Interventionen wider den Zeitgeist

Hilde Wagner (Hrsg.)

Interventionen wider den Zeitgeist.
Für eine emanzipatorische Gewerkschaftspolitik im 21. Jahrhundert.
Helmut Schauer zum Übergang in den Un-Ruhestand.

VSA-Verlag 2001, 360 Seiten. Preis: 21 Euro.

 

Helmut Schauer eröffnete Mitte der achtziger Jahre den Kongress »Prima Klima« mit dem bezeichnenden Untertitel »Wider den Zeitgeist: Erste gnadenlose Generaldebatte zur endgültigen Klärung aller unzeitgemäßen Fragen«. Die Entscheidung für diesen Kongress beruht auf der nicht zuletzt aus den früheren Erfahrungen gewonnenen Auffassung, dass die innere Radikalisierung kritischen Denkens, dass geistige Haltungsänderungen hin zu mehr Selbstbewusstsein, Konzentration, Angriffslust, Ironie, Witz und Phantasie, also auch die Freisetzung sinnlich-ästhetischer Energien nötig sind, um praktisch-politische Eingriffskraft zurückzugewinnen. Wie kaum ein anderer versucht er bis heute theoretischen Diskurs und praktisch-politisches Engagement zusammenzubringen – immer bedacht darauf, die Bedeutung alltagskultureller Dimensionen dabei nicht zu vernachlässigen. So äußerte er kürzlich nach einem Aufenthalt bei einer befreundeten Gewerkschaft im Ausland, bei dem es geselliger zuging als bei uns üblich, hätte er einmal genügend Zeit, würde er über die wichtige Frage der Bedeutung des Witzes in der Alltagskultur der Gewerkschaften forschen. In keiner der Stationen seines Werdegangs – nach Mechanikerlehre und Gewerkschaftsjugend, Student und Landes- später Bundesvorsitzender des SDS, Theatermacher, Sozialwissenschaftler und Gewerkschaftssekretär – hat er eine Seite dieses Ensembles ganz ausgeblendet, auch wenn sie in der unmittelbaren Tätigkeit nicht gefragt und manchmal sogar unerwünscht war.

So standen für ihn ab Mitte der sechziger Jahre die Aneignung kritischer Theorie der kapitalistischen Gesellschaft und die Auseinandersetzung mit den großen Themen der Zeit – Verteidigung der demokratischen Freiheitsrechte und Kampf gegen den Vietnamkrieg – auf der Tagesordnung. Gleichzeitig setzte er sich für eine Bündnispolitik mit Gewerkschaften, Kirchen und weiteren gesellschaftlichen Gruppen ein. Als Sozialwissenschaftler beim Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen sah er sich nicht nur einer kritischen Sozialforschung verpflichtet, sondern versuchte mit seinem Forschungsprojekt über die Tarifpolitik der IG Metall zugleich ein ehrgeiziges Vorhaben umzusetzen: nämlich die IG Metall zu einer »umfassenden Repolitisierung« zu bewegen. Bei der IG Metall als seinem »Gravitationszentrum« schließlich angekommen, wurde er bis heute nicht müde, neue gesellschaftspolitische Konzeptionen einzufordern und gegen phantasie- und perspektivloses Lavieren und funktionalistische Anpassung anzugehen. Dass auch die Gewerkschaften Produkte der heutigen Zeit sind und als solche vom Verfall des Politischen ergriffen, schützt sie nicht vor der bisweilen beißenden Kritik Helmut Schauers. Immer wieder prangerte er in jüngster Vergangenheit an, dass sie der Welle neoliberaler Mobilisierung zu wenig entgegensetzten und sich aufgrund des Verlusts an politischen Konzepten im puren Tagesgeschäft verlieren würden. Das alte und neue Ziel, Voraussetzungen für eine bessere und demokratischere Gesellschaft zu schaffen, werde damit verfehlt.


Die Autorinnen und Autoren dieses Buches haben Helmut Schauer in unterschiedlichen Phasen begleitet. Ihr Spektrum deckt ein weites Feld ab: Sie kommen aus den Bereichen der Sozialwissen-schaft, der Forschungsinstitute, der Politik, der Medien und der Gewerkschaften: Hartmut Dabrowski:Eingriffe als ständige Aufgabe: oder das Leben als politische Sisyphusiade; Bodo von Greiff: Helmut Schauer und der kategorische Imperativ; Oskar Negt: »Nichts ist praktischer als eine gute Theorie« Zur Dia-lektik von kritischer Gesellschaftstheorie und emanzipatorischer Politik; Frank Deppe: Gewerkschaften und Intellektuelle;
Michael Schumann: Sozialstrukturelle Ausdifferenzierung und Pluralisierung der Solidarität; Joachim Bergmann: Krisenerfahrungen und Zukunftsängste; Günter Bechtle/Dieter Sauer: Fordismus als Zwischenspiel? Zur heterogenen und ambivalenten Entwicklung des gegenwärtigen Kapitalismus; Hans-Jürgen Urban:
Der Arbeitskraftunternehmer – Ein neues Produkt der Spektakel-Soziologie? Karlheinz A. Geißler: Surfing the Zeitgeist; Frieder Otto Wolf: Was tut die ausgebeutete Klasse, wenn sie kämpft? Einige Überlegungen zur Neulektüre der Darstellung des »Kampfs um den Normalarbeitstag« im »Kapital«; Jürgen Peters:
Zwischen politischem Lohn und »beschäftigungsorientierter Tarifpolitik«. Der tarifpolitische Einfluss auf die Einkommensverteilung; Edwin Schudlich: Zum historischen Verhältnis von Entlohnungsform und Arbeitsorganisation; Armin Schild/Hermann Unterhinninghofen: 1972 – heute – Zukunft. Stationen und Wirkungsgrade der gewerkschaftlichen Tarifpolitik; Hartmut Schulz/Frank Teichmüller: Betriebsnahe Tarifpolitik. Die IG Metall stärken – den Flächentarifvertrag verteidigen; Reinhard Bispinck/Thorsten Schulten: Zur Kritik der wettbewerbsorientierten Tarifpolitik; Klaus Lang: Die Zukunft der Gewerkschaf-ten; Bodo Zeuner: Alternative Zukunftspfade der deutschen Gewerkschaften; »Wie alles anfing...« Eine Widmung von Lionel van der Meulen; Claus Koch: Der linke Impuls; Rupert von Plottnitz: Kapitalismus ohne Politik? Tilman Fichter/Helga Ziemann: Berufliche Qualifikation und freiheitliche Selbstbe-stimmung; Joachim Bischoff/Richard Detje: Der dritte Weg und seine Kritiker; Sybille Stamm: Terror und Politik. Gewerkschaften müssen Motor der Friedensbewegung sein; Jürgen Seifert: Europäische Staatsgründung durch Verfassungsgebung.
Verfassungsdebatten und Machtentscheidung; Birgit Mahnkopf/ Elmar Altvater: Ortloser Widerstand überall; Heinz Bierbaum:
Eine Bewegung für ein soziales Europa. Zur transnationalen Zusammenarbeit der Gewerkschaften; Jakob Moneta: Europäische Gewerkschaften vor neuen Herausforderungen; Reinhard Kuhlmann:
Soziale Kontrolle im europäischen Regelungsmodell. Europäische Lohnkoordinierung in der Metallwirtschaft; Bart Samyn: Tarifpolitik zwischen europäischer Koordinierung und nationalen Bündnissen.

Die Beiträge sind beredte Beispiele dafür, dass Helmut Schauer in vielen Werdegängen und Gedankengebäuden markante Spuren hinterlassen hat.

- Josef Schmee -

Die Herausgeberin Hilde Wagner ist Gewerkschaftssekretärin in der Abteilung Tarifpolitik beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt.


(c) 2002 by Gewerkschaftlicher Linksblock