
Die Post bringt allen was?
Die Österreichische Post AG ist seit 1999 ein Tochterunternehmen der Post und Telekom Austria. Zur Zeit noch zu 100 Prozent im Besitz der ÖIAG wurde der Betrieb ausgegliedert, meist eine Vorstufe zur gänzlichen Privatisierung. Der Betrieb hat das Geschäftsjahr 2001 "mit einer deutlichen Ergebnisverbesserung abgeschlossen", so die Post AG. "Im Kerngeschäft – der adressierten Zustellung – konnten Umsatzzuwächse erzielt werden." Auf welche Weise solche Zuwächse zustande kommen und auf wessen Kosten sie gehen, schildert Hubert Reiter, Postzusteller. Was ist seit der Ausgliederung der Post anders geworden... Reiter: Es wird laufend und immer mehr eingespart. Besonders beim Personal. In Graz gibt es über 60 fixe Touren für Zusteller, jetzt sollen es wiederum vier weniger werden. Immer wenn ein Zusteller eingespart wird, dann wird der Zustellrayon zwischen anderen aufgeteilt. Ich habe zum Beispiel in den letzten zwei Jahren 150 Parteien dazu bekommen und betreue jetzt insgesamt 689. Damit liege ich allerdings im höheren Bereich, der Durchschnitt liegt bei 550 Parteien. Es gibt auch viel mehr Massensendungen als früher. Dafür gibt es zwar bezahlte Überstunden, es wird aber nicht das Eineinhalbfache bezahlt, wie es gesetzlich vorgesehen ist. Durch ein kompliziertes und für die meisten unverständliches Verrechnungssystem werden die Überstunden nur zum normalen Stundentarif abgegolten. Viele Leute beschweren sich, dass die Postzustellung nicht mehr so gut klappt wie früher ... Reiter: Wird Post nicht oder zu spät zugestellt, dann liegt das meist daran, dass Bedienstete oft nur für drei Monate angelernt werden, eine zu kurze Zeit um einen Beruf zu lernen. Die normale Dienstzeit dauert von 6 Uhr bis 14 Uhr. Übernimmt ein sogenannter Springer ein Revier, dann ist er oft erst um 18 oder 19 Uhr mit der Tour fertig. Postarbeit ist Vertrauensarbeit. Mit ständig wechselndem Personal ist Qualitätsarbeit kaum möglich. Zum Beispiel gingen einmal 10 Rollbehälter mit nach Postleitzahlen sortierter Post nach Hartberg, davon kamen ganze fünf wieder zurück, das war alles falsch einsortiert. Kommt die Post wieder zum ungeschulten Personal zurück, so kann es dann auch wochenlang so hin und her gehen. Trotz der Widrigkeiten kommen tausende Postsendungen, die unzureichend adressiert sind, bei den Empfängern an. In den Medien wird nun über die Fehler berichtet. Von den Bemühungen der Postler weiss man nichts. Wie geht es den Bediensteten dabei? Reiter: Seit Jahren gibt es ein sogenanntes "Sozialpaket": Posten werden eingespart und bei Bedarf nur mehr Kurzarbeitsverträge gemacht. Diese Leute müssen dann mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit nach Ablauf des Vertrages wieder gehen. Es gibt auch zahlreiche Leiharbeitskräfte. Gekündigt wird zwar nicht, aber wenn ein Posten eingespart wird, dann kommt der Bedienstete in einen so genannten "Personal-Pool", "ZbV" heißt das, "Zur besonderen Verwendung". Man kann dann überall eingesetzt werden. Einem 50-jährigen B-Bediensteten, der im Nachforschungsbereich tätig war, d.h. er forschte nach abgängigen Sendungen und das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, dem wurde einfach sein Posten gestrichen. Jetzt zerschneidet er Kartons zum Wegwerfen und schlichtet Poststücke um. Viele wurden auf diese Weise schon in den "Vorruhestand" getrieben, sind demoralisiert in Frühpension gegangen. Wieviel verdient ein Zusteller? Reiter: Die Austräger bekommen um die 1.000 Euro netto Grundgehalt und die Zulagen machen keine 100 Euro aus. Sie haften dafür auch für alles was sie austragen: Geld, Rfs-Briefe etc. Trotzdem sind die meisten mit Herz und Seele Postler. Darum tut die jetzige Situation noch mehr weh. Hubert Reiter ist Kandidat des Gewerkschaftlichen Linksblock bei den Personalvertretungswahlen vom 18. bis 20. November 2002 (Aus "Grazer Stadtblatt" Nr. 5, Oktober 2002 )