Privatisierung und Zerschlagung

Interview mit Personalvertreter Josef Nigitsch (FSG)

Das Grazer Stadtblatt der KPÖ hat folgendes Interview mit Postbus-Personalvertreter Josef Nigitsch (FSG) geführt und in der soeben erschienenen Ausgabe veröffentlicht:

Die Postbetriebe haben vor ihrer Zerschlagung 8 bis 10 Milliarden jährlich ans Budget liefern können, der öffentliche Verkehr, die Postämter, eine flächendeckende Versorgung beim Briefverkehr und der Telefonbetrieb waren gewährleistet. Die traditionsreichen gelben Postbusse transportieren heute österreichweit 500.000 Fahrgäste täglich, darunter 400.000 Schüler und Schülerinnen.

Grazer Stadtblatt: Wie man hört, wird im Unternehmen bereits eifrig

"gespart" ...

Nigitsch: Ja, aber nur zu Lasten der Fahrgäste und der Fahrer. Dem"Sparkonzept" fallen viele Strecken zum Opfer, unter anderem die Linie St. Stefan-Mureck, alle Linien ab Birkfeld. Auch der Raum Mariazell und das Murauergebiet sind betroffen. Für die Fahrgäste schaut´s schlecht aus.

Grazer Stadtblatt: Und wie sieht´s fürs Personal aus?

Nigitsch: Ganz schlecht. Da wird gerade die Dienstplanstruktur geändert: Die bisherige Tageseinsatzzeit von 14, 15 Stunden wird auf 7-8 Stunden komprimiert. Die Fahrer haben bei dieser konzentrierten Arbeitszeit eine erhöhte psychische Belastung. Waren früher 160 Stunden Einsatzzeit auf 16 Tage verteilt, dann braucht man jetzt dafür 22 Tage. Das bedeutet auch 25 bis 30 Prozent weniger Lohn, da alle Nebengebühren wegfallen. Ältere Fahrer, die sich nach vielen Jahren endlich eine Arbeitsstrecke

erworben hatten, die nicht zu weit von ihrem Zuhause liegt, haben nun oft keine fixe Strecke mehr. Da muss zum Beispiel ein Kollege, der 28 Jahre die Strecke Graz -Gleinstätten gefahren ist, jetzt als Springer arbeiten, das heißt überall in der Steiermark. Das Zahnbürstl einpacken und auf nach Bad Tatzmannsdorf!

So kann man nicht mit den Menschen umgehen, die sich seit Jahrzehnten mit größtmöglichen Einsatz um die Fahrgäste bemühen und freiwillig oft viele Zusatzleistungen gebracht haben, von der Auskunfterteilung

bis zur Akquisition von Schulfahrten für die Postbusse. Auf die Menschen wird da gar keine Rücksicht mehr genommen, alles einem rein wirtschaftlichen Diktat untergeordnet. Ich unterschreibe als Personalvertreter den Dienstplan so nicht.

Grazer Stadtblatt: Wie lebt man als Busfahrer?

Nigitsch: Die Arbeitszeit beginnt um 4.30 Uhr und endet um 00.45 Uhr. Dazu kommen zwei volle Wochenenden pro Monat und die Feiertage. Wenn ich von Gleinstätten nach Strallegg zum Arbeitsantritt fahre, dann muss ich bei schlechter Witterung von daheim schon um 2.15 Uhr wegfahren, um meinen Dienst in Strallegg um 5.00 Uhr pünktlich antreten zu können. Die Busfahrer kommen zu 80 Prozent aus dem ländlichen Raum und fallen wegen ihrer Arbeitszeiten oft gänzlich aus dem gesellschaftlichen Leben im Ort heraus. Ich würde fast sagen, sie sind gesellschaftlich diskriminiert. Ob Freiwillige Feuerwehr oder Musikverein, man versucht da mitzuhalten, meist geht's aber nicht. Es ist nicht immer einfach, aber die meisten Fahrer lieben ihren Beruf.

Grazer Stadtblatt: Wie wird's nun weitergehen?

Nigitsch: Man hat den Eindruck, die Zentrale will alles zerstören. Auch fragwürdige Fahrzeugverkäufe

geben zu denken. Hier in der Steiermark will man nicht nur einen mittelalterlichen Fuhrpark belassen, man geht sogar noch einen Schritt weiter zurück und verkauft neuere Busse, Jahrgang 91 bis 94, ins Ausland. In Bad Aussee werden dafür Busse Jahrgang 87 über die Berge geschickt. Mitarbeiter, die sich beschweren,

werden gemobbt. Einen Unternehmer, der so gegen das Interesse seiner Firma handelt, wird man für dumm und unfähig halten, oder er ist in Richtung Konkurs unterwegs. Hier soll‘s ja wohl in Richtung Ausverkauf gehen. Wir werden jedenfalls Widerstand leisten und die Bevölkerung darüber aufklären, was bei einem Verkauf noch weiter auf sie zukommt.

Grazer Stadtblatt: Danke für das Gespräch.


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