
Wer A sagt, muss auch B sagen !
Wie bringe ich ArbeitnehmerInnen dazu, nicht auf die Straße zu gehen, um ihr gutes Recht nach gerechten Lohnerhöhungen einzufordern ? Diese Frage sollten sich eigentlich die Kapitalvertreter stellen, nicht so bei uns in Österreich, zumindest nicht in der Chemischen Industrie. Nein, hier zerbrechen sich anscheinend die Arbeitnehmervertreter über diese Frage den Kopf. Wie sonst wäre zu erklären, was beim letzten Lohnabschluss geschehen ist. Eine kurze Chronologie der Geschehnisse:
Der erste Gedanke vieler ArbeitnehmerInnen: "Super - die Gewerkschaft bewegt sich mal wieder". Am 3. Juni marschierten vor der Glanzstoff mehrere hundert Personen auf, um an der Aktion teilzunehmen. Wie viele Personen nicht teilgenommen haben, weil die Gewerkschaft der Chemiearbeiter es zugelassen hat, daraus eine Kundgebung der Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter zu machen (viele schöne rote Käppis mit FSG-Aufschrift wurden verteilt), ist leider nicht zu eruieren. Nichtsdestotrotz wurden große Reden geschwungen und den ArbeitnehmerInnen klar gemacht, "die Gewerkschaft sind wir alle!" also auch diejenigen, die kein FSG-Käppi aufhaben.
So wurde mit viel Elan das neue Forderungspaket (Inflationsrate + 25 Euro im Monat) erläutert. Darüber konnte man sich schon einmal wundern, ging man doch schon mit einem Kompromiss-Vorschlag gegenüber der ursprünglichen Forderung in die neuen Verhandlungen.
Am darauffolgenden 4. Juni dann das Verhandlungsergebnis - 3 Prozent Erhöhung.
Davon abgesehen, dass dieses Ergebnis nicht einmal annähernd etwas mit dem zunächst groß angekündigten Forderungspaket zu tun hat, frage nicht nur ich mich, warum macht man zuerst so eine Aktion und ein Riesentrara, wenn man sich am nächsten Tag dann erst recht wieder über den Tisch ziehen lässt.
Mein Rat an die Verantwortlichen unserer Gewerkschaft: Wer A sagt, muss auch B sagen! Andernfalls vertreibt ihr die Leute eher von der Straße, anstatt dass sie sich solidarisieren und alle gemeinsam mit marschieren für eine gerechte Entlohnung.
Erwin Stingl
GLB-Betriebsrat in der Glanzstoff Sankt Pölten