"Eine Reise in das Gedärm des Kapitalismus"

 

Serie von Josef SCHMEE. *)

Ohne Geschichte also ohne Gesicht, kann es keine Zukunft geben. Es ist gerade dieser Satz, der etwa die Sozialdemokratische Partei mehr und mehr ins Wanken geraten lässt. Er sind aber auch jene Beweggründe, die den Gewerkschaftlichen Linksblock dazu gebracht haben, einen Abriss der Entwicklung und Kritik der kapitalistischen Ökonomie den interessierten Lesern in mehreren Teilen zur Verfügung zu stellen. Ganz allgemein und im speziellen gerät bei der jüngeren Generation die geschichtliche Dimension unserer gegenwärtigen Verhältnisse und Probleme aus dem Blickpunkt und Interesse, die jedoch unverzichtbar sind das so genannte ‚Heute’ auch verstehen zu können. Die Serie basiert auf dem hervorragende Buch von Hansgeorg Conert: Vom Handelskapital zur Globalisierung. Entwicklung und Kritik der kapitalistischen Ökonomie, das mittlerweile in zweiter Auflage im Verlag Westfälisches Dampfboot erschienen ist. In weiterer Folge wird diese Serie noch die frühe Begründung und Legitimation bürgerlicher Gesellschaft und kapitalistischer Ökonomie, kapitalistische Produktionsweise im 20. Jahrhundert und das Fordismus-Konzept sowie Umrisse, Herausforderungen und Kritik des ‚postfordistischen’ Kapitalismus der Gegenwart behandeln.

TEIL 1

Zur Herausbildung der kapitalistischen Produktionsweise

 

Der Begriff "Kapitalismus" wird ganz unterschiedlich benutzt. Dies führt dazu, dass auch seine Anfänge und die Kriterien und Etappen seiner Entwicklung abweichend dargestellt werden. Davon abgesehen ist völlig umstritten, welche Faktoren etwa relevant für die kapitalistische Industrialisierung Englands waren: Spielte der Kolonialbesitz eine maßgebliche oder eine nachgeordnete Rolle, waren technische Erfindungen anstoßgebend oder Folge, welches Gewicht kam der puritanischen Wirtschaftsehtik zu? Eine noch kontroversere Frage sei an dieser Stelle erwähnt: Ist der industrielle Kapitalismus eher das zufällige Resultat des Zusammentreffens und -wirkens einer ganzen Anzahl von mehr oder minder eigenständigen Einzelprozessen oder war seine Herausbildung notwendig, vorbestimmt oder etwa gar gesetzmäßig? Unter der Voraussetzung von Warentausch und Warenproduktion, eine Kosequenz des Fortschreitens gesellschaftlicher Arbeitsteilung, sah u.a. Karl Marx die Entwicklung zur kapitalistischen Produktionweise als vorbestimmt. Jedoch von den Anfängen bis zur Verallgemeinerung der Warenproduktion ist es ein langer, ungleichmäßig und nicht von allen Völkern durchschrittener Weg. Wo er aber eine bestimmte Marke erreicht und überschreitet, da tritt tatsächlich ein konstitutives Merkmal der kapitalistischen Ökonomie hervor: Nicht die Motive und der Wille der Leiter der Produktion bestimmen die Wirtschaftsabläufe, sondern die Funktionsgesetze der Warenproduktion. Die gesellschaftliche Produktionsweise hat sich zum "System" verselbständigt, zur sich eigengesetzlich reproduzierenden Ordnung.

Die Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie lässt sich grob in drei Phasen unterteilen, die nachfolgend kurz skizziert werden. Die erste Phase datiert zwischen Anfang des 13. und Mitte des 16. Jahrhunderts und ist gekennzeichnet durch die Entwicklung des Groß- und Fernhandels einschließlich des Geld- und Bankenwesens. Die Phase wird in der Wirtschaftsgeschichte auch als Entwicklung des Handelskapitalismus bezeichnet und fand primär in den Städten statt. Handwerk und Handel bilden die beiden maßgeblichen Wirschaftsweisen und bedeuteten einen großen Schritt in der Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung in den vorwiegend feudal strukturierten hochmittelalterlichen Agrargesellschaften. Jedoch weder vom Fern – (und zugleich Groß-)handel noch vom Handwerk führt ein direkter Weg zur kapitalistischen Produktionsweise. Während im ersteren Motive, Qualifikationen, Institutionen und Techniken entwickelt werden, an die später der Kapitalismus anschließen kann und die er fortentwickeln wird, markiert die Ablösung des Zunfthandwerks durch frühkapitalistisches Gewerbe einen Bruch. So gut wie alle Merkmale dieses Handwerks stehen im völligen Gegensatz zu kapitalistischen Normen, Institutionen und Funktionsregeln (etwa ist Motiv und Erfolgskriterium des zünftigen Handwerksmeisters nicht die Verwertung der eingesetzten Wirtschaftsmittel und auch nicht die Ansammlung von Gewinn, sondern Erwerb von standesgemäßer Nahrung, also der Subsistenzmittel). Dies gilt allerdings nicht in dem Maße für das zunftfreie Handwerk, das außerhalb der Städte existiert. In der ersten Phase kann auch der städtische Groß- und Fernhandel nur eingeschränkt als kapitalistisch bezeichnet werden. Jedoch bilden sich hier Normen und andere Merkmale aus, die mehr oder minder starke Affinität zu kapitalistischen Indikatoren aufweisen wie etwa eine andere Wirtschaftsgesinnung, bedingt durch die hohen Kosten und Risiken des Fernhandels.

Die zweite Phase erstreckt sich etwa von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich überwiegend auf England. Dies kann dadurch gerechtfertigt werden, dass es unstrittig auf dem Wege zum Kapitalismus vorausging. Natürlich vollzogen sich mehr oder weniger gleichartig und in größerem oder geringerem zeitlichen Abstand auch in Frankreich, Holland, Flandern, in Teilen Deutschlands und Italiens die Entwicklung. An der Spitze der Pyramide der Gesellschaft bleibt der Hochadel. Er übersteht im ganzen die Revolutionen des 17. Jahrhunderts ohne große Einbußen. Der Verlust einiger Vorrechte wird gleichsam kompensiert durch Partizipation an den agrarischen Produktions-, Preis- und Wertsteigerungen, jedoch auf die ökonomische Dynamik hat er kaum Einfluss. Bedeutender ist dagegen der Landadel und das reiche städtische, vor allem den Groß- und Fernhandel repräsentierende Bürgertum. Letzteres legt seine enormen Gewinne in Großgrundbesitz an und erwirbt damit zugleich Adelssymbole und –privilegien, während der Landadel durch Verpachtungen die Kapitalisierung der Landwirtschaft forciert und sich zugleich am profitablen Handel beteiligt, dessen Gilden sich ihr öffnen. Diese beiden zusammenwachsenden Klassen beherrschen die Parlamente und betreiben so die politische Förderung ihrer Wirtschaftsinteressen. In der gesellschaftlichen Hierarchie folgt ein Konglomerat aus Vertretern des mittleren Handels, wohlhabenden Handwerkern, gut situierten Freibauern und Pächtern, höheren Beamten, Geistlichen, Freiberuflern. An Einkommen und Vermögen bleibt diese – in sich heterogene – Klasse deutlich hinter der über ihr stehenden zurück, am Übergang zum gewerblichen und später industriellen Kapitalismus ist sie jedoch personell (Handwerksmeister, Kaufleute) in höherem Maße beteiligt als jene. Mitte des 16. bis Mitte des 17. Jahrhunderts unterliegen erhebliche Gruppen wirtschaftlichen Verelendungs- und sozialen Abstiegsprozessen. Allgemein trägt zu der Verarmung schon die Halbierung der Reallöhne im Verlauf des 16. Jahrhunderts bei, vor allem geht es aber um die phasenweise immer wieder praktizierte Vertreibung kleiner Pächter vom Land, weil die Eigentümer dieses zwecks profitabler Schafzucht "einhegen". Die Masse der Armen ohne jegliche Subsistenzgrundlage wächst und wird durch Gesetze gegen Bettelei, die grausame, massenhaft angewandte Körperstrafen vorsehen, zu sklavenähnlicher Arbeit gezwungen (in so genannten Arbeitshäusern oder auch im Dienste jener, die sie als Bettler denunzieren). Ob sich die erste Generation kapitalistischer Lohnarbeiter vorwiegend aus dieser untersten Schicht rekrutiert, scheint fraglich; mit ihrer Sklavenarbeit trug sie aber zur ursprünglichen Akkumulation bei, wie sie von Marx trefflich beschrieben worden ist. Im genannten Zeitraum setzte sich – nicht nur in England – der Prozess der Schwächung der Position der feudalen Partikularmächte (der Grundherrschaften, Provinzialstände etc.) fort, zeit- und teilweise zugunsten landeshoheitlicher königlicher Macht sowie – in England am ausgeprägtesten – zum Nutzen des Parlaments und der im Unterhaus vorrangig vertretenen sozialen Stände. Für die Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise ausschlaggebend sind jedoch die Konsequenzen einer Politik der englischen Regierungen alle auswärtige Politik ökonomischen Zielen unterzuordnen. Hierzu zählen vor allem die Privilegierung englischer Handelsgesellschaften durch Monopolverleihungen für bestimmte Regionen und Warenkategorien des Welthandels, die Förderung kolonialer Eroberungen und Inbesitznahmen durch solche Handelsgesellschaften, die Forcierung des Schiffsbaus zur Erlangung der Seeherrschaft, die Führung von Kriegen gegen die Konkurrenten Englands sowie die macht- und gewaltgestützte Regulierung von Handel und Seetransport im Sinne merkantilistischer wirtschaftspolitischer Ziele und Grundsätze. Hauptinstrument für die Niederhaltung der britischen Konkurrenz war jedoch die Navigationsakte von 1651, die fremde Schiffe vom Transport britischer Kolonialwaren ausschloss und auch Aktivitäten ausländischer Kaufleute in England und seinen Kolonien beschnitt. Die Navigationsakte schuf also ein Monopol, groß genug, der ganzen englischen Kaufmannsklasse offenzustehen, während die Kompanien immer nur für privilegierte Gruppen dagewesen waren. Galt im Wirtschaftsdenken des späten Mittelalters die Ausfuhr von Fertigerzeugnissen noch als nachteilig für das eigene Territorium und seine Bewohner, so wächst in England Ende des 17. Jahrhunderts das Interesse am Export von Fertigwaren. Hatte England zum Beispiel bis dahin indische Tuche als Messenbedarfsgut in großem Umfang eingeführt, so wurden diese Importe nunmehr nicht nur untersagt, sondern zugleich die indische Erzeugung unterdrückt und bald darauf der indische Markt mit Textilien aus England überschwemmt. Das neue Bestreben, billige Nahrungsmittel und Rohstoffe einzuführen, deutet erstmals Begreifen der zuvor verkannten Möglichkeit an, Gewinne nicht nur aus kommerzieller Tätigkeit, sondern aus der Erzeugung - durch Senkung der Lohn- und Rohstoffkosten - ziehen zu können. Hierin liegt die Bedeutung der gemäß dem neuen ökonomischen Interessenverständnis selektiven Außenhandelspolitik der englischen Regierungen seit dem Ende des 17. Jahrhunderts für die Herausbildung der kapitalistischen Produktionsweise. Zu dieser trugen die Riesengewinne von 100 Prozent und mehr der Handelsgesellschaften kaum bei, denn diese flossen so gut wie gar nicht als Investitionen in den gewerblichen Bereich. Die Umorientierung auf den Export von Fertigerzeugnissen löste dagegen einen starken Impuls zur Erweiterung der manufakturellen und der schon existierenden frühindustriellen Erzeugung aus (zum Teil auch schon durch produktivitätssteigernde, technisch innovative Schritte). Mit der wachsenden Zahl von Kaufleuten geht die Ausdehnung des Bankenwesens einher, da selbst der Großhandel Kredite benötigt. Phasen hoher Liquidität wechseln mit angespannter Finanzlage, aber im allgemeinen übertreffen die akkumulierten Geldvermögen die Kreditnachfrage, so dass die Zinssätze zumeist niedrig sind. Im besonderen Maße verdienen die Banken – wie die reichen Kaufleute und Handelskompagnien, an der Staatverschuldung. Die fortschreitende Zentralisierung der (staatlich-)politischen Zentralgewalt brachte erhöhte Staatsaufträge mit sich (vor allem für die Armee und den Schiffsbau), so dass eine Nachfrage entstand, die die Entwicklung des expanisv orientierten, nicht korporativ gebundenen Gewerbes beförderte.

Im Prozess der ökonomischen und politischen Schwächung des zünftig (korporativ) gebundenen und gesicherten Handwerks gerieten Meister in wirtschaftliche Abhängigkeit von Kaufleuten, die sich als "Verleger", als "Kaufmanns-Unternehmer" betätigten. Nicht wenige Meister sahen sich vor die Alternative des Versuchs gestellt, selbst zu solchen aufzusteigen oder aber sozial faktisch zum unselbständigen Gesellen, wenn nicht gar zum Arbeiter abzusinken. So entstanden wirtschaftliche Unterwerfungs- und Abhängigkeitsverhältnisse, die bald als "Verlagssystem" institutionalisiert wurden, wobei folgendermaßen vorgegangen wurde: Die Verleger-Kaufleute geben "ihren" Handwerkern oder Hausindustriellen Aufträge, liefern die Rohstoffe und Vorerzeugnisse, bestimmen Lieferfristen, Qualitätsnormen und Stücklohn und übernehmen den Absatz. Das Verlagssystem markiert einen enormen Schritt auf dem Weg zur kapitalistischen Produktionsweise. Es entstand (wie auch die Manufaktur) zuerst im Textilbereich, griff aber rasch auf andere Zweige wie etwa dem Metallbereich über. Das Verlagssystem war somit die erste Form, in der akkumulierte kommerzielle Gewinne in gewerbliches Kapital transformiert wurden. Die zweite, im wesentlichen zeitgleich mit dem Verlagssystem entstehende Übergangsform zum industriellen Kapitalismus war die der Manufaktur. Drei Momente unterscheiden Manufaktur und Verlagssystem: 1.) An die Stelle örtlicher Parzellierung tritt die Vereinigung der abhängig Beschäftigten in einem Manufakturbetrieb; 2.) Die in der Manufaktur arbeitenden Handwerker sind nicht mehr nur faktisch abhängig Beschäftigte wie im Falle der Hausindustrie, sondern auch formell und 3.) In den Manufakturen bildet sich bereits weiterreichende innerwerkstattliche Arbeitsteilung als im Handwerk aus (hier liegen die Anfänge der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital). Verlagswesen und Manufaktur existierten jedoch in norditalienischen Städten wie etwa in Florenz schon im 14. Jahrhundert. Waren es vor allem Kaufleute, die zu Verleger-Unternehmern wurden, so rekrutierten sich die Manufakturbetreiber eher aus der Schicht wohlhabender Handwerksmeister und mehr noch aus dem nichtzünftigen ländlichen Handwerk und Gewerbe. Die Großkaufleute gingen diesen Weg nicht, allein schon, weil in ihrer Sphäre die Profite deutlich höher waren. Lassen sich zum Beispiel quasi-kapitalistische Verhältnisse regional- und bereichsspezifisch schon im ausgehenden Mittelalter nachweisen, so überleben andererseits Zunftordnungen im Handwerk zuweilen bis weit in den Kapitalismus hinein. Die Gleichzeitigkeit von Verlagswesen, Manufaktur und frühindustriell-kapitalistischer Produktion etwa in England bereits im 17. Jahrhundert verweist auf die Schwierigkeit, eine exakte begriffliche und chronologische Bestimmung der "industriellen Revolution" zu geben. Zu den Faktoren, die bis etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts der raschen Erweiterung und Durchsetzung der frühindustriell-kapitalistischen Ansätze entgegenwirken, zählen unter anderem die Begrenztheit der Nachfrage nach Industrieerzeugnissen, geringe Investitionsneigung wegen der im Vergleich zum Großhandel bescheidenen Gewinnraten im Produktionsbereich sowie partielle Fortgeltung korporativer Maßregeln als Barrieren gegen die Expansion von Produktion und Märkten.

Es scheint naheliegend, die dritte Phase der Hausbildung der kapitalistischen Produktionsweise, aber Mitte des 18. Jahrhunderts, durch die "industrielle Revolution" zu charakterisieren. Dieser Begriff wird assoziiert mit einem Entwicklungsbruch, was so nicht stattgefunden hat. Vielmehr ist es so, dass die Anwendung von Maschinen, zunächst vor allem als Antriebsaggregate, zwar nicht linear und kontinuierlich eingeführt wird, aber auch nicht schlagartig, dass vielmehr das, was üblicherweise als industrielle Revolution bezeichnet wird, eher eine Phase der Beschleunigung und Ausdehnung von ungleichzeitigen Prozessen markiert. Unter Wirtschaftshistorikern besteht Konsens darüber, dass unterschiedliche Barrieren gegen die Fortentwicklung vorfindlicher Ansätze zu einer neuen Produktionsweise in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nirgendwo in dem Maße überwunden waren wie in England. Ein wesentliches Moment dieser "Beherrschung" war die gerade im Kolonialhandel gegebene Möglichkeit, die Bedingungen zu diktieren (Import billiger Rohstoffe zur Eigenverarbeitung) und Konkurrenz auszuschalten (gewaltförmige Erzwingung der Einstellung von Teilen der indischen Textilproduktion). Neben dem durch technische Innovationen ermöglichten Übergang zu rentabler Massenproduktion liegt hier ein Hauptfaktor für eine industrielle Profitrate, die von da an auch branchenexternes Kapital anzuziehen vermochte.

Wenn auf die in der Fachliteratur oft gestellte Frage, weshalb die in manchen Orten bereits im späten Mittelalter hoch entwickelte manufakturelle Erzeugung nicht zur industriellen fortentwickelt worden sei, als eine der Antworten zuweilen das Fehlen entsprechender technischer Kenntnisse und Lösungen genannt wird, so kann das allenfalls für wenige spezifische Ausnahmen zutreffen. Die referierte These erinnert eher an ein populäres Missverständnis, das der Begriff der industriellen Revolution suggeriert, dass nämlich Erfindungen den Ausgangspunkt einer neuen Phase der produktionstechnischen, arbeitsorganisatorischen und ökonomischen Entwicklung bilden. Dass dem nicht so ist, dürfte indessen heute schon ins Alltagswissen (?) eingedrungen sein. Den Ausgang technischer Innovationen bilden vielmehr ökonomische Anstöße unterschiedlicher Art, seien es zum Beispiel längerfristig anhaltende Nachfragesteigerung, Kosten- und Wettbewerbsdruck, Arbeitskräftemangel und anderes mehr. Die genannten Faktoren sind allerdings erst innerhalb einer Produktionsweise wie der kapitalistischen, in der Rentabilität entscheidender Ziel- und Handlungsparameter ist, hinlänglich sicher im innovationsstimulierenden Sinne wirksam. Der Übergang von einer gesellschaftlichen Produktionsweise zu einer anderen bedeutet nicht nur einen Wandel von Institutionen, von Formen sozialer Beziehungen, von organisatorischen und funktionalen Arrangements der sachlichen Wirtschaftsmittel etc., sondern auch von personalen Dispositionen wie Wertorientierungen, Verhaltensmustern und andere mehr. Diese personalen Dispositionen werden ebenso Bedingungen der Funktionsfähigkeit einer Produktionsweise, wie die sie kennzeichnenden materiellen, institutionellen und anderen sachlichen Arrangements. Es geht also um allgemeine und /oder klassen- und gruppenspezifisch ausgeprägte personale Merkmale, die religiös, weltanschaulich, durch Traditionen, Gewohnheiten, Sitten und anderes mehr vermittelt werden und geprägt sind.

*) Josef Schmee ist Nationalökonom und lebt in Wien.

 

Primärliteratur:

Hansgeorg Conert: Vom Handelskapital zur Globalisierung. Entwicklung und Kritik der kapitalistischen Ökonomie. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2002.

Sekundärliteratur (eine Auswahl):

Braudel, F.: Sozialgeschichte des 15. bis 18. Jahrhunderts, München, drei Bände.

Dobb, M. (1970): Entwicklung des Kapitalismus. Vom Spätfeudalismus bis zur Gegenwart, Köln-Berlin

Habsbawn. E.J.: Das imperiale Zeitalter 1975-1914. Frankfurt/New York.

Hassenpflug, D.: Die Natur der Industrie. Philosophie und Geschichte des industriellen Lebens, Frankfurt/Ney York 1990.

Kulischer, J.: Allgemeine Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters und der Neuzeit, 1954.


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