
Europäische Gewerkschaften in Bewegung
ÖGB übt den Retourgang Seit der erfolgreichen Mitgliederbefragung hat der Gewerkschaftsbund eine
ausgezeichnete Legitimation zu kämpfen. Die ÖGB-Spitze scheut in der Praxis
allerdings davor zurück, dieses Potential zu nützen. Beispiele aus dem
Ausland belegen indessen, dass neoliberale Vorstöße nur mit Kampfmaßnahmen
zurückgewiesen werden können. Lutz HOLZINGER hat sich in Österreich und
Umgebung umgesehen. Nach der Aufforderung durch Helmuth Zink, zum Thema gewerkschaftliche Kämpfe
in Europa zu schreiben, unternahm ich einen Ausflug ins Internet. Unter der
Adresse orf.at fand sich prompt folgende Meldung: "Die IG Metall hat am
Mittwochmorgen ihre Warnstreiks in Bayern fortgesetzt. Mit Beginn der
Frühschicht legten Beschäftigte in einem Betrieb im oberpfälzischen Teublitz
die Arbeit nieder. Insgesamt hat die Gewerkschaft rund 9.500 Beschäftigte
der Metall- und Elektroindustrie in zehn bayrischen Orten zu Warnstreiks
aufgerufen. Schwerpunkt sind die Räume Aschaffenburg und Augsburg. Die
größte Protestaktion ist dabei in Donauwörth geplant, dort sind rund 2.500
Beschäftigte zur Arbeitsniederlegung aufgerufen." Bekanntlich ringt die IG Metall in den Kollektivvertragsverhandlungen um
eine Lohnerhöhung von 6,5 Prozent. Diese Forderung wurde von den Unternehmen
glatt abgelehnt und mit einem Angebot von zwei Prozent beantwortet. Der
Standpunkt der Gewerkschaft ist aufgrund von Inflation,
Produktivitätsteigerungen und gesamtgesellschaftlichem Reichtumszuwachs (in
Deutschland wie in Österreich) mehr als berechtigt. Die IG Metall-Führung
hat daher nicht lange gefackelt und ist im Lohnkampf in die Offensive
gegangen. Ein möglicher Erfolg käme auch der Konjunktur in Europa zugute,
die vor allem auch wegen zu geringer Binnnenachfrage bzw. Massenkaufkraft
schwächelt. Unter der Adresse uhudla.at fand ich einen Kommentar von Werner Pirker unter
dem Titel "Das Fanal von Rom - Millionen Italiener unter roten Fahnen gegen
Sozialabbau". In der Analyse des Autors hieß es unter anderem: "Eine revolutionäre
Krise ergibt sich bekanntlich, wenn die oben nicht mehr so können und die
unten nicht mehr so wollen wie bisher. Dafür gibt es in Italien keine
Anzeichen. Nicht einmal die Regierung Berlusconi ist ernsthaft gefährdet. Es
wäre allerdings ein gewaltiger Erfolg, würde sie unter dem Druck der
Massenbewegung die angekündigte Lockerung des Kündigungsschutzes
zurücknehmen. Denn das würde bedeuten, dass sie nicht mehr so agieren kann,
wie sie will." Die - wie aus einem anderen uhudla.at-Bericht hervorgeht - hervorragend
organisierte Kundgebung der drei Millionen unterstreicht jedenfalls die
Kampfbereitschaft der italienischen Gewerkschaften und ihrer Mitglieder.
Pirker schrieb weiter: "Die italienische Arbeiterbewegung bekämpft die
kapitalistische Deregulierung in ihrem Kern. Damit wäre das Modell der
Gegenreform als Ganzes gefährdet." Wenn auch ein Erfolg der Aktionen, die in
Rom so eindrucksvoll begonnen haben, nicht garantiert werden kann, zeigen
sie jedenfalls, dass die Gewerkschaften den Ernst der Lage erkannt haben und
keinesfalls die Hände in den Schoß legen wollen. Erst vor diesem Hintergrund wird richtig klar, dass die ÖGB-Spitze alles
andere als gut beraten ist, wenn sie hofft, die schwarz-blaue Regierung
aussitzen zu können. Erstens ist es schwer einmal gestellte Weichen wieder
herumzureißen und zweitens sind auch von einer Regierung anderer
Zusammensetzung keine sozialpolitischen Wunder zu erwarten. Von
Verzetnitsch und KollegInnen ist daher zu fordern, dass sie statt Daumen zu
drehen die Ergebnisse der von ihnen inszenierten Mitgliederbefragung endlich
ernst nehmen. Hier nur drei Beispiel dafür, wo die Gewerkschaftsführung
versagt. Bekanntlich soll die traditionsreiche Semperit-Reifenproduktion in
Traiskirchen Ende Juni zugesperrt werden. Die rund 1.500 Beschäftigten
werden bei der Suche nach Alternativen zur von Conti verfügten Schließung
von der ÖGB-Spitze wenn überhaupt dann nicht wirkungsvoll genug unterstützt. Lendenlahm auch die Reaktion aus der Hohenstaufengasse (Sitz der
ÖGB-Zentrale) auf die Ankündigung von Justiz- und Konsumentenschutzminister
Dieter Böhmdorfer, den Regierungsbeitrag zum Budget des Vereins für
Konsumenteninformation (VKI) zurückzuhalten, bis eine ihm genehme Linie
entwickelt werde. Statt endlich einmal auf den Tisch zu hauen, hat Fritz
Verzetnitsch ventiliert, ob die Bundesländer statt dem Bund als Zahler
einspringen könnten. Die Ärzte in den Wiener Gemeindespitälern sollten seit Oktober 2001 eine
im Vorjahr ausgehandelte Gehaltserhöhung bekommen. Mit Zustimmung der
Gewerkschaft wurde dieser Schritt jedoch mehrfach verschleppt. Das
vielleicht Ärgste daran: Niemand wundert sich darüber, weil die Betroffenen
die Gemeinde Wien und die Gewerkschaft der Gemeindebediensteten in einem
Boot sehen. Die neoliberale Offensive des Kapitals hat auch Österreich voll erfasst. Sie
zu brechen, ist gegenwärtig die Hauptaufgabe der Gewerkschaftsbewegung.
Zumindest ein Hauch dieser Einsicht sollte - schon allein im
wohlverstandenen Eigeninteresse - auch der ÖGB-Führung zumutbar sein.