Schüssels Patentrezept: Milliarden für unwillige Lehrherren...

Rechtzeitig zum Wahlkampf will die Regierung nun die Milliarden rollen lassen und spendiert satte 600 Millionen Euro für ein Konjunktur- und Beschäftigungspaket. Die Finanzierung soll angeblich vor allem aus den Reserven und Überschüssen diverser Sozialtöpfe erfolgen, oder überhaupt erst in die Budgets der nächsten Jahre einfließen. So werden 120 Millionen Euro aus den Mitteln des Insolvenz-Ausfallsgeldfonds abgezweigt, um jede Lehrstelle mit tausend Euros subventionieren zu können. Nur so soll die Wirtschaftskammer zum Verzicht auf ihre Forderung bewogen worden sein, sich die berufsschulbedingte Abwesenheit der Lehrlinge abgelten zu lassen. Weitere 74 Millionen Euro können sich die Unternehmen ersparen, weil sie keine Unfalls- , Kranken- oder Arbeitslosenversicherung für ihre Lehrlinge mehr zahlen müssen. Für Jugendliche, die keine Lehrstelle gefunden haben, soll ein entsprechendes "Auffangnetz" für zwei Jahre um tausend Plätze auf dreitausend aufgestockt werden. Jugendliche Arbeitslose zwischen 19 und 25 Jahren bekommen ein Sonder-Qualifizierungsprogramm verpasst. Dafür muß das Arbeitsmarktservice aus seinen Reserven 116 Millionen Euro beisteuern.

Von Heinz GRANZER.

Obwohl sich Schüssel jegliche diesbezügliche Kritik aus Brüssel verbeten hat, reagiert er damit sehr wohl auf entsprechende Vorhaltungen. Schließlich hat seine Regierung die Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit drastisch reduziert und damit bereits im Vorjahr deren Anstieg von 2,9 auf 3,2 Prozent in Kauf genommen.

Die nun in die Wege geleitete "Förderung aus der Gießkanne" erntet freilich bereits herbe Kritik etwa des Wirtschaftsforschungsinstituts. Dessen Experte Ewald Walterskirchen vermisste dabei etwa die Förderung nicht besonders nachgefragter, knapper Berufe. Lehrlinge lediglich für drei Jahre einzustellen bringe schließlich wenig, wenn sie dann erst recht arbeitslos würden. Solche Förderung gäbe es ja auch jetzt schon genug. Allein voriges Jahr wären 94 Millionen Euro ausgeschüttet worden und trotzdem hätte es um 17 Prozent weniger offene Lehrstellen gegeben.

Auch die 1997 eingeführten 26 neuen Lehrberufe haben nicht gehalten, was man sich von ihnen versprochen hat. Bereits bei acht von ihnen ist ebenfalls ein Rückgang an angebotenen offenen Lehrstellen zu verzeichnen, kontastiert etwa der AMS-Experte Hans Hruda. So wurde etwa der Lehrberuf "Systemgastronom" vor allem auf die Bedürfnisse der großen Fast-Food-Ketten wie Mc Donald zugeschnitten. Die hätten so ihr eigenes Personal kostengünstig als Lehrlinge eingeschult und bräuchten nun kaum noch neue Lehrlinge. Da müsste nach einem breiteren Berufsbild ausgebildet werden, eine Schmalspurausbildung etwa zum "Straßenerhaltungsfachmann" bringe da nichts .

Auf der anderen Seite gäbe es gerade noch 16 offene Lehrplätze für EDV-Techniker, um die sich nicht weniger als 475 Jugendliche bewerben. Bei Kfz-Technikern, einem allerdings schon seit Jahren als "Modeberuf" belächelten Ausbildungsweg, sind es sogar 647 Interessenten. Dem gegenüber klagt die Tourismusbranche über fehlende Koch- oder Kellner-Lehrlinge, was natürlich eher mit den Arbeitsbedingungen als mit den Fördermitteln zu tun haben dürfte. Auch Fleischer, Glaser und Stahlbauschlosser werden noch gesucht.

Ausbildung wird einfach eingespart

Entscheidend ist aber, dass immer mehr Unternehmungen der Industrie, aber auch des Gewerbes oder des Handels trotz entsprechender Fördermittel keine Lehrlinge mehr ausbilden. Seit 1980 haben sich nicht weniger als 25.000 Unternehmungen aus der Lehrlingsausbildung zurückgezogen, die Zahl der Lehrlinge sank um 70.000 auf 124.000. Das mag auch mit dem Geburtenrückgang Anfang der Achtzigerjahre zu tun haben, auf die etwa Mitte der Siebzigerjahre ein sozialdemokratischer Handelsminister Staribacher seine nach einer Reform der Berufsausbildung begierige Gewerkschaftsjugend vertröstete. Aber auch in den Neunzigerjahren ging der Abbau der Lehrstellen weiter. Bis 1996 gingen allein in der Industrie 5.000 Lehrstellen verloren, wozu offensichtlich auch diejenigen in den Lehrwerkstätten der Großbetriebe der verstaatlichten Industrie zählten. Diese Unternehmen hatten ja jahrelang über den eigenen Bedarf hinaus Jugendliche aufgenommen und ausgebildet und damit die Privatwirtschaft kostenlos mit best ausgebildeten Facharbeitern versorgt. Diese nunmehr zumeist verscherbelten oder zumindest teilprivatisierten Unternehmen hatten sich solcher Kostenfaktoren dann natürlich raschest entledigt. Heuer bremst auch noch die schlechte Konjunkturentwicklung die Freude an der Ausbildung ein.

Eine ähnliche Entwicklung ist auch im Handel zu verzeichnen, wo in den Neunzigerjahren etwa 3.800 Lehrstellen verloren gingen. Dies dürfte nicht zuletzt auf die Konzentrationstendenzen im Handel zurück zu führen sein, die viele kleinere Geschäfte in Schwierigkeiten brachte. Das verstärkte aber auch den Trend zur Einstellung von Teilzeit-Beschäftigten und anderer prekärer Dienstverhältnisse.

Nicht einmal der Staat selbst, der jetzt mit den Euro-Millionen nur so um sich schmeißt, hat sich bei der Ausbildung besonders hervorgetan. Wie der SP-Abgeordnete Johann Maier der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage entnahm, wurden 1998 in den verschiedenen Ministerien noch 259 Jugendliche als Verwaltungsassistenten ausgebildet. Im Vorjahr war diese Zahl bereits auf 51 gesunken und heuer gib es überhaupt lediglich 19 solcher staatlicher Lehrstellen. Dazu kommt auch noch, dass die meisten Jugendlichen nach Ablauf der Behaltefrist nicht mehr weiterbeschäftigt werden.

Aber auch bei den Jugendlichen selbst sinkt das Interesse an einer Lehrausbildung, die oft auch von deren Qualität her als unzureichend erkannt wird. Das würde letztlich die Abwanderung an weiter führende berufsbildende Höhere Schulen erklären, die den Prozentsatz jugendlicher Lehranfänger auf 38,7 Prozent sinken ließ.

Facharbeitermangel immer bedrohlicher

Dies alles führt dazu, dass die Zahl der Absolventen einer Lehrlingsausbildung kontinuierlich sinkt und an allen Ecken und Enden Facharbeiter fehlen. Legten 1983 noch 54.800 Jugendliche ihre Lehrabschlussprüfung erfolgreich ab, sind es heuer nur noch 31.700. In langfristiger Perspektive werden es demnach 2018 nur noch 28.000 Lehrabsolventen sein.

Verwundern kann diese Entwicklung freilich kaum, ruft man sich die seit Jahrzehnten einzementierten Strukturen der dualen Berufsausbildung in Erinnerung. Wenn Lehrstellen überwiegend in Klein- und Mittelbetrieben angeboten werden, liegt die Verwendung der Jugendlichen als billige Hilfskräfte nahe, da vor Ort kaum ein umfassendes Spektrum des ganzen Berufsbildes angeboten werden kann. Nachdem nunmehr auch in Großbetrieben die früher beispielgebenden Lehrwerkstätten fast zur Gänze eingespart wurden, wären öffentliche, beziehungsweise überbetriebliche Ausbildungseinrichtungen nötiger denn je. Kaum jemand erinnert sich heute daran, dass deren Finanzierung nach den Vorstellungen der Gewerkschaftsjugend aus einem zweiprozentigen Zuschlag auf die Lohnsumme zu finanzieren gewesen wäre. Obwohl davon damals nicht nur Lehrwerkstätten der Verstaatlichten, sondern natürlich auch um eine gute Ausbildung bemühte private Unternehmungen davon profitiert hätten, wurde die Finanzierung eines solchen "Fonds für berufliche Bildung" als "Lehrlingssteuer" verteufelt. Heute ist es kurioserweise ausgerechnet ein FP-Landeshauptmann Jörg Haider, der mit der Forderung nach einem Ausgleichsfonds nach Vorarlberger Muster hausieren geht, den Betriebe finanzieren, die selbst keine Lehrlinge ausbilden.

Ein sozialdemokratischer Handelsminister Staribacher musste dann schließlich Farbe bekennen, warum die damalige, von der SPÖ dominierte Bundesregierung auf diese Ausbildungsumlage verzichtet habe. Nachdem die Ausrede, dazu wäre eine verfassungsmäßige Zweidrittel-Mehrheit im Parlament nötig gewesen, nicht mehr aufrecht zu halten war, rechtfertigte sich Staribacher mit einer rührenden Geschichte, wie er in der BRD mit den Folgen einer angeblich zu rigiden Lehrlingsgesetzgebung konfrontiert worden wäre. Dies hätte zur Schließung von Lehrwerkstätten und einem Ausbildungsboykott der Unternehmer geführt, wurde verkündet. Eine solche Entwicklung wollte er in Österreich verhindern ...

Unternehmen wälzen Kosten ab

Genau das Gegenteil ist nun bekanntlich eingetreten und auch bei uns soll die Finanzierung der Facharbeiter-Ausbildung noch stärker von den Jugendlichen und ihren Eltern selbst, beziehungsweise von der öffentlichen Hand getragen werden. Dabei will es sich, wohlgemerkt, die Kammer der Gewerblichen Wirtschaft nicht nehmen lassen, nach wie vor für das gesamte Lehrlingswesen als Behörde erster Instanz zuständig zu bleiben. Nachdem man früher noch mit dem Slogan "Karriere mit Lehre" um mit Allgemeinwissen wohl versehene Maturanten geworben hatte, zielen die neuen Vorschläge der Wirtschaftskammer nunmehr auf eine Art Hilfsarbeiter mit Gesellenbrief. Demnach sollen sich Jugendliche in zweijährigen Lehrgängen beim WIFI und oder beim BFI die nötigen Kenntnisse erwerben, um dann als geschulte Hilfsarbeiter ein "Praxisjahr" im davon profitierenden Unternehmen zu machen. Bereits mit dieser Vorbildung müsste dann die Lehrabschlussprüfung gemeistert werden.

Statt einer Lehrlingsentschädigung sollten die Jugendlichen während ihres Kursbesuchs lediglich eine Art "Lebensunterhalt" im Ausmaß von 150 Euro bezahlt bekommen. Die dazu nötigen 35 bis 50 Millionen Euro sollen vom AMS oder den Ländern getragen werden. Gerade einen Hilfsarbeiterlohn im Praxisjahr würden die Unternehmen noch berappen.

Solchen Vorschlägen wird zu Recht von der Arbeiterkammer entgegengehalten, dass damit die Wirtschaftskammer selbst das ansonsten doch so gepriesene Prinzip der "dualen Ausbildung" in Frage stelle. Der Lehrlingsexperte Arthur Baier wies auch darauf hin, dass Jugendliche ohne reguläre Lehre nur dann und eben auch nur "außerordentlich" zur Lehrabschlussprüfung antreten könnten, wenn sie in anerkannten "Ersatzmaßnahmen" ausgebildet worden wären. Irgendwelche WIFI-Kurse wären aber keine solche Ersatzmaßnahme, da würde man besser die bereits vorhandenen Lehrgänge in Stiftungen ausbauen, die Bund und Länder derzeit maximal 15 Millionen Euro im Jahr kosteten. Aber die wären der Wirtschaftskammer ja immer schon ein Dorn im Auge gewesen...


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