Nach US-Pleite ein Opfer deutscher Spekulanten ?

FEUERFEST NICHT SATTELFEST

"Wir kaufen Amerika!" wurde noch 1999 euphorisch in den Aktionärsberichten der Radex-Heraklith Industriebeteiligungs AG, kurz RHI "Feuerfest" gejubelt. Das weltweit den Markt für Feuerfest-Produkte in der Metall-, Zement- und Glasindustrie dominierende Unternehmen aus Österreich trat trotz ungünstiger Stahlkonjunktur und Asienkrise die Flucht nach vorne an und engagierte sich mit vielen Milliarden (508,7 Millionen EURO) von den Hausbanken Bank Austria, Erste und RZB bei Harbison Walker, der Feuerfest-Sparte des US-Konzerns Global Industrial Technologies (GIT) und bei A.P.Green. Über den 1994 erworbenen deutschen Didier-Konzern war man bereits im Besitz der von der Honeywell-Tochter Allied Signal 1986 verkauften NARCO. Mit diesen Erwerbungen realisierte die RHI 40 Prozent ihres nunmehr verdoppelten Umsatzes am US-amerikanischen Markt.

Von Heinz GRANZER.

Wo Kritiker veraltete Werke bemängelten, deren "Due Diligence" zu schlampig wäre, sahen die Manager des in Österreich beheimateten Multis ein letztlich erfreuliches "Rationalisierungspotential" mit viertausend Beschäftigten. Da müssten lediglich sechs von 24 Werken geschlossen und die Verwaltung in Pittsburgh konzentriert werden. Mit dem Abverkauf von sieben weiteren Werken und der Reduktion der Kapazitätem würde sich das dann schon rechnen.

Asbestkranke US-Neuerwerbungen

Da hatte man freilich die Rechnung ohne den Wirt, das heißt in diesem Fall ohne die US-Anwälte mit ihren Sammelklagen wegen Schadenersatz für gesundheitliche Schäden durch Asbest gemacht. Mit diesem Sammelnamen bezeichnet man natürlich vorkommende Silizium-Mineralien, die extrem widerstandsfähig gegen Hitze, Säure und Laugen sind - daher auch der vom altgriechischen "asbestos" ("unauslöschlich") abgeleitete Namen.

Solche Mineralien wurden daher überall dort verwendet, wo man großer Hitze Herr zu werden hatte, also etwa beim Auskleiden von Hochöfen, bei feuerfester Schutzkleidung, bei Kupplungs- und Bremsbelägen oder bei Asbestbeton für den Brandschutz.

Diese Asbest-Werkstoffe sind freilich wegen ihrer faserförmigen Struktur äußerst gesundheitsschädlich, wie sich seit den Siebzigerjahren immer deutlicher herausstellte. Eingeatmeter Asbeststaub kann Lungenentzündungen und Krebs auslösen. Daher rollt nunmehr weltweit eine Welle von Schadenersatz-Klagen über die ehemalige Asbestindustrie, zu der auch die von RHI erworbenen US-Produktionsstätten gehören.

Dies war den verantwortlichen Managern auch bei der Übernahme 1999 bekannt. Bereits damals waren 140.000 Klagsfälle mit einem Durchschnittswert von 1.500 Dollar anhängig. Man ging freilich davon aus, dass solche Ansprüche durch abgeschlossene Versicherungen für zumindest zehn Jahre abgedeckt sein müssten und gab strategischen Überlegungen, den Weltmarktanteil durch die Expansion in den USA auf bis zu 15 Prozent ausbauen zu können, den Vorrang.

Mit katastrophalen Folgen, wie sich schon bald herausstellte. Die Klagsflut bei RHI verdoppelte sich innerhalb eines Jahres auf 400.000 mit einem Durchschnittswert von 3.000 Dollar. Dazu kam, dass die Versicherungen nach den Terror-Anschlägen des 11. Septembers nicht mehr so ohne weiteres bereit waren, solche Ansprüche auszubezahlen.

Zum Platzen kam die lange Zeit vertuschte Pleite durch die Aufkündigung einer Übereinkunft, wonach die US-Tochter North American Refractories Company Inc. (NARCO) der deutschen RHI-Tochter Didier dem früheren Eigentümer, der Honeywell-Tochter Allied Signal, jährlich höchstens 3,5 Millionen Dollar für Rechtsanwaltskosten zu zahlen gehabt hätte. Die von Allied Signal stattdessen geforderten 20 Millionen seien für RHI freilich "nicht darstellbar" gewesen, hieß es dazu. Die Haftung für gegen NARCO eingebrachte Asbestklagen liege schließlich auch weiterhin bei Allied Signal, die dafür Versicherungsassets im Wert von 1,2 Milliarden Dollar hätte.

Auch mit dem weltweit größten Ölfeld-Ausrüster Halliburton liegt die RHI juristisch im Clinch. Man habe die Amerikaner wegen der Inanspruchnahme eines gemeinsamen Versicherungspools für die nun zu Halliburton gehörende Firma Dresser geklagt, verlautete es aus dem Management. Aber diese hätten daraufhin gekontert, die RHI hätten den Versicherungspool "betrügerisch" in Anspruch genommen.

Nun beschränkte zwar eine Gesetzesnovelle im US-Bundesstaat Pennsylvania, dem Firmensitz von Harbison Walker, die Haftung für Asbestschäden, wenn ein Unternehmen solche Verpflichtungen durch Kauf übernimmt, dennoch wuchsen diese Klagen den Österreichern über den Kopf. Allein für das Jahr 2000 mussten Eventualverbindlichkeiten im Ausmaß von 541,3 Millionen Euro für die allfällige Abdeckung von Forderungen aus Asbestklagen verbucht werden, wobei es fraglich war, ob dafür die Versicherungen auch gerade stehen würden. Schließlich blieb nichts anderes übrig, als erst einmal die NARCO unter den Gläubigerschutz nach Chapter 11 des US-amerikanischen Konkursrechts zu stellen.

Ab in den Konkurs

Das ist an sich ein in den USA recht beliebtes Verfahren zur Sanierung von Unternehmen, wenn anzunehmen ist, dass dieses danach mehr wert ist, als bei einer Liquidation zu erzielen wäre. Nach einem formellen Chapter 11-Antrag sind bis auf weiteres keine Zwangsvollstreckungen gegen das Unternehmen möglich. Dem Schuldner ist sogar ausdrücklich verboten, Bankschulden zu bedienen oder zurückzuzahlen. Dies verschafft dem Unternehmen eine Atempause von maximal 120 Tagen, innerhalb dessen es einen Sanierungsplan vorlegen muss. Der Konkursrichter entscheidet dann über eine den Gläubigern zu bezahlende Quote für die Erfüllung von deren Forderungen, die innerhalb eines ebenfalls vom Richter festgelegten Zeitraumes einzuklagen sind.

Nach erfolgter Sanierung ist das Unternehmen dann aber durch keine Klagen mehr gefährdet, es wird praktisch wieder von Null gestartet. Diese Vorgangsweise ist deshalb auch eine recht wirkungsvolle Drohung, wenn ein Unternehmen durch eine Klagsflut von Rechtsanwälten eingedeckt wird, die bis zu 80 Prozent des erzielten Schadensersatzes als Erfolgshonorar einstecken.

Für die RHI war dieser Kollaps freilich der Anfang vom Ende des einst so gefeierten US-amerikanischen Engagements. Nach einem operativen Verlust von nicht weniger als 50 Millionen Euro zog ein neu gekürtes Management mit dem früheren ÖBB-Chef Helmut Draxler an der Spitze die Notbremse und beschloß den totalen Abverkauf. Nach Narco wurden auch die Global Industrial Technologies (GIT) sowie A.P. Green nach Chapter 11 unter Gläubigerschutz gestellt. Aber statt die von allen Altlasten befreiten und sanierten Unternehmen gewinnbringend zusammenzuführen, wurden die in der US-RHI Refractories Holding zusammengefassten Gesellschaften zum Verkauf ausgeschrieben. Dabei lukrierte RHI lediglich 80 Millionen Euro von Honeywell und Halliburton, die diese für die Abtretung der Forderungen der RHI an deren ehemalige US-Beteiligungen NARCO und Harbison-Walker bekamen. Nachdem noch im Jahr 2000 bei einem Gesamtumsatz von 2,19 Milliarden Euro die Gewinnkennziffer EBIT auf 131,3 Millionen Euro verdoppelt werden konnte, musste für 2001 mit einem Verlust von 95 Millionen Euro gerechnet werden. Davon waren allein 50 Millionen EURO aus den US-Verlusten. Dazu kamen noch geschätzte Sanierungskosten im Ausmaß von mindestens 55 Millionen Euro.

Ruinöse Sanierung

Insgesamt mussten die Kosten der US-Pleite mit 627 Millionen Euro beziffert werden. Bei einem Eigenkapital von 400 Millionen Euro wuchs der Schuldenberg auf insgesamt 1,1 Milliarden Euro, wobei die Hausbanken durch Bank Austria mit 360 Millionen, sowie Erste Bank und RZB mit je 180 Millionen Euro eingebunden waren.

Diese mussten nun erneut mit einer Liquiditätssicherung im Ausmaß von erst einmal 200 Millionen Euro einspringen, um die Geschäfte überhaupt weiterführen zu können. Bankschulden in der Höhe von 400 Millionen Euro wurden für fünf Jahre zu nachrangigem, zins- und tilgungsfreien "Mezzanin-Kapital" erklärt, einer Art Mischung von Eigen- und Fremdkapital, das langfristig und unkündbar zur Verfügung steht, aber dennoch keine Anteilsübertragungen vorsieht. Außerdem platzieren die Banken eine nachrangige Wandelanleihe der RHI über 244 Millionen Euro auf dem Kapitalmarkt. Zusätzlich werden Gewinn- und Kapitalrücklagen in der Höhe von 400 Millionen Euro aufgelöst.

Trotz der weiteren Erhöhung des Schuldenbergs soll sich die Kreditbelastung, die voriges Jahr noch zwischen 50 und 70 Millionen Euro betrug, auf rund 30 Millionen halbieren.

Seitens der Aktionäre wird freilich kritisiert, bei dieser Lösung hätten die Banken alle Trümpfe in der Hand. Zwar würden diese fürs erste auf Zinsen und Tilgungsraten verzichten, könnten aber gerade wieder die Zinsen kapitalisiert über die nachfolgende Umschuldung als besonders besicherte Darlehen, so genannte "senior debt", nachverrechnen. Auch eine spätere Umwandlung in Eigenkapital wäre zu günstigen Bedingungen möglich.

Das Verhältnis von Banken zu Aktionären ist auch deshalb von Bedeutung, als seit der Gründung der "Österreichisch-Amerikanischen Magnesit AG" 1908 zum Abbau von Magnesit auf der Millstätter Alpe in Kärnten die Anteile von einer echten Publikumsgesellschaft gehalten wurden. Daran änderte auch die spätere Übernahme der Veitscher Magnesit aus dem Besitz des Großindustriellen Kahane wenig. Zuletzt stellte der bundesdeutsche E.On-Konzern mit elf Prozent bereits den größten Einzeleigentümer dar. Dem entsprechend sorgte auch der frühere VIAG-Boss Georg Obermeier für die Expansion in die USA. Von entsprechender Bedeutung war daher auch die Rolle der überwiegend staatseigenen Länderbank, die schließlich in der Bank-Austria aufging. Seit diese freilich wiederum von der Hypo-Vereinsbank übernommen wurde, zeichnen sich nun Veränderungen ab, die bedingt durch die amerikanische Pleite rascher eintreten könnten, als noch früher denkbar.

Manager als Altlasten

Der turbulenten diesjährigen Generalversammlung präsentierte der neue Vorstandsdirektor Draxler eine "asbestfreie RHI-neu" mit 8.000 Beschäftigten, die sich auf ihr Kerngeschäft "feuerfest" zurückzöge. Die Heraklith-Dämmstoffsparte würde rekonstruiert und verkauft oder mit einem Partner verschränkt. Das Werk bei Berlin stünde vor der Schließung. Beim Engineering konzentriere man sich ebenfalls auf den Bereich "feuerfest". Mit einem Anteil von 70 Prozent liege der Hauptfokus auf Stahl, wobei man auf Wachstumsmärkte wie China setze, wo die Produktion um 74,8 Prozent gewachsen wäre. Um die starken konjunkturellen Schwankungen in diesem Bereich besser ausgleichen zu können, würde man sich außerdem verstärkt auf "high-tech"-Produkte und Glas konzentrieren.

Im Zuge dieser Hauptversammlung waren freilich noch zahlreiche Ungereimtheiten zur Kenntnis zu nehmen. Schon Ende 2000 waren die früheren Generaldirektoren Walter Ressler und Friedrich Nemec vom Vorstand in den Aufsichtsrat gewechselt, wobei sie sich ihre Pensionsansprüche mit 2,33 beziehungsweise 3,78 Millionen Euro abfinden ließen! Obwohl dies rein rechtlich durchaus gedeckt war, hinterließ diese kostspielige Verabschiedung der glücklosen Direktoren doch einen bitteren Nachgeschmack, zumal sie ja nicht wirklich den Hut nahmen, sondern ihr kritisiertes Wirken als wohl dotierte Aufsichtsräte weiter fortsetzten. Auch das betriebliche Rechnungswesen barg noch einiges an Überraschungen. So konnte beispielsweise der Verkauf einer Unternehmenstochter gewinnerhöhend verbucht werden, obwohl der diesbezügliche Kaufpreis nie in voller Höhe eingelangt war. Der zum Verkauf vorgesehene Heraklith-Bereich stand mit 130 Millionen Euro zu Buche, obwohl bisherige Angebote lediglich die halbe Höhe erreichten. Bei der Umwandlung der Veitsch-Radex Gmbh in eine Offene Handelsgesellschaft (OHG) wurden dafür außerordentlich hohe stille Reserven in der Höhe von 450 Millionen Euro aufgedeckt ...

Besondere Verblüffung brachte die Mitteilung mit sich, dass sogar aus den US-amerikanischen Insolvenzen plötzlich noch 260 Millionen Dollar zu erwarten waren. Diese Geldströme begannen im Zuge der Haftungsfreistellung für die Zeit des Gläubigerschutzes nach Chapter 11 sowohl für die Narco, als auch für die ebenfalls in den Konkurs geschickten GIT und A.P.Green-Gesellschaften. Dafür berappten Honeywell wie auch Haliburton als Mütter der früheren RHI-Töchter im Zuge solch obskurer "Verwandtschaftsverhältnisse" 75 Millionen Dollar und stellten noch weitere 200 Millionen in Aussicht.

Börsenspekulanten und Übernahmegelüste

Das ist auch der Hintergrund für den kurzzeitigen, recht überraschenden Kursanstieg der RHI-Aktien an der Börse. Der Wert dieser Aktie war schließlich nach einem vorübergehenden Höhenflug immer mehr abgesackt, hätte zuletzt mehr als 80 Prozent des Werts eingebüßt und notierte bei lediglich 4,5 Euro. Selbst das Wertpapierhaus Raiffeisen Control Bank der Gläubigerbank RZB ermittelte lediglich einen "spekulativen Wert" von drei bis fünf Euro je Aktie und empfahl ihrer Kundschaft den Verkauf unter dem Motto "Fort mit Schaden!" Der darauf folgende plötzliche Anstieg auf acht Euro kurz vor Bekanntgabe der Geldflüsse aus den USA ließ nun verständlicherweise den Verdacht auf Insiderhandel diverser Beteiligter aufkommen, der natürlich empört zurückgewiesen wurde.

Eine Tatsache ist freilich, dass sich das deutsche Bankhaus Merck Finck diese Turbulenzen zunutze machte, um mit über 30 Prozent der Aktienanteile zur allgemeinen Überraschung plötzlich mehr als die Hälfte der Eigentümervertreter auf der Hauptversammlung repräsentieren zu können. Dem Vernehmen nach verhandelt nun eine Investorengruppe um den Münchner Industriellen August von Finck mit der bayerischen Hypo-Vereinsbank über eine mögliche Übernahme der Aktienmehrheit an der RHI. Dies könnte über einen Kapitalzuschuss erfolgen, der später in Unternehmensanteile umgewandelt würde, berichtete der "trend".


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