Die Metamorphosen der sozialen Frage

Eine Chronik der Lohnarbeit.

Reihe edition discours. Klassische und zeitgenössische Texte der französischsprachigen Humanwissenschaften.

Herausgegeben von Franz Schultheis und Louis Pinto,

UVK Universitätsverlag Konstanz GmbH, Konstanz 2000, 416 Seiten. Preis: 35,-- Euro.

 

Robert Castel stellt sich in diesem brillant geschriebenen Werk gegen die Floskel vom "Ende der Arbeit". In einem breit angelegten historischen Panorama entfaltet er den langen Weg, der die Lohnarbeit von der elendsten und würdelosesten Lage zum Modell der Produktion gesellschaftlichen Reichtums geführt hat, welches materielle Sicherheit und soziale Identität gewährleistet. Die aktuelle Krise der Arbeitsgesellschaft wirft in verwandelter Form die gebannt geglaubten sozialen Fragen der europäischen Geschichte erneut auf, wobei sie weit über das Problem sozialer Ausgrenzung am Rand unserer Gesellschaft hinausgreift. Das heute spürbare Prekärwerden der Arbeit bringt unser mühsam über Jahrhunderte hinweg erbautes Modell gesellschaftlichen Zusammenhalts, die Lohnarbeitsgesellschaft, ins Wanken.

Der erste Teil der Untersuchung gliedert sich in vier Unterkapitel, die sich mit der unmittelbaren Sicherung (die primären Sozialbeziehungen oder das Organigramm der Fürsorge), der Gesellschaft im Kataster (die Neuausrichtung der Feudalgesellschaft, über Vagabunden und Proletarier sowie Unterdrückung, Abschreckung und Vorbeugung), der unwürdigen Lohnarbeit (die Handschrift des Zunftwesens, über regulierte Arbeit, Zwangsarbeit, über die Gebeutelten sowie das Modell der Fronarbeit) sowie mit der liberalen Moderne auseinandersetzen. Im zweiten Teil seiner Untersuchung mit dem Titel "Vom Kontrakt zum Status" beschäftigt sich der Autor mit der Politik ohne den Staat, mit dem Sozialeigentum, der Lohnarbeitsgesellschaft sowie der neuen sozialen Frage.

Die Problemstellung, die im ersten Teil der Untersuchung entfaltet wird, bezieht sich grundsätzlich auf den Großteil Europas westlich der Elbe, also den geographischen Raum der "lateinischen Christenheit", der, mit Pierre Chaunu gesprochen, zum "Europa allen Fortschritts" geworden ist, zur Wiege der industriellen wie politischen Doppelrevolution, deren Hinterlassenschaft für die westliche Zivilisation bestimmend gewesen ist. Dennoch umfasst er auch nicht reduzierbare nationale Spezifika. Zumindest aus zwei Gründen war es nicht möglich, so der Autor in seinem Kapitel "Anmerkung zum Gesellschaftsvergleich", dies alles in seiner Gesamtheit mitzubehandeln: Aufgrund der Bandbreite des zu bearbeitenden Materials sowie der Unmöglichkeit, sich den Anforderungen eines seriösen vergleichenden Ansatzes einer solchen Größenordnung zu unterziehen. Der Autor hat deshalb eine Untersuchung der französischen Situation vorgezogen. Allein, es handelt sich nicht um eine rein das Hexagon betreffende Analyse. Zum einen, da Übereinstimmungen mit anderen Situationen hervorgehoben werden (paradoxerweise sind sie augenscheinlicher, geht man vor die Zeit der Konsolidierung der Nationalstaaten zurück: So weisen etwa die Mitte des 14. Jahrhunderts und das beginnende 16. Jahrhundert hinsichtlich der Fürsorgestrukturen und der Organisationsformen der Arbeit über den gesamten europäischen Raum hinweg erstaunliche Analogien auf); zum andern, weil der Autor sich ständig auf die entsprechenden Transformationen der britischen Gesellschaft beruft und häufig darauf Bezug nimmt.

Schematisch gesprochen könnte man sagen, dass der Autor in seiner Analyse bis einschließlich zur Renaissance weitgehend "europäisch" ist. Sie nimmt in der Folge häufig Bezug auf die englische Situation bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Danach wird es unmöglich, so der Autor weiter, auf das Problem der Unterschiedlichkeit der Sozialstaaten und der Besonderheit der aktuellen Situation in den unterschiedlichsten westeuropäischen Ländern einzugehen.

Im Zentrum seiner Schlussbetrachtungen findet der Autor Formulierungen möglicher Szenarien für die Zukunft und die daraus resultierenden Herausforderungen an Politik und Gesellschaft. Der Autor führt aus, dass im Zentrum der heutigen sozialen Frage erneut die "Nutzlosen" und "Überzähligen" stehen, und um sie heraus ein diffuser Bereich von Situationen, die von Prekarität und der Ungewissheit über den jeweils nächsten Tag geprägt sind und vom Wiederauftreten massenhafter Verwundbarkeit zeugen. Dabei handelt es sich freilich nicht um die ewige Wiederkehr des Unglücks, sondern um eine völlige Metamorphose, die heute in gänzlich neuer Form das Problem aufwirft, dass wir uns einer Verwundbarkeit vor dem Hintergrund von Sicherungen stellen müssen. Wie es auch immer morgen aussehen wird, wir befinden uns, so der Autor weiter, nicht mehr im Stadium der Gemeinschaft, der Weg dorthin ist uns verwehrt, und gerade dieser irreversible Charakter des Wandels lässt sich auch unter Bezugnahme auf den Prozess verstehen, der der Lohnarbeit die zentrale Rolle in der Gesellschaft zugewiesen hat. Zweifellos hat die Lohnarbeit eine heteronome oder, mit Marx und – um die Wahrheit zu sagen – mit dem gesunden Menschenverstand des Volkses gesprochen, eine entfremdete Dimension von ihrem weit zurückliegenden Modell der Fronarbeit (vgl. Kapitel III) geerbt. Aber ihre Transformationen hatten bis zum Aufkommen der Lohnarbeitsgesellschaft zum einen darin bestanden, die altertümlichsten Züge dieser Unterordnung auszuradieren, zum andern, sie durch Garantien und Rechtsansprüche, aber auch durch die Teilhabe an einem über reine Bedürfnisbefriedigung hinausgehenden Konsum zu kompensieren. Die Lohnarbeit ist daher zumindest in manchen Ihrer Ausformungen zu einer Lage geronnen, die mit jenen beiden andern Lagen zu rivalisieren, sie bisweilen sogar einzuholen vermochte, von welchen sie aber lange Zeit fast zerrrieben worden war: der des Eigentümers und des Selbständigen. Ungeachtet der aktuellen Probleme ist diese Verschiebung noch nicht zur Gänze vollzogen. Die Angehörigen zahlreicher freier Berufsgruppen werden zunehmend zu Angestellten. So stehen etwa Ärzte, Anwälte und Künstler mit manchen Einrichtungen in einem regelrechten Anstellungsverhältnis.

Den Todesanzeigen der Lohnarbeitsgesellschaft ist also, so der Autor, mit sehr viel Zurückhaltung zu begegnen, einerlei ob sie nun aus Freude oder Trauer darüber geäußert werden. Wenn die Spielregeln heute geändert werden müssen, so erfordert das Wissen um die Bedeutung der Hinterlassenschaft, dass wir einige Vorsichtsmaßnahmen treffen. Wir sollten uns darauf einlassen, die Voraussetzungen für eine Metamorphose der Lohnarbeitsgesellschaft zu denken, anstatt uns sang- und klanglos in ihre Auflösung zu fügen. Dazu muss man sich der gedanklichen Anstrengung der Frage unterziehen, worin die Absicherungen in einer Gesellschaft bestehen können, die mehr und mehr zu einer Gesellschaft der Individuen wird. Die komplexe Verknüpfung von Kollektiven, Sicherungen und Regimen der Individualisierung ist jedoch heute in Frage gestellt, und dies, so der Autor, in einer ebenfalls sehr komplexen Art und Weise. Die Wandlungen im Bereich der Arbeit, aber auch jenseits von ihr, hin zu mehr Flexibilität sind sicherlich irreversible. So zieht die Segmentierung der Beschäftigung ebenso wie der unaufhaltsame Aufstieg der Dienstleistungen eine Individualisierung der Verhaltensweisen in der Arbeit nach sich, die völlig verschieden von den kollektiven Regulierungen der fordistischen Organisation sind. Es genügt nicht, arbeiten zu können, man muss auch verkaufen können, vor allen Dingen aber sich selbst. Die Individuen stehen unter dem Druck, ihre berufliche Identität selbst zu definieren und sie in der Interaktion zur Anerkennung zu bringen, was eben so sehr persönliches Kapital wie allgemeine technische Kompetenz erfordert. Dieser Prozess kann sich auf die verschiedenen von ihm betroffenen Gruppen in unterschiedlicher Weise auswirken. Auf der Arbeit gestattet die Individualisierung der Tätigkeiten manchen Leuten, sich den kollektiven Zwängen zu entziehen und ihre Identität besser über ihre Stelle zum Ausdruck zu bringen. Für andere bedeutet sie Segmentierung und Fragmentierung der Tätigkeiten, Prekarität, Isolierung und Verlust von Sicherheit.

Wie immer auf diese Krise reagiert wird, so könnte doch ein jeder dem Weg zustimmen, auf dem weitergearbeitet werden muss. Der Staat ist die einzige Instanz, die imstande ist, eine Brücke zwischen den beiden Polen des Individualismus zu schlagen und der Gesellschaft ein Minimum an Zusammenhalt aufzunötigen. Die erbarmungslosen Zwänge der Ökonomie üben einen wachsenden, zentrifugal wirkenden Druck aus. Die überkommenen Formen der Solidarität, so der Autor weiter, sind zu erschöpft, um noch stabile Sockel des Widerstands errichten zu können. Was die Ungewissheit derzeit zu fordern scheint, ist nicht ein Weniger an Staat, es sei denn, man wollte sich völlig den Gesetzen des Marktes ausliefern. Es ist aber zweifelsfrei auch nicht ein Mehr an Staat, es sei denn, man möchte mit Gewalt das Gebäude aus den frühen siebziger Jahren wiederaufbauen, das durch die Auflösung der ursprünglichen Kollektive und das Aufkommen des Massenindividualismus endgültig untergraben wurde. Der Ausweg liegt für den Autor somit in einem strategischen Staat, der seine Interventionen neu entfaltet, um den Individualisierungsprozess zu begleiten, seine Spannungspunkte zu entschärfen, seine Bruchstellen zu umgehen und diejenigen wieder heimisch zu machen, die den Boden unter den Füßen verloren haben. Diese Forderung zu stellen bedeutet keineswegs darauf zu warten, dass eine neue Form staatlicher Regulierung solide gewappnet vom Himmel herabsteigt, denn schließlich haben sich ja schon ganze Sektoren öffentlicher Interventionen seit rund fünfzehn Jahren in diese Richtung zu entwickeln versucht. Doch inmitten all der unzähligen Ungewissheiten ist zumindest eines klar: Niemand kann den Staat ersetzen, dessen oberste Aufgabe zudem darin besteht, die Fahrtrichtung festzulegen und einen Schiffbruch zu vermeiden.

Zum Autor: Robert Castel, geb. 1933 ist Forschungsdirektor an der Pariser Ecole des Hautes Etudes en Sciences Soziales. 1997 erhielt er den Genfer "Prix Jean-Jacques Rousseau", 1998 den "European Award for Social Sciences" ("Amalvi-Preis").

Rezension von Josef SCHMEE.

Rezension von Josef Schmee


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