Trauer muß Traiskirchen tragen

"Gesundgeschrumpft" und weg vom Fenster

Vor einigen Jahren wurde das Semperit-Reifenwerk in Traiskirchen vom bundesdeutschen Continental-Konzern angeblich "gesund geschrumpft".

Solch "Schrumpfen" steht sogar im Duden: "In Teilbereichen der Wirtschaft Produktion einschränken, um die Rentabilität zu sichern" - oder - reflexiv – "sich gesundschrumpfen": "... sich auf eine rentable Größe verkleinern!"

Von Heinz GRANZER.

Mittlerweile wurde das Werk überhaupt "gesund geschlossen", wie es der Radiokommentator Michael Schrott sarkastisch ausdrückte. Da bleibt freilich die Frage offen, wie sich solche von einer "unternehmerischen Gesundung" erheischte operative Eingriffe auf die betroffenen Menschen auswirken. Auch dem ist die Journalistin Andrea Hauer in der Sendung "Diagonal" nachgegangen und sprach mit vier ehemaligen Semperitlern – "ehemalig" nicht erst jetzt, durch die Schließung des Werkes, sondern schon seit der groß angelegten Halbierung der Produktion mit der damit verbundenen Kündigungwelle vor fünf, sechs Jahren.

"Wie ich angefangen habe als Lehrbua, da waren über viertausend Leut beschäftigt und wie ich gegangen bin, da waren es nur mehr zweieinhalbtausend. Da sieht man, dass die Maschine den Menschen zum Großteil ersetzt hat."

"Forschung und Entwicklung - wie das weggekommen ist, hat eigentlich jeder wissen müssen, dass es nimmer lang dauern wird. Denn in einer Firma ohne Forschung und Entwicklung, gibt’s kein Bestehen."

"Man hat uns vorgegaukelt, wir sind für Österreich zu groß und für die weite Welt zu klein".

Helmut W., 59, der älteste der vier, gelernter Installateur, war Maschinenarbeiter bei Semperit in einer der 25 Fabrikshallen in der Reifenfertigung, wo im Akkord tausende Rohreifen gewickelt wurden. 620 Stück von zwei Mann jeweils in einer Schicht. Später, als die deutsche Continental die Semperit schon geschluckt hatte, schaffte dasselbe ein einziger Arbeiter - oder, besser gesagt, er muste es schaffen ! Die "Gesundschrumpfung" war im Gang und nur mehr die Hälfte der Leute im Betrieb.

1997 kündigte Helmut W. freiwillig. Als Betriebsrat, der nichts als zuschauen konnte, erzählt er, wie "seine Firma" immer weniger wurde.

"Also für mich persönlich war es eine kleine Katastrophe. Dreiunddreißig Jahre vom Arbeitsleben steckt man nicht so einfach weg. Eine Firma ist nun einmal das zweite Zuhause. Man verbringt ja mehr Stunden in der Firma als Zuhause.

Es wurden immer weniger. Alle Wochen wieder ein paar Hundert und nächste Woche gehen die und a jeder hat kokettiert damit , ‚Ja, geht’s noch oder was ? Jetzt hab ich vielleicht noch die Chance am Arbeitsmarkt, also raus!‘

Jetzt steh ich drin' und spiel weiter den großen Betriebsrat, der unkündbar ist? Nein! Da hab ich gsagt, ‚Dann geh' ich!‘ Das war die schwerste Entscheidung, die ich in meinem Berufs- oder Arbeitsleben gehabt habe."

Dazu Manfred H., 46, Betriebsschlosser: Er war 27 Jahre lang bei der Firma und stand an der Heizpresse, wo die Autoreifen, die Rohlinge, quasi 2gebacken" werden. Da wird bei 180 Grad das Profil in den Gummi gebrannt. Auch Manfred Haderer war Betriebsrat und ging ebenfalls freiwillig im 97er Jahr, denn die Conti-Geschäftsführung lässt nichts Gutes erwarten.

"Im Nachhinein gesehen wiss' ma ja heute, dass eigentlich Conti uns nur deswegen gekauft hat, weil sie keinen Zugriff zum damaligen Ostblock g'habt haben. Die Abteilung, wo die Fahrradreifen erzeugt wurden - Conti hat's genommen, hat's ausgelagert nach Thailand, die Qualität war äußerst mies, aber sie haben um ein zigfaches billiger produziert und trotzdem hat Conti Gewinne gemacht. Und der Gewinn zählt, und nicht die Qualität, so leid es mir tut."

Die Conti - Geschäftsführung gibt zwar eine Arbeitsplatzgarantie ab, aber nur für zehn Jahre. Dafür musste sie bekanntlich auch die 1,2 Milliarden aus öffentlicher Hand nicht mehr zurückzahlen, die die Semperit zuvor für den Neubau des Werkes erhalten hatte. Und kaum sind die zehn Jahre abgelaufen, kursieren Gerüchte, jeden Tag neue. Übers Ganz-Zusperren, Halb-Zusperren, Auslagern, Verkaufen, Sonstwas. "Gesundschrumpfen" - in der Wohlstandsgesellschaft , die auf "ewiges Wirtschaftswachstum" setzt? Das Wort kann nur zynisch gemeint sein, sagt der Philosoph und Unternehmensberater Bernhard Pesendorfer. Es ist wie das Amen im Gebet: Wer das Wirtschaftswachstum steigert, muss die Produktivität steigern. Und wer die Produktivität steigert, muss das Personal schrumpfen, und aus dem verbliebenen Rest herauspressen, was geht.

Logik des Finanzkapitals jenseits der wirtschaftlichen Realität

"Bei Semperit ist es ja so gelaufen, dass die ja bis zu vier Prozent Rendite abgeworfen haben, das heißt ein an sich gutes und gesundes Unternehmen sind, aber, so sagte der Conti-Verantwortliche, wer wird heute schon in ein Unternehmen investieren, wo er nur vier Prozent herausbekommt.

Dasselbe haben sie etwa in der Schweiz mit der Firma Saurer gemacht, einem Riesen-Industrie-Koloss, der eigentlich ein gesundes Unternehmen ist und eine Rendite von ungefähr sieben, acht Prozent abwirft - aber man hat sich nun einmal in den Kopf gesetzt, zwanzig Prozent haben zu wollen, weil man ja nur mehr, wenn man sehr hohe Gewinne ausweist, selbst wenn sie manipulierte sind, an der Börse reüssieren kann, und Kapital bekommt, mit dem man dann weiter investiv arbeiten kann. Alle anderen Unternehmen werden dadurch automatisch als "ungesund" eingestuft, und zwar nicht nach realwirtschaftlichen, sondern nach finanzwirtschaftlichen Kriterien, und dadurch verlieren sie ihre Existenzberechtigungen, nehmen Menschen Arbeit weg, die an sich gute und produktive Arbeit leisten und durchaus leben könnten."

Unternehmen, die wachsen wollen, beginnen mit dem so genannten "Gesundschrumpfen". Sie tun in der Regel zweierlei, beobachtet Unternehmensberater Pesendorfer. Erstens: Sie senken die Produktionskosten, indem sie Personal einsparen. Zweitens erschließen sie neue Märkte, indem sie entweder neue Produkte entwickeln, herstellen und verkaufen, oder aber, eine tausendmal schnellere Möglichkeit, indem sie Firmen kaufen, gut wirtschaftende Firmen. Das Gesundschrumpfungsprogramm beginnt auch dort. Oft wird die Firma überhaupt stillgelegt, das Personal zum Teufel gejagt.

"Die Unternehmungen schrumpfen sich zugunsten der "share-holder" gesund, und überlassen den "kranken" Anteil, nämlich die Arbeitslosen, die kaputte Infrastruktur, die alten Fabriksgebäude, der Gesellschaft. Also: Privatisierung der Gewinne und Sozialisierung der Kosten, die dieses "Gesundschrumpfen" hat.

Walter G., 44, gelernter Koch, war zwanzig Jahre bei Semperit. Im Fertigwarenlager kurvte er mit dem Stapler hin und her und verlud die Reifen in die Lastautos. Wie die anderen beiden Kollegen ist er Betriebsrat, wie die anderen beiden kündigt er, weil er nichts ausrichten kann.

"Und dann, wie die ersten Gerüchte aufkommen san, dass g'haßen hat, no ja, ihr werd'ts verkauft, und da san Gerüchte, und da gibt’s schon Anbieter, und, und, und ... Und dann bin i amal zu mein Betriebsratsobmann gangen und hab ihm des g'sagt und da is kommen ‚Was Du hörst ! Du hörst immer s'Gras wachs'n!‘ Und in Wirklichkeit san schon die fremden Leut durch die Hallen gangen und haben sich des schon ang'schaut ... I bin wegga g'wesn und des Fertigwarenlager, wo i war, is eben verkauft worden an a Spedition. Die hat dann amal sofort geschrumpft die Löhne vom damaligen Chemiearbeiter-Kollektivvertrag auf'n Speditionskollektivvertrag, und das waren so im Schnitt um 50 Schilling in der Stund, wo die Leut dann weniger verdient haben. Also, für die Leut wars Schrumpfen ganz sicher net gsund..."

CONTI wächst und Semperit schrumpft

Während Conti wächst, schrumpft Semperit. Leute und Löhne schrumpfen, Sozialleistungen schrumpfen. Keine Hitzezulage mehr für die Schinderei bei 36 Grad, keine Schmutzzulage mehr, kein Werksbus mehr, der die Pendler von weit weg in die Arbeit bringt. Keine Arbeitserleichterungen mehr für ältere, verbrauchte Mitarbeiter.

"A jeder weiß, sobald ma Lohn verzichtet, is des der erste Schritt, dass die Unternehmerschaft, und ich sag' nicht Manager, sondern die Unternehmerschaft gewonnen hat. Weil, ich geh' nicht rein, weil ich was zu verschenken hab, und ich bin auch nicht reingangen arbeiten, damit's der Conti und deren Aktionären gutgeht, sondern ich bin reingangen arbeiten, damit i ma was leisten hab können. Und wann ich amal anfange, auf Lohn zu verzichten, und jetzt muss ich sagen, das hat ma g'sehn bei Schöller-Bleckmann vor etliche Jahr davor, das hat ma bei der VÖEST g'segn, g'nutzt hat's eahner nix." So berichtet Manfred H. von seinen Erfahrungen.

Das so genannte "Gesundschrumpfen" eines Betriebes - dazu gehört kontinuierliches "Krank-Beten". Das Personal, Produkte und Produktion, alles wird verdammt als "zu teuer", "zu langsam", "zu alt", "zu schlecht" und natürlich als "nicht wettbewerbsfähig". Wofür eigentlich wirklich, weiß keiner genau, aber allerorten wird geklagt: Die Globalisierung, der Weltmarkt, der Neoliberalismus. Mit Prognosen und Prophezeiungen werde Stimmung gemacht im "Turbokapitalismus", schreibt im gleichnamigen Buch der Ökonom Michael Kretke.

Als "vollendete Tatsache", "eherne Notwendigkeit", werde hingestellt, was bestenfalls eine Möglichkeit oder Tendenz darstelle. Der Glaube an falsche Evidenzen, zum Volksvorurteil gesteigert, bedeute schließlich das Ende demokratischer Politik. Wer keine Wahl hat, kann nicht mehr entscheiden.

"Es gibt die Beispiele, dass in dem Moment die Zivilcourage zu schrumpfen beginnt, wo der eigene Arbeitsplatz in Gefahr ist. Dann beginnt, wie man heut so schön sagt, das Mobbing."

Die Mitarbeiter streiten untereinander, streiten mit dem Betriebsrat, es beginnen Streitereien im Betriebsrat. Ein Krieg aller gegen alle, wenn die "Gesundschrumpfung" ihren Höhepunkt erreicht. Psychoterror am Arbeitsplatz, um Konkurrenten loszuwerden. Allein zwölf Leute wenden sich jede Woche an die Mobbing-Anlaufstelle im ÖGB-Wien, 300.000 Menschen sind österreichweit betroffen. Die Hälfte der Fälle haben mit Rationalisierungsmaßnahmen im Betrieb zu tun.

Auch nach Jahren noch kein "richtiger" Job

Das Hick-Hack, die Enttäuschungen, die Angst, das ist jetzt vorbei! Die vier Ex-Semperitler seufzen. Aber einen richtigen Job haben sie, die "Gesundgeschrumpften", seit der Kündigung vor sechs Jahren, nicht gefunden, sieht man von Helga ab.

"Ich bin eigentlich noch am Besten ausg'stiegen, glaub ich, von unserer Runde da, weil ich eben wieder a anständige Arbeit hab', aber es is ma sehr schwer g'fallen, dass ich weggangen bin, und es tut mir heute noch in der Seele weh, wann ich des siach, was da passiert , aber im Grund g'nommen braucht kaner jammern oder raunzen, denn es war vorhersehbar!"

Einundfünfzig ist sie inzwischen, mit 16 eingetreten bei Semperit, als Hilfskraft. Reifen hat sie 29 Jahre lang verpackt. Jetzt ist sie Laborgehilfin in einer Lackfirma. Die anderen gfretten sich durch. Walter G. hält sich mit einem kleinen Café im Triestingtal über Wasser. Wenig Geld bleibt über, er hat einen 12-Stunden-Arbeitstag. Helmut W. ist mit seinen bald sechzig Jahren langzeitarbeitslos und geringfügig angestellt beim Tierheim Baden. Manfred H., ebenfalls arbeitslos, bekommt Notstandshilfe. Er geht sich regelmäßig wo vorstellen, aber bis jetzt hat es nicht geklappt.

"Was soll ma machen? Ma siecht ja des jetzt, es werd'n die Maschinen abtransportiert, kommen ganz einfach nach Tschechien, und wann wahrscheinlich in fünf oder sechs Jahren die Tschechen zu teuer san, wird'n ma denen die Maschinen wegnehmen und sie nach Weißrußland oder weiß ich wohin liefern ..."

"Österreichische Firmen agieren im Ausland ganz genau gleich ..."

"Die Gier ! Es ist ganz einfach wirklich die maßlose Gier der Aktionäre, die ganz einfach bestimmen, was überleben darf und was nicht."


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