Arbeiter übernehmen Konkursunternehmen

Rund 10.000 Stellen gerettet
Von Marcela VALENTE.
Angesichts der seit Jahren andauernden Wirtschaftskrise in Argentinien haben Tausende Arbeiter selbst das Management ihrer Firmen übernommen, die in vielen Fällen einfach von ihren Eigentümern verlassen wurden.

"Wir wollen einfach nur weiterarbeiten", sagt Susana Luna, die seit 1992 in der Textilfirma Brukman in Buenos Aires beschäftigt ist. Seit sechs Jahren schon konnten die Betreiber der Firma nicht mehr die vollen Gehälter zahlen. Ende letzten Jahres waren sie dann einfach verschwunden. So beschlossen die 60 Mitarbeiter, zu 90 Prozent Frauen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Seitdem sie vor rund sechs Wochen die Produktion wieder aufgenommen haben, können sie die aufgelaufenen Rechnungen für Strom, Gas, Wasser und Telefon bezahlen, Investitionen tätigen und den Gewinn untereinander aufteilen.

Die Pleitewelle hatte in Argentinien in den letzten Jahren Unternehmen aller Branchen und Regionen erfasst. Meist verlief der Countdown nach dem gleichen Muster: Das Unternehmen schleppt sich über einige Jahre dahin und kann nicht mehr die vollen Gehälter zahlen. Schließlich kündigen die Eigentümer den Konkurs an, oder sie verschwinden einfach von der Bildfläche. Manche Mitarbeiter resignieren, doch andere nehmen den Betrieb nach einer Weile wieder auf.

Über 60 der in den letzten zehn Jahren in Konkurs gegangenen Unternehmen sind mittlerweile sanierte Genossenschaftsbetriebe. Experten schätzen, dass rund 10.000 Arbeitsplätze auf diese Weise gerettet wurden, in einem Land mit 37,4 Millionen Einwohnern und einer Arbeitslosenrate von 23 Prozent.

Eines der erfolgreichsten Beispiele ist die Gefrierfleischfabrik Yaguané in der Provinz Buenos Aires, die 1996 noch 500 Beschäftigte hatte. Als die Schließung des Unternehmens unausweichlich schien, verließen die Eigentümer das Werk. Die Arbeiter aber blieben, konnten neue Kunden gewinnen, die Schulden bezahlen und das Werk 1998 wieder eröffnen. Mit der Zeit wurde es zur bedeutendsten Fabrik des Sektors. Die Mitarbeiter verdienen heute mehr als 220 Dollar im Monat - dreimal soviel wie die Arbeitslosenunterstützung für einen Familienvater - und können überdies jede Woche sechs Kilo Fleisch mit nach Hause nehmen.

In manchen Fällen kommen die Eigentümer eines Tages zurück und beglückwünschen ihre Mitarbeiter zu deren Erfolg. Die Belegschaft verhandelt dann mit ihnen über die Miete oder den Kauf der Maschinen. Im Falle der Firma Polimex etwa, einem Hersteller für Fahrzeugersatzteile, wurden die Aktien auf die Belegschaft aufgeteilt, die dafür auf ihr Gehalt verzichtete.

Zuweilen kommt es jedoch auch zu Auseinandersetzungen vor Gericht und mit der Polizei. So auch im Falle des Textilunternehmens Brukman. Schon seit Jahren sei die Firma nicht gut gegangen, erinnert sich der Bügler Oscar Giménez . "Acht Jahre lang habe ich hier gearbeitet, und nie haben sie mir mein volles Gehalt gezahlt. Das Geld gab es immer nur wochenweise. Darüber hinaus schuldeten sie uns die Gratifikation, den Urlaub und die Familienzulage. Die Unternehmer versicherten uns, der geschuldete Lohn würde eines Tages ausgezahlt", schildert er. Aber Ende letzten Jahres zahlten sie statt ursprünglich 100 nur noch fünf Pesos die Woche. Kurz vor Weihnachten stellten sie die Zahlungen ganz ein.

Die Arbeiter besetzten die Firma, in der Erwartung, dass in den kommenden Tagen einer der drei Eigentümer die Maschinen abholen würde. Doch niemand kam. Einen Tag später begannen die Unruhen, die die Regierung von Fernando de la Rúa zum Rücktritt zwangen. So beschlossen die Arbeiter, einfach zu bleiben. "Wir verbrachten die Feiertage und den ganzen Jänner in der Fabrik. Aber niemand kam", berichtet Giménez. Das Arbeitsministerium versuchte mehrmals, die Eigentümer vorzuladen. Ohne Erfolg. 60 der insgesamt 115 Mitarbeiter beschlossen daraufhin, das Werk wieder zu eröffnen.

"An dem Tag hat es uns einfach gereicht. Wir machten uns daran, Stoffe zuzuschneiden, Anzüge zu nähen und zu verkaufen. Mit dem Geld bezahlten wir die Rechnungen. Derzeit verdienen wir 40 Pesos die Woche statt fünf", erzählt Giménez. Das verdiente Geld floss in weitere Investitionen. Den Überschuss teilten die Arbeiter untereinander auf. Doch letzte Woche stand plötzlich die Polizei vor der Tür.

"An diesem Morgen waren nur drei Arbeiterinnen und ein sechsjähriges Mädchen in der Fabrik. Rund 70 mit Schlagstöcken bewaffnete Polizisten, Justizangestellte und Sozialarbeiter präsentierten eine Strafanzeige und hatten den Auftrag, das Gebäude zu räumen. Als sich die Frauen widersetzten, habe man auf sie eingeschlagen, sogar auf das Kind", erinnert sich der Textilarbeiter. "Sie machten so einen Lärm, dass die Nachbarn herbeiströmten und protestierten." Nachdem die Polizei abgezogen war, besetzten sie Arbeiter das Werk erneut.

Auch wenn sie der Vorwurf der "Werksbesetzung" beunruhigt, so haben die meisten von ihnen doch keine Alternative. "Meine Frau ist arbeitslos, sie wurde von eben dieser Fabrik entlassen, und ich habe drei Kinder zu versorgen. Ich kann dies nicht aufgeben", versichert Giménez.

Obwohl es nicht die erste Werksbesetzung ist, erregten die Arbeiter von Brukman doch besonders viel Aufsehen. Die Firma liegt in einem bekannten Geschäftsviertel von Buenos Aires, und der Konflikt ereignete sich auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise in Argentinien. Seither versammeln sich tausende Bürger regelmäßig in den Stadtteilen, um zu protestieren. Die Bürger des Stadtteils Once, wo das Werk liegt, lieferten den Arbeitern Lebensmittel und standen Wache. Am Tag nach dem Räumungsversuch protestierten 2.000 Nachbarn vor den Werkstoren, um ihre Solidarität zu bekunden.

"Ich bin überrascht, denn ich dachte, viele würden nach dem Polizeieinsatz nicht wiederkommen. Aber das Gegenteil ist passiert. Wir sind jetzt viel stärker, denn die Nachbarn unterstützen uns", meint Luna und bekräftigt: "Wir werden weiterarbeiten. Mit oder ohne die Eigentümer."


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