Arbeitslosigkeit und Vorlehre

Interview mit ÖGB-Bundesjugendsekretär Stefan Maderner. *)

"die arbeit": Aus den letzten Zahlen des Arbeitsmarktservice (AMS) geht hervor, dass die Jugendarbeitslosigkeit dramatisch gestiegen ist. Worin siehst du die Ursachen?

MADERNER: In den vergangenen Jahren nahm die Motivation der Unternehmer, Lehrlinge auszubilden, deutlich ab. Fadenscheinige Argumenten wie Lehrlinge seien zu teuer und zu lange nicht im Betrieb (Urlaub, Krankenstand und der Besuch der Berufsschule) wurden vorgeschoben. Noch unter der alten Bundesregierung wurden Maßnahmen, gemeinsam mit dem Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB), der Arbeiterkammer (AK), dem AMS und der Wirtschaftskammer Österreichs (WKÖ) gesetzt um das Image der Lehrlingsausbildung zu verbessern. Weiters wurden Förderungen und Sofortprogramme zur Verbesserung der Lehrstellensituation eingerichtet. Es kam zu Erleichterungen bei Vorschriften und, wie gesagt, zu finanziellen Förderungen, die jedoch nicht zur erwarteten Verbesserung am Lehrstellenmarkt geführt haben. Weiters wurde das Jugendausbildungssicherungsgesetz beschlossen das Lehrgänge und Stiftungen für Jugendliche ohne Lehrstelle vorsah. Die Stiftungen sollten gerade jene Jugendlichen ohne Pflichtschul- bzw. mit Sonderschulabschluss helfen den Einstieg in eine Lehre zu ermöglichen. 4.000 Jugendliche profitierten von diesem Auffangnetz, welches allerdings zeitlich befristet war. Trotz mehrmaliger Aufforderung der ÖGJ seit Sommer vergangenen Jahres, unter Hinweis auf die fehlenden Lehrplätze, wurde dieses Gesetz von der derzeitigen Bundesregierung nicht verlängert. Erst als die Zahl der Lehrstellensuchenden so enorm war, wurden im Nationalrat 100 Millionen Schilling beschlossen. Allerdings unter der Bedingung, dass sich auch die Länder an den Kosten beteiligen, was offensichtlich einigen Bundesländern das Geld nicht Wert ist.. Die Stiftungen hingegen wurden überhaupt nicht verlängert. Daher gibt es seit dem Jahreswechsel kein ausreichendes Auffangnetz für lehrstellensuchende Jugendliche mehr. Die ÖGJ fordert ein unbefristetes und auf die jährliche Notwendigkeit finanziertes Jugendausbildungssicherungsgesetz. Weiters eine Überarbeitung aller bestehenden Förderungen im Lehrlingsbereich und eine Vergabe nur bei Einhaltung von Qualitätskriterien. Das Jammern der Wirtschaft über den FacharbeiterInnenmangel ist zu wenig. Sie selbst sind aufgerufen in eine langfristige Imagekampagne im Bereich der Lehrlingsausbildung zu investieren und Abstand von Forderungen zu nehmen die zu Lasten der Lehrlinge und der Qualität ihrer Ausbildung gehen. Was die Forderung der Wirtschaft nach Überarbeitung der Berufsbilder betrifft, so muss festgestellt werden, dass dies ohnehin laufend passiert. Neue Lehrberufe müssen allerdings auf die Zukunft ausgerichtet sein und Qualitätsmerkmale erfüllen.

"die arbeit": Seit einiger Zeit gibt es nun die Vorlehre – angepriesen als Maßnahme, auch "schwächeren" Jugendlichen eine Berufsausbildung zu ermöglichen. Was ist die Vorlehre und worin siehst du die Nachteile für die Jugendlichen? Gibt es bei diesem Modell auch irgend etwas positives?

MADERNER: Die von der Regierung beschlossene neue Vorlehre bietet für Jugendliche keine Vorteile, denn sie werden nicht auf eine qualifizierte Beschäftigung vorbereitet. Während der gesamten Vorlehre wird nur die Lehrlingsentschädigung des ersten Lehrjahres bezahlt. Der Vorlehrling hat 6 Monate Probezeit. Das bedeutet 6 Monate lang jederzeit Lösbarkeit des Lehrvertrages. Der Lehrberechtigte ist nicht einmal verpflichtet nach Ende der Vorlehre eine Lehre anzubieten. Es besteht auch keine Weiterverwendungszeit wie nach einer Lehre. Ein Jugendlicher der eine Vorlehre in der Dauer von bis zu drei Jahren absolviert hat, bekommt auf eine nachfolgende Lehrausbildung nur 6 Monate angerechnet. Daher verlängert sich die Lehrzeit z.B. im Lehrberuf Maler/in und Anstreicher/in insgesamt bis zu 5 ½ Jahre. Von diesen 5 ½ Jahren bekommt der Lehrling 3 ½ Jahre die Lehrlingsentschädigung des ersten Lehrjahres bezahlt. Die Vorlehre ist keine abgeschlossene Berufsausbildung und hat aus meiner Sicht keine Vorteile für Jugendliche.

"die arbeit": Bei meinen Betriebsbesuchen, unter anderem bei der Fa. Voith in St. Pölten, musste ich feststellen, dass Lehrwerkstätten immer weniger ausgenützt werden. Seit vielen Jahren wird bereits über einen Berufsausbildungsfonds diskutiert. Welchen Standpunkt nimmt die ÖGJ dazu ein?

MADERNER: Betriebe bilden aus Kostengründen großteils nur mehr jene Jugendlichen aus, die sie im Betrieb benötigen. Viele Betriebe ersparen sich zur Gänze die Lehrlingsausbildung und werben dann frisch ausgelernte FacharbeiterInnen einfach ab. Deswegen bleibt die wichtige Forderung nach einem Berufsausbildungsfond aktuell. Vor 3 Jahren startete die ÖGJ eine große Unterschriftenaktion. Insgesamt konnten 40.000 Unterschriften gesammelt und aktionistisch der damaligen Bundesregierung übergeben werden. Leider fehlte der politische Wille der ÖVP und der WKÖ und so wurde unsere Forderung bis heute nicht Realität.. Die Wirtschaft stellt sich mit dem Argument dagegen, dass durch diesen Ausbildungsfond die Lohnnebenkosten weiter steigen würden. In Wirklichkeit ist dieser Ausbildungsfond aber eine finanzielle Umverteilung innerhalb der Wirtschaft. Jene Betriebe die Ausbilden erhalten eine Förderung und jene die könnten, dieses aber unterlassen, müssen eben ihren Beitrag zahlen. Die Bundesregierung hat im Regierungsübereinkommen niedergeschrieben, dass ab dem Jahr 2003 ca. 3 Mrd Schilling zur Entlastung der Unternehmer für die Berufsschulzeit ausbezahlt werden soll. Diese Maßnahme ist nicht die Umverteilung, die wir fordern. Wenn schon öffentliche Gelder zur Verfügung gestellt werden, dann nur wenn auch Qualitätskriterien und die volle Finanzierung der Internatskosten erfolgt.

"die arbeit": Frauen erlernen oft Berufe in Niedriglohnbranchen (Handel, Friseur,...). Welche Maßnahmen scheinen dir geeignet, um Frauen für andere Berufe zu interessieren?

MADERNER: Dringend verbessert gehört die Berufsorientierung in der 8./9. Schulstufe. Aufgezeigt werden muss die Vielfalt an Möglichkeiten und Perspektiven. Aber auch von der Wirtschaft müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, dass Frauen in sogenannten "Männerberufen" arbeiten können. Dazu kommen noch Unsicherheiten von Unternehmern und zum Teil die fehlende Betriebsstruktur z.B. eigene Sanitäreinrichtungen bzw. Garderoben. Nach wie vor bestimmend ist das traditionelle Rollenbild, Eltern sind vielfach nicht über die Vielfalt an Möglichkeiten informiert. Daher tritt die ÖGJ für Förderungen von Frauen in typischen "Männerberufen" ein sowie für Perspektiven nach der Ausbildung.

 

"die arbeit": Im Herbst fand der Bundesjugendkongress statt. Welche Forderungen habt ihr und wo liegen eure Schwerpunkte?

MADERNER: Gerade auch aufgrund der aktuellen politischen Situation gab es auf diesem Kongress sehr viele Anträge, die beschlossen wurden. Und zwar nicht nur für den Bereich der Lehrlinge, sondern auch für den Bereich der Studierenden, der Zivildiener und für andere. Die Berufsausbildung war natürlich ein Schwerpunkt bei unserem Kongress. Weiterer Schwerpunkte werden voraussichtlich in der nächsten Zeit der ArbeitnehmerInnenschutz im Jugendbereich, das Sozialstaatsvolksbegehren, eine verstärkte Hilfestellung für unsere Jugendvertrauensräte und vieles mehr sein.

"die arbeit": Danke für das Gespräch.

*) Das Gespräch führte Oliver Jonischkeit, ÖGB-Sekretär des GLB.


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