macht eher den Eindruck der Kosmetik am Altbau als einer grundlegenden Modernisierung. Der Stiegenaufgang zum "Wachturm" ist eng, sehr eng. Oben angekommen befindet sich in einem viel zu kleinen Raum das elektronische Herz des Meidlinger Bahnhofs: Viele blinkende Lichter an der großen Schalttafel, an den Computern sitzt ein halbes Dutzend Beschäftigte vom Signaldienst voll konzentriert bei der Arbeit. Der GLB-Mann Theo Schneider sagt seinen KollegInnen Hallo und teilt das Wahlkampfmaterial des Linksblocks aus. Es wird ein bisschen "fachgesimpelt". Theo ist am Klederinger Verschiebebahnhof in Wien Simmering im Signaldienst tätig. Er gehört dort zum gewählten Vertrauenspersonenausschuss und kennt daher dieses Handwerk und die sich daraus ergebenden Arbeitsbedingungen und Probleme durch Schichtarbeit und Bildschirmarbeit aus dem efef. Im Pausenraum wird dann sachlich und ambitioniert über den Job eines Eisenbahners diskutiert. Ein Meidlinger Kollege beklagt das schlechte Image der Bahnangestellten und die von Medien und Politikern geschürten Vorurteile gegenüber den Eisenbahnern. Theo und seine Kollegen wissen, dass das normale Bahnvolk genau so lange arbeiten muss wie Beschäftigte am Bau und in der Fabrik. Geduldig und sachlich rechnet er für zwei Kollegen die Einbußen durch das neue ÖBB-Pensionsrecht aus: Nach dem abgeschafften Pensionsrecht würden sie 21 Blaue bekommen, nach dem neuen Gesetz sind es nur mehr 18 Tausender. Die KollegInnen von der Fraktion Sozialistischer Gewerkschafter bekommen von den anwesenden Diskutanten ihr Schmalz ab. Die Verschlechterung des Eisenbahner-Pensionsrechts ist ein Machwerk der rot-schwarzen Koalitionsregierung.

Über 100 Urlaubstage und 300 Stunden Zeitausgleich

Kurz vor Mittag besuchen die zwei GLB-Personalvertreter die KollegInnen in den Lagerhallen und Verwaltungsabteilungen des Frachtenbahnhofs Matzleinsdorf. Immer dieselben Gesprächsthemen: Arbeitsüberlastung, weil zu wenig Personal, Überstunden, Gesundheit und Pension, alte Maschinen. Hubstapler, die einen besseren Eindruck im Technischen Museum an der Westbahn gemacht hätten. Feuchte und ölverschmierte russgeschwärzte Wände. Man spürt förmlich den Geist von Kaiser Franz Joseph in den alten Gemäuern. Nein, so sehen Arbeitsplätze im Jahr 2001 nach Christi Geburt nicht aus. Jeder Privatbetrieb hätte berechtigte Wickeln mit dem Arbeitsinspektorat und der Gewerbebehörde.

Jetzt sollte man meinen, schlimmer kann es nur mehr in der Geisterbahn im Wiener Prater kommen. Aber weit gefehlt. Die "Neue Bahn" bringt ihre Bediensteten mit ihrem "Arbeiterbewegungs-Museum"- reifen Einrichtungen in Rage. Die Aufenthaltsräume des Wagenreinigungs-Personals sind schlicht und einfach ein Skandal. Die klapprigen Blechspinde sind Baujahr uralt, die Spindreihen so eng, dass es für den Kleiderwechsel beinahe akrobatischer Künste bedarf. Es ist unvorstellbar wie die, vor einem Jahr gelieferten "neuen Tische" ausschauen: aus schwarzen Vierkantformrohren zusammengeschweißte Hax’n und eine aufgequollene Furnierspanplatte; Holzlattenbänke, wie es sie nicht einmal mehr in den Nostalgiedampfzügen aus dem Jahre Schnee gibt. Was Manfred und Hans von der Waggonreinigung zu berichten haben, klingt genau so frustig wie das Ambiente ihrer jobmäßigen Sozialräume ausschaut.

"Bei uns gibt es Leute, die haben 100 Urlaubstage und mehr offen. Ich hab jetzt beinahe 300 Stunden Zeitausgleich stehen. Es gibt KollegInnen, die haben noch mehr. Wir bekommen kein Regengewand und auf die bestellten Sicherheits-Schuhe habe ich beinahe ein Jahr gewartet. Die Auslieferung der Arbeitsbekleidung dauert urlange", regt sich Manfred auf, der auch schon 20 Eisenbahnerjahre auf dem Buckel hat. "Diese Arbeit da und unsere Arbeitsbedingungen bringen dich vorzeitig ins Grab", legt Kollege Hans noch einen Zahn zu. "Wenns‘d einmal in Krankenstand gehst, weils‘d erledigt bist, dann klopft nach drei Tagen der Kontrollor an deiner Wohnungstür", schildert er aus dem Alltag des harten Eisenbahnerlebens. Voriges Jahr hat Franz seinen "sicheren Job" bei der Bahn gekündigt, weil er den Arbeitsdruck nicht mehr ausgehalten hat. Der 45-jährige Mann war mehr als 20 Jahre bei der ÖBB.

In der Mittagspause wurde die Diskussion immer heftiger. Zu viel Unmut hat sich bei den 20 anwesenden Kolleginnen und Kollegen aufgestaut. Doch das schwere Eisenbahner -Dasein geht weiter. Mit einer Verschublok werden mehrere Reisewaggons vor dem Fenster des Aufenthaltsraumes vorbeigeschoben: "Auf geht’s, da führn‘s gerade unsere Arbeit vorbei, obwohl noch immer ein ganzer Zug zum Reinigen in der Anlage steht", poltert Manfred im Hinausgehen los.

"Das sind schon haarsträubende Zustände", resümiert der GLB-Personalvertreter Rudi. Wir kommen gar nicht nach, solche Missstände nicht nur aufzuzeigen, sondern auch zu beseitigen. Aber wir haben schon Vieles erreicht und die Kolleginnen und Kollegen haben sich über die Verbesserungen gefreut. Leider lassen uns des öfteren die Kollegen von der FSG-Mehrheitsfraktion anrennen, wenn wir bei der Direktion mit Vehemenz Verbesserungen fordern.

Eine erfreuliche Nachricht am Schluss: Das Mittagessen in der Eisenbahner-Kantine am Südbahnhof ist billig und gut. Dieser Genuss ist aber nur Eisenbahnbediensteten vorbehalten – leider!


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