Rezension von Helmedag, Fritz: Warenproduktion mittels Arbeit

Jürgen Jahn (Hrsg.): Ernst Bloch/Wieland Herzfelde: "Wir haben das Leben wieder vor uns". Briefwechsel 1938 – 1949. Suhrkamp Verlag Frankfurt/Main 2001, 390 Seiten. Preis: 42 Euro.

Den Gründer und Leiter des legendären Malik-Verlags hat Ernst Bloch wahrscheinlich erst im April 1936 persönlich kennengelernt: Wieland Herzfelde nimmt die aus Paris kommenden Blochs auf dem Prager Hauptbahnhof in Empfang und kümmert sich in rührender Weise um die Ankömmlinge und ihre Sorgen. Von diesem Augenblick an wächst zwischen den beiden Männern ein ebenso herzlicher wie freundschaftlicher Kontakt, der auch über die langen Jahre des Exils in den USA gepflegt wird, wohin Bloch 1938 und Herzfelde 1939 emigrieren müssen. Der Briefwechsel beider ist ein beredtes, auskunftsstarkes Zeugnis eines engen freundschaftlichen Umgangs in den Jahren des amerikanischen Exils.

Einzelne Fakten ließen schon länger vermuten, dass es mehr als nur zufällige Verbindungen zwischen diesen beiden so verschiedenen Menschen gegeben haben muss: Herzfelde als Geschäftsführer des New-Yorker Aurora Verlages sorgte für die einzige Buchveröffentlichung Ernst Blochs in den USA, für den Druck von "Freiheit und Ordnung" im Jahr 1946. Als Gefährten einer Schiffsreise kehrten beide 1949 aus Amerika über Polen nach Deutschland, in die damalige sowjetische Besatzungszone, zurück. Sie folgten Berufungen an die Universität Leipzig – Bloch als ordentlicher Professor für Philosophie an der traditionsreichen Philosophischen Fakultät, Herzfelde an einen Lehrstuhl für Soziologie der modernen Weltliteratur an der neugegründeten Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät.

Karola Bloch hat in ihren Lebenserinnerungen (1981) einige wesentliche Elemente benannt, die die in den Jahren des Exils nie gefährdete Freundschaft des Philosophen und des Verlegers begründen halfen: "Die Männer verband eine beiden eigene Heiterkeit, der Sinn fürs Volkstümliche, die politische Überzeugung. Ernst traf Wieland oft im Bert-Brecht-Klub, wo die beiden manchmal Vorträge hielten." Hinzu trat ein wichtiges Moment grundsätzlicher Übereinstimmung: Ihre Auffassungen über die von linker Orthodoxie verdammte moderne Kunst (Expressionismus, Montagetechnik) waren in vielem kongruent wie sie auch in ihrer Gegnerschaft zu bestimmten formalen Theoremen von Georg Lukács (Totalitätstheorie) einig waren.

Die Freundschaft beider Männer ist nicht auf eine Autor-Verleger-Beziehung zu reduzieren, wie sie sich etwa in der Korrespondenz zwischen Herzfelde und Anna Seghers äußert. Sie ist auch kein philosophischer Diskurs wie die Korrespondenz Blochs mit Adolph Lowe. Und sie ist auch kein bloßer Appendix zu den (erhaltenen) andern amerikanischen Korrespondenzen Blochs, sondern hat, so der Herausgeber Jürgen Hahn, eine durchaus eigene, spezifische Ausprägung und Bedeutung. Wieland Herzfelde ist seit der Prager Zeit ein enger Vertrauter und verschwiegener Berater auch in diffizilen politischen Fragen: Bloch kann sicher sein, dass Herzfelde Diskretion auch dort wahrt, wo er mit dem Älteren nicht übereinstimmt. Aber die generelle Übereinstimmung in politicis überwiegt, deutlich genug auch in den Illusionen und enttäuschten Hoffnungen der Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre.

Nähe und Verbundenheit Blochs und Herzfeldes waren nicht zuletzt auch ein Ergebnis ihrer ähnlichen existentiellen Lage. Zwar standen sie nie wie andere emigrierte Autoren auf der letzten Sprosse der sozialen Leiter, aber weit genug unten. Herzfelde lebte mit seiner kleinen Familie in den ersten Amerikajahren buchstäblich von der Hand in den Mund. Nicht viel anders dürfte es bei den Blochs ausgesehen haben, zumindest in Zeiten, in denen Karola arbeitslos war. In den Existenzkrisen der Jahre 1942 und 1946 hat Herzfelde den Freund in rührender Weise unterstützt, wiewohl sein Briefmarken- und Buchladen wenig genug abwarf und die Geschäftsführung des Verlags ohnehin kein Gehalt einschloss. Jedenfalls erfährt man aus dem vorliegenden Briefwechsel zahlreiche unbekannte Details über die reale Lebenssituation der Schreibenden. Die Briefe stellen so eine wichtige Quelle für Biographie und Werkgenese dar: Einerseits wird manches bereits bekannte Faktum bestätigt, andererseits sind sie eine Fundgrube neuer Details zur Lebens- und Werkgeschichte.

 

 

Rezension von Josef Schmee.

 


(c) 2002 by Gewerkschaftlicher Linksblock