Vermögensverteilung in Österreich

Zu den wesentlichsten langfristigen Veränderungen in marktwirtschaftlich organisierten Wirtschaftssystemen zählt der Übergang von der Produktions- zu einer Vermögensgesellschaft.

Von Manfred BAUER.

WirtschaftsexpertInnen schätzten das Gesamtvermögen der privaten Haushalte für 1993 als Untergrenze mit rund 5.580 Milliarden Schilling. Damit wäre das Vermögen der privaten Haushalte mehr als 2,5 Mal so groß wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Für den durchschnittlichen Haushalt ergibt sich daraus ein Vermögensbestand von rund 1,8 Millionen Schilling. Doch genau dieser Durchschnittswert verstellt den Blick auf die Tatsache, dass dieses Vermögen in den Händen weniger konzentriert ist. Etwa 90 Prozent des Vermögensbestandes wird zehn Prozent der Bevölkerung zugerechnet.

Der Vermögensbestand strukturiert sich folgendermaßen:

523 Mrd Schilling (land- und forstwirtschaftliches Vermögen), 2.911 Milliarden (Grundvermögen), 784 Milliarden (betriebliches Reinvermögen), 1.978 Milliarden (Finanzvermögen), 117 Milliarden (sonstige Vermögen).

Unzureichende Vermögensbesteuerung

Der Punkt ist, dass diese Vermögenswerte nicht nur völlig ungleichgewichtig verteilt sind, sondern auch unzureichend besteuert werden. Einerseits sind die Einheitswerte für land- und forstwirtschaftliches Vermögen und Grundvermögen vollkommen unterbewertet, andererseits werden die Erträge aus Finanzvermögen entweder endbesteuert mit 25 Prozent KESt, was angesichts der Ungleichverteilung der Zinseinkommen viel zu niedrig ist, oder gar nicht versteuert.

Bedingt durch die wachsende Sparneigung der privaten Haushalte bei steigendem Einkommen und durch einen zunehmenden Grad an Finanzintermediation wachsen die Geldvermögen stärker als das BIP und das Realvermögen und wurden für 1995 in Österreich mit 115,5 Prozent schon höher als das Inlandsprodukt geschätzt.

Tatsächlich weist die gesamtwirtschaftliche Finanzierungsrechnung der Österreichischen Nationalbank ein jährliches Wachstum des Geldvermögens der privaten Haushalte von fünf Prozent seit 1996 aus. Das Geldvermögen der privaten Haushalte für 1999 lag bei 3.598 Mrd Schilling und betrug damit schon 133 Prozent des BIP (2.712 Milliarden).

Progressive Steuer für Zinseinkommen

Das Wirtschaftsforschungsinstitut untersuchte den privaten Geldvermögensbestand der österreichischen Haushalte, wobei Haushalte mit Haushaltsvorständen, die männlich, angestellt und über 40 Jahre alt sind, typischerweise hohe Geldvermögen ausweisen. Niedrige Einkommen – vornehmlich Frauen, die in prekären Dienstverhältnissen stehen – haben klarer weise auch wenig Möglichkeiten zur Vermögensakkumulation. Daraus ergibt sich, dass der Vermögensbesitz massiv ungleicher verteilt ist als das Einkommen. Das Wirtschaftsforschungsinstitut schätzte 1991, dass das untere Einkommensdrittel etwa 6,5 Prozent der Zinseinkommen, das mittlere ein Viertel, und das obere Einkommensdrittel ca. zwei Drittel der Erträge erhält. Damit wäre eine progressive Steuer für Zinseinkommen in jedem Fall gerechtfertigt.

Die Verteilungspolitik in Österreich erodiert insbesonders an den oberen und unteren Rändern. Große Vermögenseinkommen werden kaum steuerlich erfasst, akute Armutsgefährdung wird gerade von der blau-schwarzen Koalition nicht bekämpft. Im Zentrum der Politik steht eine nicht genau definierte "Mittelschicht", der berüchtigte "kleine Mann von der Straße", der vor allem von der Politik überstrapaziert wird. Diese Orientierung hat dazu geführt, dass spezifische Lebenslagen vor allem von Frauen in der Wirtschaftspolitik kaum Beachtung finden, was sich in ihrer Einkommenssituation niederschlägt. Nach wie vor kommt der überwiegende Teil der Bevölkerung nicht in den Genuss des wirklichen Reichtums.


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