Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei Karl Marx.

Helmut Reichelt

Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei Karl Marx.

Ca ira-Verlag, Freiburg/Breisgau 2001.

285 Seiten, Preis: 19,60 Euro.

 

Bei diesem 1970 erstmals erschienenen Buch handelt es sich um einen Klassiker einer Marxinterpretation, die im Zuge des 1948 erstmals zugänglich gewordenen Rohentwurfs des Kapitals (den Grundrissen) das in den stalinistischen (und sozialdemokratischen) Apologien des ‚wissenschaftlichen Sozialismus’ verlorengegangene kritische Potential der Marxschen Spätschriften reflektiert. Der Autor weist nach, dass, wenn man Marx um dessen philosophieimmanente Kritik verkürzt, ihn um seinen gesellschaftskritischen Stachel insgesamt bringt. Zentral ist dabei die Frage, wieviel die Marxschen Kategorien gerade im Kapital der Hegelschen Philosophie verdanken, insbesondere, was die Entstehung der bürgerlichen Subjektivität betrifft.

Bei der Vorbereitung dieser als Dissertation vorgelegten Untersuchung zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei Marx hat der Verfasser, so berichtet er im Vorwort zur Neuauflage, einen zentralen Hinweis übersehen: Schon kurz nach der Veröffentlichung der Schrift Zur Kritik der politischen Ökonomie im Jahre 1859 schrieb Marx an Engels, dass die Fortsetzung viel populärer und die Methode vielmehr versteckt (sein werde) als in Teil I. Marx hat es also seinen Lesern nicht leicht gemacht: Einerseits präsentiert er ein Werk mit hohem wissenschaftlichen Anspruch; andererseits versteckt er die Methode, durch die sich gerade Wissenschaftlichkeit definiert.

Dass die Dialektik im Kapital "reduziert" wurde, hat Gerd Göhler (Die Reduktion der Dialektik durch Marx, Stuttgart 1980) konstatiert, und in der Tat lässt sich nachweisen, dass Marx auch noch in der zweiten Auflage des Kapitals methodologische Passagen ersatzlos gestrichen hat, die wesentlich für das Verständnis der Marxschen Verfahrensweise sind. So zum Beispiel den folgenden Absatz, der zum zweiten Kapitel sowohl in Zur Kritik wie auch im Kapital überleitet, und in der zweiten Auflage ersatzlos gestrichen wurde. "Die Ware ist unmittelbare Einheit von Gebrauchswerth und Tauschwerth, also zweier Entgegengesetzten. Sie ist daher ein unmittelbarer Widerspruch. Dieser Widerspruch muß sich entwickeln, sobald sie nicht wie bisher analytisch bald unter dem Gesichtspunkt des Gebrauchswerths, bald unter dem des Tauschwerths betrachtet, sondern als ein Ganzes wirklich auf andere Waaren bezogen wird. Die wirkliche Beziehung der Waaren aufeinander ist ihr Austauschprozeß." (II.5/51)

Gründe, Umfang und Bedeutung dieser "Reduktion" sind bis heute nicht geklärt. Aber will man ihr nachgehen und die Methode rekonstruieren, was ja Inhalt dieser vorliegenden Untersuchung ist, so muss man sich offensichtlich an jene Schriften halten, wo sie gewissermaßen "unversteckt" vorliegt, nämlich den unmittelbaren Vorarbeiten zum Kapital, also vor allem den so genannten Rohentwurf des Kapitals und den Urtext der Schrift Zur Kritik der politischen Ökonomie. Jedoch hat der Verfasser hierbei wie er ausführt eine fundamentale Differenz zwischen dem Rohentwurf und den veröffentlichten Schriften übersehen, deren Bedeutung sich allerdings erst vor dem Hintergrund kategorialer Fragestellungen erschließt, die mit der Rekonstruktion der dialektischen Methode verknüpft sind. Im Rohentwurf, so der Autor, unterscheidet Marx den "Tauschwertsetzenden Verkehr" von der "Tauschwertsetzenden Arbeit". Erstere bezeichnet er auch als "einfache Zirkulation", ein Ausdruck, der bereits in Zur Kritik der politischen Ökonomie kaum noch und im Kapital überhaupt nicht mehr auftaucht; der Begriff der Tauschwertsetzenden Arbeit kann als eine frühere Bestimmung des Doppelcharakters der Arbeit gelesen werden, der Ausdruck wird auch noch in Zur Kritik der politischen Ökonomie häufiger gebraucht. Die Tauschwertsetzende Arbeit wird auch charakterisiert als "praktisch wahr gewordene abstrakte Arbeit, der Gegenbegriff wird zwar nicht ausdrücklich als "theoretische Wahrheit" der abstrakten Arbeit bezeichnet, aber innerhalb der Darstellungskonzeption wird die abstrakte Arbeit als "Arbeit an sich" behandelt, als Kategorie, die "mehr noch in unsere subjektive Reflexion fällt."

In der Literatur wird zwar notiert, dass Marx im Rohentwurf einen vom Kapital unterschiedenen Aufbau der Darstellung verfolgt: Mehrfach betont er, dass der Wert die erste Kategorie in der Kritik ökonomischer Kategorien sei, oder, um "den Begriff des Kapitals zu entwickeln, ... es nicht nötig (ist) von der Arbeit, sondern vom Wert auszugehen, und zwar von dem schon in der Bewegung der Zirkulation entwickelten Tauschwert". Die selbstkritische Bemerkung jedoch, die sich im Kontext der Geldentwicklung findet, wird als Bestätigung gewertet, dass der Rohentwurf weithin eine idealistische, lediglich immanent-begriffliche Entwicklung darstelle, gegenüber Zur Kritik der politischen Ökonomie und dem Kapital, wo Marx von der Ware ausgehe, und sich damit auf festem materialistischem Boden bewege. Es lässt sich auch zeitlich eingrenzen, so der Autor weiter, wann diese Änderung der Darstellungskonzeption erfolgte, aber nirgends finden sich explizite Hinweise über die Gründe dieser Veränderung.

Was hat es nun mit diesem Konzept der einfachen Zirkulation für eine Bewandtnis? Dieser Begriff ist doppeldeutig: zum einen wird der tauschwertsetzende Verkehr in einer historischen Dimension verstanden, allerdings nicht im Sinne einer platten historischen Schilderung (wie dies, im Anschluss an unglückliche Formulierungen von Engels in der marxistischen Orthodoxie als Verhältnis von Logischem und Historischen kanonisiert wurde); man könnte sie vielmehr, so der Autor, als das Ineinandergreifen einer Entwicklungslogik und einer Entwicklungsdynamik begreifen, die aber von Marx nicht explizit ausgearbeitet wurde. Zum anderen verbindet Marx mit dem Begriff der einfachen Zirkulation die Konzeption einer "Oberfläche" des kapitalistischen Gesamtreproduktionsprozesses, die ganz offensichtlich an der Hegelschen Logik orientiert ist. Manche Formulierungen, so der Autor weiter, legen sogar den Gedanken nahe, dass es sich um wortwörtliche Übernahmen handelt, wie zum Beispiel beim Übergang zum Kapital, der dem Übergang von der Seins-zur Wesenslogik nachgebildet ist.

Übersieht man die Doppelbedeutung dieser Konzeption (was bislang, so der Autor weiter, immer geschehen ist), bleibt der Zugang zur Marxschen Methode versperrt, die er im Rohentwurf "anwendet", eine Formulierung von Marx, die zumindest irritiert – denn der Ausdruck Anwenden suggeriert, dass es sich dabei um eine fertig vorliegende Methode handle. Aber lässt sich denn eine Methode, so fragt der Autor weiter, von der es immer wieder heißt, daß sie abgelöst vom Inhalt nicht expliziert werden könne, auf einen anderen Gegenstand "anwenden"? Der Vorwurf, dass die Marxsche Darstellung des "allgemeinen Begriffs des Kapitals" lediglich eine theoretische Konstruktion darstelle, die eine innere Notwendigkeit suggeriere und das Kapital als eine logisch-immanente Begriffsexplikation zu entwickeln suche, liegt für den Autor nahe, zumal Marx nirgends auch nur ansatzweise erläutert hat, was ihn sachlich berechtigt, die Realität des Kapitalismus in die Form eines "allgemeinen Begriffs des Kapitals" zu übersetzen. So umgehen die gesamten Untersuchungen zu den Marxschen Planänderungen dieses Problem; Gegenstand ist immer nur die Frage, was diesem "allgemeinen Begriff", dem "Kapital im allgemeinen" zuzurechnen sei und was nicht mehr dazu gehöre.

In der vorliegenden Untersuchung handelt es sich also um den Versuch, einen Teil der kategorialen Darstellung nachzuvollziehen also um einen vorläufigen Beitrag zu einer neuen Auseinandersetzung mit dem Marxschen Werk, welche durch die Arbeiten von Alfred Schmidt und Hans-Georg Backhaus, insbesondere dessen Untersuchung über die Dialektik der Wertform eingeleitet worden ist.

 

- Josef Schmee -

Zum Autor:

Helmut Reichelt ist Mitherausgeber (u.a. mit Hans-Georg Backhaus) der im Argument-Verlag erscheinenden Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge.


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