
Wenn Säulen einstürzen
Jahre lang haben Versicherungen und Pensionskassen den KonsumentInnen Traumrenditen versprochen. Heute hat sich`s allerdings ausgeträumt. Die privaten Pensionsvorsorger stecken in ihrer bisher tiefsten Existenzkrise – für ihre KundInnen beginnt aber erst der Albtraum. Von Manfred BAUER. 20 Prozent und mehr. So hoch sind die Verluste, die die Lebensversicherungs-Konzerne seit Beginn des – prolongierten - internationalen Börsencrashs wegstecken mussten. 20 Prozent und mehr. So hoch sind die Einbußen, die die VersicherungsnehmerInnen jetzt einstecken müssen. Die Assekuranzen und eine illustre Reihe offensichtlich auf deren Pay Roll stehender "Wirtschaftsexperten" haben – ähnlich wie die Pensionskassen – mit tollen Renditen und angeblichen Gewinngarantien über Jahre hinweg KundInnen geködert. Die staatliche Pension sei nicht mehr gesichert, trompeteten sie, einzig die private Vorsorge würde die Versorgung im Alter garantieren. Die Gebäude aus Halbwahrheiten und Lügen, die sie mit neoliberaler politischer Assistenz errichteten, stürzen jetzt allerdings wie Kartenhäuser zusammen. Vor den Trümmern stehen vor allem aber jene, die den Verheißungen der Pensionskassen und der Versicherungswirtschaft Glauben geschenkt haben: In Österreich verlieren VersicherungsnehmerInnen zum Beispiel bei Er- und Ablebensverträgen bis zu 20 Prozent. Wer eine Lebensversicherung in der Hochzinsphase, die bis 1999 währte, unterschrieb, wird nach gegenwärtiger Lage rund ein Viertel weniger ausbezahlt bekommen als versprochen. So sinkt etwa die Gesamtauszahlung bei Er- und Ablebensverträgen, die im Jahr 1987 bzw. 1992 auf jeweils 20 Jahre abgeschlossen wurden, gegenüber dem Planwert um 20 Prozent. Für Abschlüsse, die 1997 getätigt wurden, sind sogar 25 Prozent Minus zu beklagen. Mit Pensionslücken von 23 bis 26 Prozent müssen auch diejenigen rechnen, die 1999 eine Rentenversicherung mit 30 Jahren Ansparzeit starteten. Die "Performance" der betrieblichen und überbetrieblichen Pensionskassen – also die so genannte zweite Säule der Altersvorsorge – steht der dritten Säule – der Privatpensionsvorsorge über Lebensversicherungen - um nichts nach: Heuer mussten bereits 5.000 der insgesamt 34.000 BezieherInnen einer Pensionskassen-Rente die massive Leistungskürzung von durchschnittlich fünf Prozent in Kauf nehmen. Schätzungen zufolge werden sich 2003 zehn Prozent der PensionistInnen, die eine Privatpension beziehen, auf eine weitere Reduktion ihres Bezugs gefasst machen müssen. Doch ungerührt und so, als existierten die weltweiten Börseneinbrüche nicht, die innerhalb weniger Sekunden ein Aktienvermögen auf einen Bruchteil schrumpfen lassen, penetriert das Kapital das Aktiensystem für die Pensionsvorsorge. So hält zum Beispiel der Kapitalmarkt-Beauftragte der Bundesregierung, der frühere ÖMV-Boss Richard Schenz, an der Empfehlung fest, zur Pensionsvorsorge auch in Aktien zu investieren. Vor dem Hintergrund der Nervosität auf den Kapitalmärkten könnte die Volatilität, also die extremen Auf- und Abwärtsbewegungen an den Börsen, weitergehen, aber solche "Durchhänger" würden sich historisch betrachtet immer auf höherem Niveau abspielen. Es sei daher "schwachsinnig", wenn man glaube, dass das staatliche Pensionssystem aufrecht erhalten werden könne, meinte Schenz wörtlich. Zumindest nach 2015 oder 2020 sei das heutige Pensionssystem nicht mehr gesichert. Wie viel kapitaler Schwachsinn in den Aussagen dieses angeblichen Kompetenzbrockens selbst steckt, scheint ihm nicht so ganz klar zu sein. Denn zum Trend zum Kapitaldeckungsverfahren ist es nämlich nur wegen des Börsen-Booms seit Anfang der achtziger Jahre gekommen. Es ist aber nicht unendlich möglich, wie die Erfahrung des letzten Jahrzehnts zeigt, jährlich zehn bis 15 Prozent Rendite zu erzielen – weder für die Pensionskassen, noch für die Lebensversicherungen. Mit diesem Voodo-Zauber gehen die neoliberalen Apologeten ungeachtet der permanenten Korrekturen nach unten, mit denen sie, vor allem aber ihre KundInnen konfrontiert sind, immer noch hausieren. Aber so sind sie nun einmal, die BefürworterInnen des Kapitaldeckungsverfahrens. Sie stellen die kurz zurückliegenden – hohen – Erträge von Wertpapieren und Kapitalveranlagungen während der achtziger und frühen neunziger Jahre den prognostizierten – geringen – Erträgen im Umlageverfahren gegenüber. Die drastischen Einbrüche seit dem Jahr 2000 und regelrechte Zusammenbrüche von Pensionsfonds – z.B. im Zuge der Enron-Pleite – oder von Lebensversicherungs-Konzernen (in Deutschland wurde von den Assekuranzen bereits eine Auffanggesellschaft gegründet, die beim Zusammenbruch eines Konzerns "einspringen" soll) lassen sie gerne außen vor. Und sie tun so, als sei die Umstellung auf Kapitaldeckung Ergebnis einer rationalen Entscheidungsfindung. Dabei verschweigen sie geflissentlich, dass die Neoliberalen nicht die besseren Argumente auf ihrer Seite haben, sondern bloß die – schlechten – materiellen Interessen der Aktionäre. Und weil diese weiterhin ihre Koupons schneiden wollen, beschneiden sie einfach die Gelder ihrer KundInnen. Denn die Versicherungen geraten weiter unter Druck: Seit Jahresbeginn fielen selbst die Kurse bisher "solider" Blue Chips im Schnitt um weitere 30 Prozent. Daher sind sie weit von den versprochenen Renditen entfernt – und weil das so ist, sparen sie bei den Pensionskassen-RentnerInnen und den Versicherten ein, damit der Shareholder Value konserviert bleibt. Denn selbst wenn die zweite und dritte Säule jetzt einzustürzen droht, die Säulenheiligen – die Aktionäre – verteidigen ihren Podestplatz mit Zähnen und Klauen.