Oskar Negt
Arbeit und menschliche Würde

Oskar Negt

Arbeit und menschliche Würde

Steidl Verlag, Göttingen 2001,

747 Seiten. Preis: 29,90 Euro.

Allen Reparaturversuchen zum Trotz steckt der Arbeitsmarkt seit zwanzig Jahren in einer tiefen Krise. Weder die vielbeschworene Globalisierung der Märkte noch die Flexibilisierung der Arbeitszeit wird das Problem der Massenarbeitslosigkeit aus der Welt schaffen. Auch die "Beschäftigungswunder" in den USA und Holland erweisen sich bei genauem Hinsehen als Irrwege. Doch wie können die Strukturprobleme der Erwerbsgesellschaft im Zeitalter der Informationstechnologie beseitigt werden? Wie prägt die Arbeit unser Menschenbild und welcher Stellenwert kommt ihr in unserem Gemeinwesen zu?

Oskar Negt beschreibt Arbeitslosigkeit als einen Gewaltakt, der Millionen von Menschen um ein Leben in Würde bringt – und das, obwohl die Industriestaaten heute reicher sind denn je. Im Rückgriff auf die europäische Geistesgeschichte löst er unseren Blick von der reinen Marktlogik des Kapitalismus und stößt eine Debatte an über den Zusammenhang von Arbeit und Kultur, über die Bedeutung gerecht verteilter Arbeit für eine funktionierende Demokratie. Dass es sich bei dem Begriff Arbeit um eine gesellschaftliche Schlüsselkategorie handelt, deren Veränderung alle Institutionen, Organisationsprinzipien, Beziehungsstrukturen und Wertorientierungen berührt, mag ein entscheidender Grund dafür sein, dass schnelle und phantasielose Eingriffe pragmatischen Zuschnitts wirkungslos bleiben. Nötig, so Negt, wären radikale Wandlungen, aber gerade diese sind offenbar mit tiefsitzenden Ängsten verknüpft. Jetzt sind die an der Macht, die in ihrem Traditionen und politischen Programmen die Glaubwürdigkeit einer Gesellschaftsreform an Haupt und Gliedern in einer Weise repräsentieren wie keine Regierungskoalition vorher. Das Prinzip Hoffnung ist noch nicht aufgebraucht, aber es bedarf, so Negt, größter Anstrengungen, die Linien einer Gesellschaftsreform zu erkennen, die zukunftsfähig und haltbar ist. Ein Urteil darüber wäre freilich verfrüht. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass in Zeiten historischer Umbrüche der unter normalen Bedingungen geltende Begriff der Realpolitik irrationale Seiten zeigt, die Regierungspolitiker im Alltagsgeschäft zu übersehen geneigt sind, während sie auf den Oppositionsbänken noch genügend Freiraum für Perspektiven kannten.

Dem entspricht ein methodisches Problem des vorliegenden Buches. Es stellt sich nicht nur die Aufgabe, das sprachliche und begriffliche Spektrum der aktuellen Auseinandersetzung um die Veränderung der Arbeits- und Erwerbsgesellschaft zu erweitern, sondern diese als Teil eines sehr viel weiter greifenden Prozesses gesellschaftlicher Transformation zu bestimmen. Die Erkenntnisobjekte bestehen deshalb zwangsläufig eher in Entwicklungspotentialen als in bloßen Tatsachenfeststellungen, die sich, wie die Erfahrung zeigt, als Momentaufnahmen des Gegebenen sehr schnell als bloße Abstraktionsschritte erweisen können. Oskar Negt spitzt daher vorhandene Tendenzen der Gesellschaft in seiner Untersuchung bewusst zu, vereinfacht in vielfacher Hinsicht Entwicklungen und verlängert sie so, dass Zukunftsperspektiven deutlicher erkennbar werden. Wer ganz der Gegenwart verhaftet bleibt, ist ständig damit beschäftigt, auf schon abgeschlossene Prozesse zu reagieren. Wer also keine Kraft zum Träumen hat, so Negt, der hat auch keine Kraft zum Kämpfen. Die tagtägliche Selbstermutigung, über den Tag hinaus zu denken, gilt auch für die Wissenschaft, denn wer keine Kraft zum Träumen hat, der hat auch keine Kraft zum Erkennen.

Der Soziologe und Philosoph Oskar Negt legt ein so brisantes wie grundlegendes Werk vor, das erstmals die Phänomene Arbeit und Arbeitslosigkeit in all ihren gesellschaftlichen und kulturellen Aspekten darstellt. Nur eine politisch verantwortliche Ökonomie kann die Spaltung der Gesellschaft bewältigen und in Zukunft eine friedensfähige Weltordnung garantieren.

 

Zum Autor:

Oskar Negt, geboren 1934, Studium der Philosophie und Soziologie in Göttingen und Frankfurt/Main, ist seit 1970 Professor für Soziologie in Hannover. Zahlreiche Veröffentlichungen. Im Steidl Verlag erschienen: "Die zweite Gesellschaftsreform", "Kältestrom", "Achtundsechzig. Politische Intellektuelle und die Macht", "Kindheit und Schule in einer Welt der Umbrüche" und "Warum SPD?"

 

- Josef Schmee -


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