
Es war einmal ein Semperit-Konzern ...
Von Heinz GRANZER. Bei der Diskussion um die vom nunmehrigen deutschen Eigentümer geplante Sperre des Semperit-Reifenwerks in Traiskirchen gerät mitunter die Tatsache ins Hintertreffen, dass Semperit ja selbst einmal unter den Fittichen der überwiegend staatseigenen Creditanstalt-Bankverein ein auch international durchaus erfolgreicher Konzern war. Neben den Stammwerken in Wimpassing und Traiskirchen wurden in Linz-Wegscheid Schaumstoffe produziert und in Wels die Interplastic mit ihren Bodenbelägen zu erst einmal 74 Prozent übernommen. Eine eigene Fensterfertigung "Semperdur" war ebenso zu finden wie die Wiener Gummi- und Plastikwerke Perfekta und gemeinsam mit der CA wurden Handelsketten wie Reithoffer, Litega und deren Tochter Philipp Haas betrieben. In Deggendorf bei München wurde schon bald nach dem Krieg die Produktion von technischen Produkten aufgenommen. Auch das frühere Semperit-Werk im slowenischen Kranj, das 1940 von der deutschen Continental geschluckt worden war, kam 1972 im Zuge einer Kooperation als Sava-Semperit wieder teilweise unter österreichische Fittiche. Seit 1969 wurden auch im irischen Dublin für den Export nach Großbritannien, Skandinavien und in die USA Semperit-Reifen produziert. Mit über 15.000 Beschäftigten in 24 Produktions- und Vertriebsgesellschaften, einem Umsatz von über 6 Milliarden Schilling und einer Jahresproduktion von mehr als 158.000 Tonnen war der Semperit-Konzern 1973 das zweitgrößte Privatunternehmen Österreichs und auch international durchaus erfolgreich. Trotzdem führte der so genannte "Ölpreisschock" zu dramatischen Auslastungsproblemen gerade im Reifengeschäft bei gleichzeitig steigenden Preisen für das Rohmaterial. Erstmals seit Jahrzehnten konnte 1974 keine Dividende ausbezahlt werden. Dazu trug freilich auch bei, dass die Konzernmutter CA ihren Konzern nur sehr stiefmütterlich mit lediglich 570 Millionen an Eigenkapital ausgestattet hatte und so einen erklecklichen Teil der Gewinne an den anderen Aktionären vorbei als Kreditzinsen lukrieren konnte. Gespart wurde allerdings bei den Beschäftigten und an Investitionen. Der Belegschaftsstand sank um tausend Mitarbeiter und die Investitionen gingen konzernweit von 539 auf 366 Millionen Schilling zurück. Die Verluste blieben trotzdem. Mit neuer Technologie im Fadenkreuz der großen Rivalen Gerade am Reifenmarkt hatte es schließlich mit der Entwicklung des so genannten Stahlgürtelreifens eine technische Innovation gegeben, die die Lebensfähigkeit der Reifen ganz entscheidend verlängerte. Auch als nach dem Ölpreisschock wieder mehr Autos gekauft wurden, dauerte es nun eben länger als bisher, bis die Kunden die Reifen wechseln mussten. Ein entsprechender Verdrängungswettbewerb setzte ein, dem Semperit freilich technologisch durchaus gewachsen war. Obwohl die neue Technologie von Marktführer Michelin entwickelt worden war, wurde der neue "M 401"-Stahlgürtelreifen immer wieder als Testsieger gefeiert. So war es denn offensichtlich auch kein Zufall, dass die CA über ihre Kontakte mit der Schweizer Kreditanstalt ein Interesse von Michelin an ihrem österreichischen Paradeunternehmen ortete und es zu einem ersten verhängnisvollen Ausverkauf kam, denn Michelin ging es natürlich vor allem um die so erfolgreiche Semperit-Technologie. Nach außen hin sollte es wie eine faire Kooperation zum beiderseitigen Vorteil aussehen. Deshalb blieb auch Michelin im Hintergrund und ließ seinen Tochterkonzern Kléber eine gemeinsame Holding mit Semperit bilden, die so genannte Semkler. In dieser übernahm die CA 55 Prozent, Michelin 31 Prozent und die Schweizer Kreditanstalt 14 Prozent. Diese Semkler-Holding übernahm wiederum 67,22 Prozent der Anteile von Semperit und 50,06 Prozent von Kléber. Die Holding hatte ihren Sitz in der Schweiz, Generaldirektor wurde der Schweizer Robert Bult. Obwohl damit nach außen hin eine österreichische Mehrheit abgesichert schien, sah die Praxis anders aus. Die Entscheidungen fielen letztlich in der Schweizer Holding und dort waren die Österreicher seltsamerweise unterrepräsentiert. Da hier auch Schweizer Recht anzuwenden war, sahen sich die österreichischen Betriebsräte auch um ihre sowieso bescheidenen Mitbestimmungsrechte betrogen. Der neue Generaldirektor entpuppte sich als Schwiegersohn eines Schweizer Multimillionärs, der schon bei der Schließung der Schweizer Produktionsstätte von Firestone eine eher fragwürdige Rolle gespielt haben soll. Obwohl sich Kléber und Semperit von der Produktpalette an sich gut ergänzen hätten können, erwies sich die angebliche Kooperation zunehmend als Einbahnstraße. Besonders verheerend war die Konzentration von Entwicklung und Forschung in Frankreich, die die gerade auf diesem Gebiet so erfolgreiche Semperit auch in technologische Abhängkeit von Michelin zu bringen drohte. Es fehlte an Geld für Investitionen, folgerichtig waren neuerliche Verluste zu verzeichnen. Streiken ist Traiskirchen nicht fremd In diesem Zusammenhang ist auch der Streik der Wickler und Bedienungsleute zu sehen, die das Reifenwerk 1978 über drei Wochen praktisch lahmlegten. Vordergründig ging es um eine bescheidene Lohnerhöhung, tatsächlich hatte aber die Firmenleitung ein Einsparprogramm vorgelegt, das es in diesem Zusammenhang zu bekämpfen galt. Wieder einmal sollten die Beschäftigten die Schwierigkeiten ausbaden, die sich aus der verfehlten Konzernpolitik ergaben. Den Kolleginnen und Kollegen erzählte man, dass immer weniger Semperit-Reifen verkauft würden, tatsächlich aber stieg die Belastung durch den starken Rationalisierungsdruck. Letztlich war der Streik auch ein Protest dagegen, dass die Betriebsräte in der Schweiz praktisch nichts mehr mitzureden hatten und von Konzernchef wie verantwortlichen Politikern immer wieder vor vollendete Tatsachen gestellt wurden. Dass bei Semperit bis auf den heutigen Tag ein Streik als ein in Österreich eher unübliches Kampfmittel zumindest als verbale Drohung eine Rolle spielt, geht noch auf einen "wilden Streik" Anfang der Siebzigerjahre zurück, den die Betriebsräte Federspiel und Grandl, beide von der damaligen Gewerkschaftlichen Einheit, spontan begannen, um in Vorwegnahme der vor einer etappenweisen Einführung stehenden 40-Stundenwoche ein arbeitsfreies Wochenende zu erzwingen. Trotz fehlender Unterstützung durch den damaligen Betriebsratsobmann Musser war der Streik erfolgreich. Mussers Nachfolger wurde ein Mitarbeiter des Streik-Komitees, Alfred Maierhofer, der 1978 den Streik der Wickler und Bedienungsleute initiierte. Dieser Streik endete mit einem Teilerfolg. Es gab kleine finanzielle Zugeständnisse der Firmenleitung, das bekämpfte Rationalisierungsprogramm wurde freilich später in Etappen durchgeführt. Nach Ausplünderung durch Michelin fast am Ende Wie man sich bei Michelin die Kooperation mit den Österreichern vorstellte, wurde dann knallhart Anfang 1979 deponiert: Der übermächtige Reifenmulti verlangte nicht mehr und nicht weniger als die industrielle Führerschaft, natürlich ohne auch nur einen Franc dafür investieren zu wollen, die technologisch bereits abhängigen Österreicher glaubte man ja bereits fest am Gängelband zu haben. Kaufangebote für Kléber hingegen wurden gar nicht erst geprüft. So kam es sehr gegen den Willen der CA zur Scheidung, die Semperit natürlich in eine unhaltbare Situation brachte. Wie alleine schon den Rückstand bei Forschung und Entwicklung wieder aufholen? Geld von der CA zu erwarten, die sich erneut mit der sie belastenden Industriebeteiligung konfrontiert sah, schien vorerst auch nicht zu erhoffen. Vier Freischichten als Opfer Angesichts dieser Probleme soll ausgehend von Zentralbetriebsratsobmann Kaiser die Idee geboren worden sein, die CA-Gewaltigen, wie vormals einst in der Antike die Götter, durch ein Opfer zu beschwichtigen: Vier Freischichten sollten die Semperit-Beschäftigten umsonst arbeiten, um so zur Wiedergesundung des Unternehmens beizutragen. Die von ihren eigenen Interessenvertretern entsprechend unter Druck gesetzte Belegschaft sah letztlich keinen anderen Ausweg, als diesem Vorhaben mit Zweidrittelmehrheit zuzustimmen. Danach musste jede(r) Einzelne noch selbst unterschreiben, wobei gerade BRO Maierhofer keinen Zweifel daran ließ, dass er jeden Verweigerer höchstpersönlich zum Werktor führen würde, um ihn aus dem Semperit-Werk zu entfernen. Keine Rolle spielte dabei, dass ein solcher Verzicht an sich völlig ungesetzlich blieb. Tatsächlich bekamen in der Folge ausscheidende Kollegen, die das Entgelt für diese "Freischichten" beim Arbeitsgericht einforderten, dieses auch anstandslos ausbezahlt. Das Versprechen der Firmenleitung allerdings, diesen Lohnverzicht als Darlehen zu betrachten, das man bei besserer Ertragslage natürlich zurückzahlen würde, erwies sich als nicht sehr ernsthaft gemeint. Insgesamt brachte dieses Opfer an die 30 Millionen Schilling. Weniger opferbereit zeigte sich Generaldirektor Bult, der angesichts der neuen Verhältnisse den Hut nehmen musste. Obwohl er als offensichtlicher Strohmann für Michelin und Liquidierungsspezialist à la Firestone für die nunmehrige Misere voll verantwortlich zu machen gewesen wäre, bekam er bei seinem vorzeitigen Austritt noch alle Bezüge nachbezahlt, die ihm bis zum vereinbarten Ende seiner Amtszeit zugestanden wären, insgesamt etwa ein Betrag in jener Größenordnung, für den die Semperit-Belegschaften vier Schichten umsonst arbeiteten. Auch die Aktionäre der Semperit bei Laune zu halten ließ sich die CA so an die 30 Millionen kosten. Jeder Anteilseigner konnte nämlich seine Semperit-Aktien gegen wesentlich höher an der Börse notierende Steyr-Aktien umtauschen... Kein Wunder also, dass sich die CA vom Opfer der Semperit-Belegschaft entsprechend wenig beeindruckt zeigte. In Unternehmerkreisen wurde es freilich auf Jahre hinaus üblich, angesichts schwieriger Situationen auf das Semperit-Beispiel der vier Freischichten hinzuweisen und diese ihren Belegschaften als Vorbild hinzustellen. Mühsamer Neubeginn aus eigener Kraft In Wirklichkeit kam in dieser Situation die Rettung schlicht und einfach aus eigener Kraft. Geradezu heimlich war nämlich trotz der Franzosen weiter entwickelt und geforscht worden und so konnte Semperit sehr rasch wieder mit dem neuen, als "Benzinsparreifen" beworbenen "M 501"-Reifen auf den Markt kommen. Später wurde von der aus der Reifenproduktion aussteigenden deutschen Phönix der Reifen 6011 erworben, der als "Hi-Speed"-Reifen Semperit neue Erfolge brachte. Erstmals gelang es auch mit den Japanern ins Geschäft zu kommen, die durch österreichische Zulieferungen Zollvorteile lukrieren wollten. Trotz der wiederholt kritisierten Niedrigstpreise, die damals ausgehandelt wurden, brachten diese Verträge Semperit bis zum EU-Beitritt zumindest eine gute Auslastung. Insgesamt konnten 1979 die Verluste gegenüber dem Vorjahr annähernd halbiert werden und betrugen mit 296 Millionen Schilling nur wenig mehr, als vor allem an die CA an Kreditzinsen zu zahlen war. Zähneknirschend entschloss sich die CA nun doch zu einer Anhebung des Grundkapitals von 570 auf zuerst 1140 und schließlich 1425 Millionen Schilling. Selbst diese Zuschüsse reichten aber nicht aus, um die durch die verfehlte Kooperation mit Kléber verursachten Verluste dieser Jahre wettmachen zu können, der Ruf nach staatlicher Förderung wurde erhoben und die CA in ihrem Bestreben bestärkt, den sie belastenden Industriekonzern endlich loszuwerden. Damit verbunden war eine Zerschlagung des Konzerns in selbstständig operierende Gesellschaften, für die nun getrennt entsprechende Partner gesucht wurden. Nicht zuletzt hatte man damit auch die Macht eines starken Zentralbetriebsrates beseitigt. Die Zerschlagung beginnt Schon in der Kléberzeit hatten sich CA und Semperit von einem Handelsimperium getrennt: Litega mit der Tochtergesellschaft Philipp Haas ging an Billa-Eigentümer Karl Wlaschek, die Firma Reithoffer an Intersport. In Wimpassing war die Schuhfabrik und die Schwimm-Matratzenfertigung gesperrt worden, nachdem man mit billiger Handelsware Schiffbruch erlitten hatte. In der Folge wurden dann auch noch gerade die gewinnbringendsten Produktionen wie die Erzeugung flankenoffener Keilriemen und die Gummiwalzenbeschichtung in gemeinsame Gesellschaften mit japanischen, beziehungsweise kanadischen Partnern eingebracht. Trotz heftiger Proteste wurde erst unlängst bei den Keilriemen zugesperrt, ohne dass die Japaner auch nur dazu geneigt gewesen wären, ihr know-how zu hinterlassen, auf das man so große Hoffnungen setzte, statt die eigene Technologie weiterzuentwickeln. Auch die anderen verselbständigten Konzernteile entpuppten sich leider als jene "Wegwerf-Gesellschaften", als die sie der damalige Vorsitzende der Chemiearbeitergewerkschaft, Alfred Teschl, kennzeichnete. Die Schaumstoffproduktion im Werk Linz-Wegscheid ging an die Firma Greiner, die sich in diesem Bereich später zu einem kleinen Multi weiterentwickeln konnte. Die Welser Interplastic-Werke wurden an den britischen ICI-Konzern weitergegeben, der mittlerweile umstrukturierte und in Wels unter Mitnahme des know-hows zusperrte. Die Semperdur-Fensterfertigung ging an Hochleutner, der bald darauf Pleite machte. Selbst das "Prunkstück", die Semperit-Zentrale in Wien-Wieden, blieb von einem richtiggehenden Notverkauf zur Aufbesserung der Bilanz nicht verschont. Nutznießer war ausgerechnet die Bundeswirtschaftskammer, in der auch der neue Generaldirektor Leibenfrost eine gehobene Funktion einnahm. Die dort residierenden Angestellten durften daraufhin nach Wimpassing und Traiskirchen auspendeln, so sie es nicht vorzogen, weniger bedrohte Arbeitsplätze anzustreben. Allein in Traiskirchen sank 1981 die Zahl der Beschäftigten von 4.455 auf 3.774. Stolz rühmte sich Leibenfrost 1984, in der ganzen Semperit-Gruppe ohne großes Aufsehen in den letzten Jahren rund 4.000 Beschäftigte angebracht zu haben. Trotz all dieser Sparmaßnahmen und der immer mehr steigenden Arbeitsbelastung wollten die Verluste aber nicht verschwinden. Das lag einerseits sicherlich am internationalen Verdrängungswettbewerb, der 1982 etwa Goodyear, dem damals größten Reifenhersteller der Welt, einen Verlust von umgerechnet 10 Milliarden Schilling bescherte, als auch an den weiterhin hohen Kreditzinsen, die die CA als über die Verluste klagender Eigentümer andererseits gleichzeitig wieder aus dem Unternehmen herauszog. Damit fehlten die Mittel, um endlich jene Modernisierungsmaßnahmen durchführen zu können, die die Folgen des Kléber-Desasters beseitigen und Semperit wieder gewinnbringend machen hätte können. Milliardenmitgift aus staatlicher Förderung Da die CA nicht bereit war, ihre in Finanzgeschäften profitabler eingesetzten Kapitalien zur Gesundung des Unternehmens einzusetzen, mussten also öffentliche Fördermittel her. Über 1,2 Milliarden flossen in der Folge in das Reifenwerk Traiskirchen und brachten letztlich auch das gewünschte Ergebnis, das dann freilich schon dem deutschen Continental-Konzern zugute kommen sollte. Als Belohnung für diesen Freundschaftsdienst gegenüber der Deutschen Bank erhielt die CA schließlich auch ein "Triple A" für die Krediteinstufung am Kapitalmarkt. Als der damalige Bundeskanzler Sinowatz am 20. Februar 1984 den Grundstein für das neue Reifenwerk legte, war hinter den Kulissen schon klar, dass hier mit öffentlichen Mitteln neuerlich eine heimische "Braut" für einen großen Reifenmulti zurechtgeputzt wurde. Aber als Voraussetzung dafür musste der Betrieb erst einmal freigemacht werden von jenen kritischen Stimmen, die sich etwa in der überparteilichen "Alternativen Liste der Semperitarbeiter" fanden. Kritische Betriebsräte als Störfaktor Angefangen hatte es in der Wiener Zentrale bei den Angestellten, wo ein der FPÖ zugehöriger Betriebsratsobmann Kindl residierte. Diese Konstellation machte eine gemeinsame alternative Kandidatur des dem Gewerkschaftlichen Linksblock zuzurechnenden Kollegen Ernst Zehetbauer mit dem sozialistischen Funktionär der "Roten Falken", Kurt Luttenberger möglich. Diese Kollegen versuchte man nun zuerst durch eine Versetzung nach Traiskirchen von ihrer Wirkungsstätte fernzuhalten, woraus sich auch im Reifenwerk eine erfolgreiche Kandidatur bei den Angestellten ergab, während auch in der Zentrale eine Alternativliste neuerlich Erfolg hatte. Maßregelung und Wahlbetrug Bei den Arbeitern gab es ebenfalls Maßregelungen gegenüber Kandidaten des Gewerkschaftlichen Linksblock, beispielsweise gegenüber Julius Chaimowicz, der sich gegen antisemitische Äußerungen zur Wehr setzte und folgerichtig als "Unruhestifter" in der isolierten Kordfabrik landete um dort postwendend vor den Betriebsratswahlen gekündigt zu werden. Bei den Wahlen selbst fehlte es freilich trotz Zustimmung bei der Kollegenschaft immer wieder an entscheidenden Stimmen für ein Mandat, woran, wie sich später herausstellte, auch schlicht und einfach Wahlbetrug die Schuld hatte. Durch Indiskretionen konnte man schließlich die Vorgangsweise rekonstruieren, die darin bestand, dass jeweils ein Päckchen der zwar bereits gezählten, aber noch nicht nach Wahlwerbern getrennten Stimmzettel durch ein ebenso großes mit ausschließlich der Mehrheitsfraktion zurechenbaren zu ersetzen. Tatsächlich konnte 1984 einer der Wahlzeugen des GLB einen der SP-Mandatare beim Auszählen der Stimmen in flagranti ertappen, als er gerade wieder einmal ein Päckchen Stimmzettel in der Hosentasche verschwinden lassen wollte. 1978 fehlte dem GLB jedenfalls lediglich eine Stimme auf ein Mandat, kurz darauf wurde einer der Kandidaten, Wilhelm Chocholous, ein SP-Mitglied, gekündigt. Erfolgreiche Alternativliste Drei Jahre später ergab sich eine neue Situation, als der sozialistische frühere Jugendvertrauensmann Manfred Haderer, von Betriebsratsobmann Maierhofer enttäuscht, eine eigene Kandidatur überlegte. Durch das Vorbild der "Alternativliste" bei den Angestellten ermutigt, kam es daraufhin zu einer Listenkoppelung mit den Kandidaten des Gewerkschaftlichen Linksblock und damit zur Entstehung der "Alternativliste der Semperitarbeiter", die auf Anhieb beachtliche vier Mandate erreichte. Wiederum gab es Kündigungen und Versetzungen, ein schwer herzkranker Kollege musste letzten Endes froh darüber sein, in die Frühpension gehen zu können, statt sich nach der Strafversetzung im Rohbetrieb noch den Tod zu holen. Konrad Eidler als Spitzenkandidat wurde in das 30 km entfernte Reifenlager Berndorf versetzt, um ihn von der Kollegenschaft zu isolieren. Drei Jahre später trotzdem wiedergewählt, übergab er anlässlich seiner Pensionierung sein Mandat an Kollegen Täubl, der daraufhin prompt auf einen Arbeitsplatz versetzt wurde, für den er nach ärztlichem Attest gesundheitlich nicht geeignet war. Nach einer weiteren, mit größeren Verdiensteinbußen verbundenen Versetzung, wurde er schließlich überhaupt gekündigt. Er erhielt Werksverbot und durfte seinen betriebsrätlichen Tätigkeiten nur noch in Begleitung eines Abteilungsleiters nachkommen. Alle diese Maßnahmen beschäftigten jahrelang die verschiedensten Arbeitsgerichte, bis alle Fälle bereinigt waren. Semperit ließ es sich jedenfalls eine schöne Stange Geld kosten, nicht nur diese Prozesse durch alle Instanzen hindurch zu betreiben, sondern diese auch mit großzügigen Abfindungen zu beenden. Schließlich wurde noch ein Kollege trotz Protest seines Abteilungsleiters allein deshalb gekündigt, weil man ihn als möglichen Informanten für die alternative Betriebszeitung ausgeforscht zu haben glaubte. Zuletzt gab es nur noch einen einzigen alternativen Betriebsrat bei den Angestellten, bei den Arbeitern konnte BRV Kollege Maierhofer seinem Nachfolger den Betrieb als von "Alternativkommunisten" gesäubert übergeben, was Continental als neuem Eigentümer natürlich nur recht sein konnte. Diesem wurde von der CA sogar der Kaufpreis in der Höhe von insgesamt 550 Millionen Schilling für die Reifenwerke vorgestreckt, der dann bequem aus den nunmehr wieder fließenden Gewinnen abgezahlt werden konnte. Hätte Semperit die ihr gewährten Fördermittel selbstverständlich wieder zurückzahlen müssen, musste sich Conti lediglich zu einer zehnjährigen Standortgarantie bequemen. Die Zusage, auch eine eigenständige Forschung- und Entwicklungsabteilung in Traiskirchen zu garantieren, wurde schließlich gar nicht mehr eingehalten und diese nach Hannover verlegt. Conti plündert Semperit Nicht nur die Gewinne wurden aus dem Werk gezogen, Semperit hatte auch das joint-venture mit den tschechischen Barum-Werken in Otrokovice zu finanzieren und an diesen Standort die eigene Technologie weiterzugeben. Schließlich wurde dorthin noch die Hälfte der verbliebenen Pkw-Reifenproduktion verlagert, was letztlich den ersten Schritt zur völligen Schließung in Traiskirchen bedeutete.