
Die Schatten der Globalisierung
Joseph Stiglitz: "Die Schatten der Globalisierung" Eine Rezension von David MUM. Joseph Stiglitz, Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2001, hat nun ein auch für Nichtökonomen lesbares Buch vorgelegt, in dem er vor allem seine Kritik an der Politik des Internationalen Währungsfonds (IWF) darlegt. Insofern ist der Titel etwas zu weit gefasst. Es geht weniger um die Globalisierung im allgemeinen als um die verheerenden Folgen der Politik des IWF in Südostasien, Lateinamerika und Rußland. Stiglitz wurde in den letzten Jahren zu einem der prominentesten Kritiker des IWF. Seine Analysen sind insbesondere deswegen interessant, weil sie von einem "Insider" stammen: Er war von 1997 bis 1999 Chefökonom der Weltbank und hat daher hautnah erlebt, wie die Entscheidungsfindung in IWF und Weltbank funktioniert und welchen Interessen diese Institutionen zum Durchbruch verhelfen bzw. welche Interessen unter die Räder kommen. Verwunderlich ist es aber, dass er diese Politik erst erkannt hat, als er den Dienst in der Weltbank angetreten hat. So schreibt er, er "hätte es sich nie träumen lassen, dass eines der größten Hindernisse für die Entwicklungsländer" (S. 39) – der IWF sei. Als Stiglitz dies feststellte, konnte man schon auf eineinhalb Jahrzehnte verfehlter neoliberaler Strukturanpassungsprogramme des IWF in Lateinamerika zurückblicken, die den Staaten ein neoliberales Wirtschaftsmodell aufzwangen, nicht aber den Lebensstandard der Menschen verbessert oder die Verschuldung reduziert hätten. Trotzdem ist das Buch lesenswert, weil es Details und Hintergrundinformationen über IWF und Weltbank "von innen" bringt. Die Tatsache, dass der IWF bei völlig unterschiedlichen Problemen immer dasselbe Programm vorgeschlagen hat, bringt Stiglitz pointiert auf den Punkt: "Wenn man einem Papagei den Spruch "fiskalische Austerität, Privatisierung und Marktöffnung" beigebracht hätte, dann hätte man in den achtziger und neunziger Jahren auf den Rat des IWF verzichten können." Stiglitz schlussfolgert, dass der IWF nicht den Interessen der Weltwirtschaft, sondern denen der Finanzwelt dient. Anhand zahlreicher Beispiele zeigt er, dass die Kredite des IWF, die den von Finanzkrisen betroffenen Ländern gewährt wurden, stets den westlichen Gläubigern ermöglicht haben, ihr Kapital ohne große Verluste abzuziehen, während die verarmte Bevölkerung den Gürtel enger schnallen musste. So wurden etwa in Rußland die Renten und Löhne nicht ausbezahlt und gleichzeitig landeten die IWF-Kredite auf den westlichen Konten der herrschenden Oligarchen. In der Asienkrise ordnete der IWF die Kürzung von Nahrungsmittelsubventionen für die verarmte Bevölkerung an. Die Kredite ermöglichten es den westlichen Investoren, ihre Schafe ins Trockene zu bringen. Für die Schuldenrückzahlung werden die dortigen Arbeitnehmer aufkommen müssen. Stiglitz hat sich lange mit "Marktversagen" beschäftigt und kann daher die Widersprüche neoliberaler Marktgläubigkeit profund widerlegen. Seine Alternativen bewegen sich aber alle im Rahmen einer Marktwirtschaft, in der der Staat versuchen soll, Marktversagen zu kompensieren. Stiglitz schlägt – wie viele andere – einen dritten Weg vor. Dieser Begriff lässt allerdings nicht auf sein Programm schließen. Diejenigen, die einen dritten Weg vorschlagen, postulieren, dass die Wirklichkeit zuvor auf zwei Wege reduziert wurde, denen nun originellerweise ein dritter als Alternative hinzugefügt wird. Schon die Unzahl der dritten Wege zeigt, dass dies ein falsches Bild der Wirklichkeit ist. Während Schröder und Blair einen dritten Weg zwischen keynesianischem Wohlfahrtsstaat und Neoliberalismus vorschlagen (aber nicht gehen), will Stiglitz einen Weg zwischen Sozialismus und neoliberalem Kapitalismus einschlagen. Er steht damit auf einer Position, die mehr an Systemkritik zulässt als die neoliberal gewendete Sozialdemokratie.