
Wenn Gusenbauer Waidhofen/Ybbs mit Waidhofen/Thaya verwechselt
Zu Weihnachten Kündigungsbriefe von den Bahamas Tyco hatte von Siemens vor einigen Jahren das frühere Schrackwerk in Waidhofen/Thaya gekauft. Der amerikanische Mischkonzern steht seit einem Jahr weltweit in den Schlagzeilen, da dort aus bürgerlicher Sicht die bisher größten Fälle von Wirtschaftskriminalität im Sinne von Bilanzfälschung aufgetreten sind. Der frühere Chef und auch der Finanzchef harren einer Anklage. Chef Dennis Kozlowski soll 170 Mio US-Dollar Firmengeld (mehr als 2 Mrd Schilling) entgegen den Regeln für privaten Luxus verwendet haben. Dass er sich gleichzeitig unglaubliche 330 Mio US-Dollar in den letzten 5 Jahren als Gage angedeihen ließ, ist jedoch ganz legal. Jedenfalls hat er sich durch 10 Mio US-Dollar Kaution schnell wieder in Freiheit gebracht. Tyco braucht jetzt Geld und nach Ankündigung diverser Schließungen und Verlagerungen ist der Börsenkurs prompt um 5 Prozent gestiegen. Zunächst sollen im österreichischen Werk ca. 150 Arbeitsplätze (ca. 1/3 der gesamten Arbeitsplätze in Österreich im Waldviertler Werk) nach Tschechien verlagert werden. 130 Kündigungen wurden nun beim AMS Waidhofen angemeldet und werden nach dem Plan des Multis mit dem Sitz auf den Bahamas rechtzeitig vor Weihnachten ausgeteilt. Doch das ist nicht alles: Es heißt offiziell, aus "derzeitiger Sicht" würde der Restbetrieb bleiben, aber von den Beschäftigten glaubt das niemand mehr. Die Arbeiter, die die Leute in Tschechien einschulten, haben dort den Plan für den Aufbau aller Waidhofner Maschinen gesehen. Pröll als Schönfärber Einzig Landeshauptmann Pröll bleibt es überlassen zu verkünden, dass dieser Betriebsstandort noch eine große Zukunft habe, ohne übrigens aber einen Finger dafür zu rühren. Die Beschäftigten sind schwer getroffen und von allen Politikern unsäglich enttäuscht. Hatten ihnen doch von VP-Wirtschaftslandesrat Gabmann über die SPÖ-Landeshauptmannstellvertreterin Onodi bis zum lokalen F-Abgeordneten alle sofort nach Durchsickern der ersten Hiobsbotschaften bedeutet, dass man einfach nichts machen könne. Den Bock schoss SP-Chef Gusenbauer ab, der den Beschäftigten zwar sein Mitgefühl aussprach, aber via Aussendung fälschlicherweise von Waidhofen an der Ybbs redete und nicht von Waidhofen an der Thaya, aber vielleicht hat das nur ein Werbefritze gemacht und Gusenbauer selbst gar nicht zu Gesicht bekommen... Wenn ein Boss von Indien aus Betriebsräte live niederbügelt Die Betriebsräte waren auf Grund der Stimmung der Belegschaft – trotzdem sie von allen im Stich gelassen wurden - zunächst gewillt, das nicht hin zu nehmen und starteten diverse Öffentlichkeitsaktionen bis hin zu Informationen an die Kunden der Firma. Doch das war den Chefs mit dem Firmensitz auf den Bahamas gar nicht so recht. In einer globalen Videokonferenz bügelte der Tyco-Europachef Grommer live von Indien aus die Betriebsräte derart nieder, dass sie offenbar nun ihre Taktik geändert haben. Sie haben jedenfalls nun die undankbare Rolle zu erfüllen, die Kündigungsliste mitzubestimmen. Der Tyco-Chef sprach von einer Sauerei der Betriebsräte. Doch was hatten sie getan? Sie hatten das gemacht, wozu sie gewählt worden waren. Die wirklichen Sauereien , und zwar die Betrügereien in ungeheurer Dimension, machte die Firmenspitze ganz oben und auch die Unterchefs spielen mit der offenbar geplanten Liquidation mit, indem sie ein hochprofitables Werk nieder fahren, weil die Firmenstrategie darin besteht, wo anders noch höhere Profite zu machen. Dass es dem Betrieb nicht schlecht geht, ist allein daran zu sehen, dass Teile des Managements zu einer Übernahme des Werks bereit wären ("management buyout"), aber aus den USA einfach ein NO kommt. Hätten die Betriebsräte von Gewerkschafts- und Politikseite mehr echte Unterstützung bekommen, vielleicht hätten sie länger gekämpft. Nun erhalten 150 Familien in einer Krisenregion zu Weihnachten Kündigungsbriefe und haben wenig Aussicht auf andere Arbeit. Ein Sozialplan und eine Stiftung steht im Raum und das ist immerhin etwas. Doch wo sollen diese Leute, wenn dann höher qualifiziert, in dieser Region eine Arbeit bekommen? Vor allem die Jüngeren werden aus einem Bezirk abwandern, der in den letzten Jahren niederösterreichweit die höchste Arbeitslosenrate hatte. Schwere Zeiten für Waldviertler ArbeiterInnen Die Zeiten konjunktureller Stagnation waren für Krisengebiete immer besonders schmerzlich. Derzeit fegt wirtschaftlich und menschlich ein kalter Wintersturm über das Waldviertel. Große Konzerne verschieben ihre Schachfiguren weltweit, doch wenn sie Betriebe aus Regionen abziehen, die sonst verhältnismäßig wenige Arbeitsmöglichkeiten haben, so ist das besonders schmerzlich. Der absehbare Rückzug des Leitbetriebs in Waidhofen ist nicht alles. Der größte Betrieb im Waldviertel, die frühere Felten & Guilleaume in Schrems - jetzt Moeller-Gebäudeautomation aus Deutschland - wird ebenfalls gerade weiter verkauft, da es den Firmensenior nicht mehr freut. Als Käufer wird der amerikanische Konkurrent General Electrics kolportiert, wobei die Meinung vorherrscht, dass auch dieser Betrieb dann schnell verlagert bzw. abgebaut wird. Damit wären dann insgesamt 1.700 Arbeitsplätze bedroht. Die Angst sitzt den Beschäftigten jedenfalls auch dort im Nacken und die Stimmung in der Region ist denkbar schlecht. Von Sizilien gehen derzeit Bilder von kämpfenden Arbeitern rund um die Welt. Sie wollen nicht akzeptieren, dass Fiat ein vom Staat hoch gepäppeltes Werk mit 1.800 Beschäftigen einfach zumacht, bevor an General Motors verkauft wird. Dort haben in einer Region die Leute den Glauben an Berlusconi und Co. verloren. Immerhin musste sich die Regierung in Rom damit beschäftigen und machte Vorschläge, die allerdings real nichts bedeuten. Doch das Kapitel Fiat in Sizilien ist sicher noch nicht zu Ende. Wenn die Bosse österreichische und tschechische Arbeiter untereinander ausspielen können Die Waldviertler sind offenbar hier geduldiger, doch sie sollten nicht unterschätzt werden. Auch hier kann der Punkt kommen, wo die Solidarität stärker als die Resignation wird. Leider hat die Gewerkschaft jedenfalls in diesem Fall versäumt, grenzübergreifend wirkliche Kooperationsstrukturen auf zu bauen. So können die Beschäftigten diesseits und jenseits der Grenze ausgespielt werden. Statt gleich nach den Abbauplänen Kontakte mit dem tschechischen Werk auf zu nehmen, wurde de facto Abwiegelung betrieben. Dies hat zur Folge, dass eine Gruppe tschechischer Arbeiter, die die Chefs mit ersten Maschinenverlagerungsarbeiten betraut hatten, dabei aber diverse arbeitsrechtliche Bestimmungen nicht einhielten, als "Illegale" von der Gendarmerie "aufgegriffen" und umgehend an die Grenze expediert wurden. Ein tschechischer Arbeiter kam dann doch zurück und verteilte Flugzettel, indem er sich zynisch bei seinen überraschten österreichischen Kollegen für "den Aufenthalt im österreichischen Arrest" bedankte ... Wenn nicht gemeinsam gegen oben vorgegangen wird, dann eskalieren leicht Konflikte zwischen den Arbeitern bzw. Angestellten diesseits und jenseits der Grenze und jetzt immer stärker innerhalb der Belegschaft in Waidhofen, da – wenn es keine gemeinsamen Aktionen mehr gibt – viele ihren Arbeitsplatz retten wollen. Immerhin haben einige 100 Leute für den weiteren Lebensweg einen unvergesslichen Anschauungsunterricht in "Kapitalismus live" erhalten. Wenn es eine kämpferische Arbeitsbewegung in Österreich gäbe, dann wäre auch das Kapitel Schrack-Siemens-Tyco im Waldviertel nicht schnell zu Ende. - J.B. -