
Einige Grauslichkeiten der Globalisierung
Von Josef SCHMEE. *) Der Neoliberalismus führt weltweit zu einer Verringerung staatlicher Kontrolle von Industrie-, Handels- und Finanzmärkten. Damit einhergehend kommt es zu einer massiven Steigerung des Warenumschlags sowie zu einer enormen Ausweitung der Finanzströme. Profiteure dieser Entwicklung sind weltweit agierende Unternehmen und die Geofinanz, ein von Ignacio Ramonet (Die neuen Herren der Welt. Internationale Politik an der Jahrtausendwende. Zürich 1998) eingeführter Begriff. Parallel dazu kommt es zu einer sozialen Zerrüttung und - in Kauf genommene, wenn nicht sogar gewollte – Ohnmacht des Staates, teils erzwungen, teils durch den Rückzug der Politik aus sozialer Verantwortung selbst herbeigeführt. Viele Politiker haben vergessen, dass sie in nicht unbedeutendem Ausmaß für den Siegeszug des Neoliberalismus mitverantwortlich zeichnen. Es ist nämlich nicht so, dass hier quasi Naturgesetzmäßigkeiten am Werke waren, sondern es bestanden sehr wohl Freiheitsgrade seitens der Politik: Die Entwicklung der so genannten vier Freiheiten war vordergründig politisch gewollt und ist nicht auf ökonomische Erfordernisse zurückzuführen. Multinationale Konzerne entstanden in den sechziger Jahren unter den Bedingungen einer – im Vergleich zu heute - geregelten Weltwirtschaft. Sie besaßen ein Unternehmenszentrum, das örtlich verankert war und in dem die strategischen Entscheidungen für den Gesamtkonzern mit all seinen internationalen Verflechtungen getroffen wurden. Dem ist heute nicht mehr so, wie Ignacio Ramonet in seiner Untersuchung ausführt: Die neue Zwangslogik - das globale Unternehmen strebt durch ständige Produktivitätssteigerung und geographische Beweglichkeit den maximalen Profit an – produziert dort, wo die Lohnkosten am niedrigsten sind und verkauft seine Produkte dort, wo der Lebensstandard am höchsten ist. Das schließt ein lokales Entscheidungszentrum mit nationalstaatlicher Basis nicht aus, macht es aber auch nicht erforderlich. Diese Zwangslogik hat natürlich auch bedeutende Auswirkungen für die Arbeitnehmer selbst: Zum einen werden die Arbeitnehmer in den Industrieländern in den früheren Zentren der Konzene zunehmend in einen internationalen Arbeitsmarkt "integriert", wobei eine Anpassung nach unten erfolgt: Niedrige Einkommen und verschlechterte Sozialleistungen werden zum neuen, weltweiten Standard. Zum anderen vertieft sich die Kluft zwischen dem industriealisierten Norden und dem rückständig gehaltenen Süden mehr und mehr, weil mit den Produktionsauslagerungen in den Süden Profite durch die Ausbeutung äußerst billiger Arbeitskräfte erwirtschaftet werden. Im Norden schwächen Vollautomatisierung und Betriebsschließungen, zynisch Downsizing genannt, die traditionellle Arbeiterschaft samt ihrer sozialen Organisation. Dies führt zu Massenarbeitslosigkeit und zum Aufbrechen des Widerstands gegen die Einführung von "Dritte-Welt-Arbeitsverhältnissen" im industrialisierten Norden. Robert Reich, ehemaliger Arbeitsminister der Clinton-Regierung stellte fest, dass die Globalisierung heute in den demokratischen Industrieländern so etwas wie eine demoralisierte und verelendete Unterklasse produziert. Gut dokumentierbar sind die neuen Arbeitsverhältnisse am Beispiel der Produktionsbedingungen in der Automobilindustrie: So zählt die Produktionsstätte im nordfranzösischen Douai zu den modernsten, jedoch nicht zu den produktivsten Fabriken der Branche in Europa. Ursächlich für den Produktivitätszuwachs von 77 Prozent im Zeitraum 1983 bis 1999 sind insbesondere zwei Faktoren anzuführen: Zeitmanagement und Teamarbeit. Standort Fertigung von Autos pro Jahr und Mitarbeiter Nissan Sunderland, UK 105 VW Navarra Spanien 76 Opel Eisenach 76 Fiat Melli, Italien 73 Toyota Burnaston, UK 72 Seat Martorell, Spanien 69 Renault Douai, Frankreich 68 Quelle: Werner Biermann/Arno Klönne: Globale Spiele. Imperalismus heute – Das letzte Stadium des Kapitalismus? Verlag PapyRossa, Köln 2001, Seite 210
Die Automobilindustrie hat weltweit den Wandel von einem Massen-/Standardprodukt zum individuell gestalteten PKW begonnen. Aus Produktionssicht bedeutet dies, dass bei der Montage Routinevorgänge abnehmen. Neben dem Zeitdiktat muss der Arbeiter heute auch die Kundenwünsche bei der Fertigung berücksichtigen. Renault wirbt mit dem Slogan "Autos fürs Leben" – für die eigenen Arbeiter gelten jedoch gegenteilige Bedingungen.
Der Basketballstar Michael Jordan schloss 1992 mit der Sportartikelfirma Nike einen Werbevertrag über 20 Millionen Dollar ab. Das entspricht den Jahreslohnkosten der vier Fabriken in Indonesien, in denen die von Jordan beworbenen Artikel gefertigt werden.
Quelle: John Bellamy Foster, ‚Monopoly Capital’, Monthly Review, April 2000. Zitiert in: Werner Biermann/Arno Klönne: Globale Spiele. Imperalismus heute – Das letzte Stadium des Kapitalismus? Verlag PapyRossa, Köln 2001, Seite 213
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Grundsätzlich hat ein Unternehmen zwei Möglichkeiten wirtschaftliche Macht zu erlangen: Einerseits über eine entsprechende Ausdehnung des Umsatzes, andererseits durch Aufkäufe bzw. Zusammenschlüsse. Die dadurch entstehende Konzentration des Kapitals hat jedoch auch ihren Preis, denn Überschüsse, die ansonsten für Investitionen aufgewendet würden, fließen nun vermehrt in Unternehmenskäufe.
Im Jahr 1998 überstiegen die Aufwendungen für solche Zwecke in den USA den Betrag von 1,6 Billionen Dollar; dies entspricht in etwa dem gegenwärtigen deut-schen Bruttosozialprodukt. Seit 1992 wuchs die Fusionsrate in den USA um jährlich 50 Prozent.
Quelle: Michael J. Mandel, ‚All These Mergers are Great But ...’, Business Week, 18.10.1999. Zitiert in: Werner Biermann/Arno Klönne: Globale Spiele. Imperalismus heute – Das letzte Stadium des Kapitalismus? Verlag PapyRossa, Köln 2001, Seite 175
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Hierbei handelt es sich überwiegend um Aufkäufe mit dem Ziel, Synergien zu schaffen, also die Marktmacht zu steigern. Es geht heute darum, globale Marktanteile durch Übernahme von Produktionsanlagen in den wichtigsten Absätzmärkten und durch grenzüberschreitende Zusammenschlüsse zu gewinnen. Denn, ist erst einmal eine marktbeherrschende Stellung erreicht, können als nächstes die Preise diktiert werden. Diese Politik führt auch unausweichlich zu massiven Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur.
Die größten 300 weltweit operierenden Konzerne vereinnahmen fast drei Viertel aller Direktinvestitionen; sie halten gut ein Viertel des weltweiten Kapitalbestandes. Die zehn größten Unternehmen aus dem Bereich der Telekommunikation kontrollieren gegenwärtig 86 Prozent des auf knapp 300 Milliarden Dollar veranschlagten welt-weiten Umsatzes in dieser Branche.
Quelle: Werner Biermann/Arno Klönne: Globale Spiele. Imperalismus heute – Das letzte Stadium des Kapitalismus? Verlag PapyRossa, Köln 2001, Seite 175
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Bei der gigantischen Fusionswelle spielt natürlich die Finanzspekulation eine nicht unerhebliche Rolle. Denn die Anlage von Unternehmensüberschüssen in Finanzgeschäften gibt den Unternehmensleitungen eine zusätzliche Chance, Übernahmen aus eigener Finanzkraft vorzunehmen. Außerdem steigt das Firmenvermögen entsprechend, was für den Fall einer Übernahme durch Dritte den Unternehmenswert erhöht und den Kaufpreis – im Interesse der Aktionäre und des Managements – in die Höhe treibt.
Kommen wir auf den von Ignacio Ramonet eingeführten Begriff der ‚Geofinanz’ zurück. Im Zeichen der Globalisierung erweitert sich auch massiv der Bruch zwischen der realen und der virtuellen Ökonomie. War es früher so, dass das Geld den Wert der Dinge ausdrückte, so ist das heute nicht mehr so. Jede Menge Geld treibt ankerlos, also in absoluter Freiheit um die Welt, ohne Bindung an eine gegenständliche Wirtschaft. Die großen Krisen des vergangenen Jahrzehnts in Mexiko, Asien und Rußland haben deutlich gemacht, dass die Verwalter der Pensions-, Investment- und Spekulationsfonds die neuen Herren der Geofinanz sind.
Allein die US-amerikanischen Pensionsfonds verfügen über einen Vermögensbe-stand von 6 Billionen Dollar, was in etwa der Wirtschaftskraft der Bundesrepublik und Frankreich bzw. ca. 80 Prozent des US-Bruttosozialprodukts gleichkommt.
Quelle: Werner Biermann/Arno Klönne: Globale Spiele. Imperalismus heute – Das letzte Stadium des Kapitalismus? Verlag PapyRossa, Köln 2001, Seite 175
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Durch die Informationstechnologie, die augenscheinlich ihren rasanten Aufschwung vor allem den Erfordernissen des Finanzsystems verdankt, sind die Fonds in der Lage, gewaltige Kapitalmassen innerhalb kürzester Zeit zu bewegen und ohne Zeitverlust zwischen den Knotenpunkten des Systems zu kommunizieren. Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Volumen dieser Transaktionen zehnmal größer ist als das Volumen des Warenaustausches. Hierbei handelt es sich überwiegend um ein reines Spekulationsgeschäft in mehreren Stufen und in gigantischem Ausmaß.
"1997 erreichten die so genannten ‚Derivatpapiere’ einen Wert von mehr als 1700 Millionen Dollar. Alles kann heute Gegenstand einer Spekulation mit ‚Derivaten’ werden: Ich schließe einen Vertrag über den Kauf einer Ladung Öl ... einer Weizen-ernte etc. für einen Festpreis zu einem bestimmten Zeitpunkt ab. Wenn der Preis an der Börse zum vorher fixierten Zeitpunkt unter dem meinen liegt, verliere ich. Im um-gekehrten Fall mache ich Gewinn.
Der Wahnsinn dabei
ist: An den meisten Börsen der Welt genügen 3 oder 5 Prozent Eigenkapital, um mit so genannten Derivatprodukten zu spekulieren. Der Rest ist Kredit. Nun kann man auch mit Derivaten anderer Derivate spekulieren und so weiter. Daraus resultiert eine extrem anfällige, unendliche Kreditpyramide, die immer weiter anschwillt und in den Himmel wächst.Die jungen Genies, die mit Hilfe ihrer vom Computer errechneten mathematischen Modelle versuchen, die Bewegungen des Marktes zu antizipieren, den Zufall unter ihre Kontrolle zu bringen und die Risiken zu verringern, arbeiten wie Formel-1-Pi-loten. Sie müssen in Sekundenbruchteile reagieren. Jede falsche Entscheidung kann eine Katastrophe auslösen ... Die Traders sind die Quintessenz des Finanzkapitalis-mus: Sie werden beherrscht von einer aberwitzigen, irrsinnigen Gier nach Macht, Ansehen, Profit und dem unermüdlichen Willen, den Konkurrenten zu vernichten".
Quelle: Jean Ziegler, Die Barbaren kommen. Kapitalismus und organisiertes Verbrechen. München 1998, S. 32. Zitiert in: Werner Biermann/Arno Klönne: Globale Spiele. Imperalismus heute – Das letzte Stadium des Kapitalismus? Verlag PapyRossa, Köln 2001, Seite 177
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Die Finanzwirtschaft übertrifft mit ihren Kapitalbewegungen die reale Ökonomie bei weitem. Die ununterbrochene Bewegung des Geldes und der Zinssätze, so Ignacio Ramonet, wird zu einem Faktor der Instabilität, der umso gefährlicher ist, als er selbstherrlich funktioniert und von der politischen Macht zusehens abgekoppelt ist.
Entwicklung eines Aktiendepots im ursprünglichen Wert von $ 10.000,- im Zeitraum 1929 bis 1998
Datum Kurzwert Ereignisse
Oktober 1929 10.000,-
Dezember 1919 7.000,- Börsenkrach
1932 2.800,- Weltwirtschaftskrise
Ende 1939 7.200,- Beginn 2. Weltkrieg
Ende 1944 10.400,- Ende des Krieges in Sicht
Ende 1960 92.800,- Wahl v. J.F. Kennedy
1975 261.800,- Ende des Nachkriegsbooms
1985 990.000,- Höhe der Reaganomics
Ende 1998 8.414.000,- Börsenboom
Quelle: James K. Glassmann/Kevin A. Hassett: Dow 36,000, The Atlantic Monthly; September 1999, Volume 284, Nr. 3; S. 37-58: Zitiert in: Zitiert in: Werner Biermann/Arno Klönne: Globale Spiele. Imperalismus heute – Das letzte Stadium des Kapitalismus? Verlag PapyRossa, Köln 2001, Seite180
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Diese kleine Sammlung von Grauslichkeiten, die der Autor dem äußerst interessanten Buch von Werner Biermann und Arno Klönne (Globale Spiele. Imperialismus heute – Das letzte Stadium des Kapitalismus. PapyRossa-Verlag, Köln 2001) entnommen hat und das auf jeden Schreibtisch eines Gewerkschaftsfunktio-närs gehört, veranschaulicht recht deutlich, dass in der Vergangenheit Konflikte zwischen Interessen der Wirtschaft und der Bevölkerung viel zu oft zum Vorteil des Kapitals gelöst worden sind. Darüber hinaus ist es auch höchst an der Zeit, dass die Arbeiterbewegung die Formel "Technologischer Fortschritt bringt ein besseres Leben für alle" kritisch hinterfrägt. Auch fällt es immer mehr Menschen nicht mehr schwer, von Institutionen enttäuscht zu sein, da diese immer öfter bei der Bewältigung der anstehenden Probleme scheitern. Und was macht die Gewerkschaftsbewegung? Zum einen steht sie vor dem Problem, dass sie im Parteiensystem kaum noch An-sprechpartner findet, was insbesondere in Österreich in den letzten beiden Jahren zu verzeichnen war. Zum anderen, und dieses wirkt wesentlich schwerer, kämpft sie mit einem gesellschaftspolitischen Rüstzeug, das mittlerweile mehr als stumpf geworden ist. Also, wenn die aufgezeigten Grauslichkeiten der Globalisierung auch wirksam bekämpft werden sollen, so muss die Gewerkschaftsbewegung auch bereits sein den Kampf aufzunehmen, auch wenn dieser mit großen Verlusten verbunden sein sollte. Wie heißt es doch so schön: Umsonst ist nur der Tod und der kostet das Leben.
*) Josef Schmee ist Nationalökonom und lebt in Wien.