
Kollektivvertragspolitik in der Europäischen Union. Ökonomische Rahmenbedingungen - Lohnentwicklung und Ausschöpfung von Verteilungsspielräumen Die Kollektivvertragsverhandlungen in den Jahren 2001 und 2002 fanden nahezu überall in der EU unter deutlich verschlechterten ökonomischen Rahmenbedingungen statt: 2001 hat sich das Wachstum des BIP im EU-Durchschnitt mit 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreswachstum von 3,3 Prozent nahezu halbiert. Den europäischen Spitzenplatz hält mit einem BIP-Wachstum von 6,8 Prozent im Jahr 2001 und prognostizierten 3,5 Prozent im Jahr 2002 nach wie vor Irland. Österreich liegt unter dem EU-Durchschnitt und schneidet mit einem Wachstum für das Jahr 2001 von 1 Prozent am viertschlechtesten ab; nicht wesentlich besser ist die geschätzte Situation für das Jahr 2002. Von Josef SCHMEE. Der konjunkturelle Abschwung hat sich auch unmittelbar auf die Beschäftigungsentwicklung in Europa niedergeschlagen. Mit einer Bandbreite von 2,6 Prozent in Luxemburg und 12,8 Prozent in Spanien bleibt die Lage auf den nationalen Arbeitsmärkten dabei auch im Jahr 2002 nach wie vor sehr unterschiedlich. Insgesamt sechs europäische Länder (Luxemburg, Niederlande, Österreich, Dänemark, Irland und Portugal) können mit Arbeitslosenquoten von unter 5 Prozent eine relativ gute Arbeitsmarktperformance aufweisen. Neben der allgemeinen Konjunkturentwicklung und der Lage auf dem Arbeitsmarkt werden die Kollektivvertragsverhandlungen in den meisten europäischen Ländern vor allem durch die Entwicklung der Preise und der Arbeitsproduktivität geprägt (siehe Tabelle 1). Die Summe beider Indikatoren bildet den so genannten "neutralen Verteilungsspielraum", dessen Ausschöpfung durch entsprechende Lohnerhöhungen die Voraussetzung dafür bietet, dass die Beschäftigten an der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung partizipieren können und das Verhältnis zwischen Arbeits- und Kapitaleinkommen konstant bleibt. Das Wachstum der Arbeitsproduktivität hat sich 2001 mit 0,5 Prozent gegenüber 1,5 Prozent im Jahr 2000 deutlich verringert, wobei sich der größte Einbruch in Schweden vollzogen hat. Dem gegenüber konnte Griechenland mit 4,2 Prozent das höchste Produktivitätswachstum in der EU aufweisen. Die für die Kollektivvertragsverhandlungen entscheidenden nationalen Verteilungsspielräume weisen entsprechend den aktuellen ökonomischen Rahmenbedingungen in den einzelnen Nationalstaaten erhebliche Unterschiede auf: 2001 bewegten sie sich zwischen 8,2 Prozent in Irland und 0,8 Prozent in Schweden. Österreich liegt mit einem Wert von 3,1 Prozent im Mittelfeld der EU-Länder. Die Entwicklung der Nominallöhne (Tabelle 2) zeigt im EU-Durchschnitt in den letzten vier Jahren eine leicht steigende Tendenz von 2,8 Prozent im Jahr 1999 auf 3,3 Prozent im Jahr 2002. Die mit Abstand höchsten Nominallohnsteigerungen hat in den letzten beiden Jahren Irland zu verzeichnen gehabt. Am unteren Ende finden sich dagegen Länder wie Frankreich, Italien und Österreich. Die erheblichen nationalen Differenzen in den Nominallohnsteigerungen reflektieren zu einem Gutteil die unterschiedlichen Preisentwicklungen in den EU-Staaten. Demnach existiert bei der Entwicklung der Reallöhne eine deutlich geringere nationale Spannbreite. Der aus Arbeitnehmersicht wichtigste Indikator zur Bewertung der Lohnentwicklung besteht allerdings darin, inwieweit letztere in der Lage waren, den neutralen Verteilungsspielraum aus Preis- und Produktivitätsentwicklung auszuschöpfen. Der Ausschöpfungsgrad kann hierbei durch die Verteilungsbilanz, also aus dem Saldo zwischen Nominallohnentwicklung und neutralem Verteilungsspielraum, gemessen werden (sieheTabelle 2). 2001 haben die Lohnentwicklungen im EU-Durchschnitt demnach zu einer positiven Verteilungsbilanz von 0,6 Prozentpunkten geführt und für das Jahr 2002 erwartet die EU, dass der neutrale Verteilungsspielraum durch die Lohnentwicklungen genau ausgeschöpft wird. Die größten Umververteilungseffekte zu Ungunsten der Arbeitnehmereinkommen wurden 2001 in Griechenland (-1,0 Prozentpunkte), gefolgt von Deutschland (-0,6 Prozentpunkte) und Österreich (-0,3 Prozentpunkte) erreicht. Ein Grund für die weitgehend positive Verteilungsbilanz 2001 in den EU-Staaten ist jedoch weniger in einer expansiven Lohn- und Gehaltspolitik seitens der Gewerkschaften zu suchen, sondern dürfte überwiegend konjunkturbedingt im wesentlichen auf den starken Rückgang des Produktivitätswachstums zurückzuführen sein, auf den die Lohnentwicklung erst mit einer gewissen Zeitverzögerung reagiert. Die Entwicklung der Effektivlöhne sagt jedoch noch nichts über die tatsächliche Bedeutung der Kollektivvertragspolitik für die Entwicklung der Löhne aus. Tariflöhne und Effektivlöhne weisen im Gegenteil oft erhebliche Unterschiede auf, die zum Teil in der jeweils unterschiedlichen Funktions- und Reichweite des nationalen Kollektivvertragssystems begründet liegen, zum anderen aber auch durch die Bedeutung übertariflicher Zulagen auf Unternehmensebene sowie die Entwicklung der effektiven Arbeitszeiten (durchschnittliche effektive Wochenarbeitszeit 2000 in der EU: 39,9 Stunden; Österreich: 40,1 Stunden) beeinflusst werden. Bislang existieren keine amtlichen Statistiken, die einen ordnungsgemäßen europäischen Vergleich der Entwicklung von Tariflöhnen erlauben würden. Für den Zeitraum 1999 – 2001 hat das European Industrial Relations Observatory (EIRO) auf der Grundlage nationaler Statistiken eine Zusammenstellung der durchschnittlichen tarifvertraglich vereinbarten Lohnerhöhungen vorgenommen. Auch wenn eine hundertprozentige Vergleichbarkeit dieser Daten nicht gegeben ist, so vermitteln sie doch zumindest in der Tendenz einen Überblick über die Entwicklung der Tariflöhne in der EU (siehe Tabelle 3). Im untersuchten Zeitraum bewegten sich demnach die jährlichen Traifsteigerungsraten in der Mehrzahl der EU-Staaten zwischen 2 und 3 Prozent. 2001 gab es mit 7,5 Prozent die größte Tariferhöhung in Irland, gefolgt von den Benelux-Staaten. Österreich lag mit einer Tariflohnerhöhung von 2,4 Prozent am vorletzten Platz; Schlusslicht war Deutschland mit einer Steigerungsrate von 2,1 Prozent. In zahlreichen EU-Staaten besteht eine positive Lohndrift, das heißt die Effektivlöhne steigen stärker als die Tariflöhne an; Spitzenreiter ist hier Schweden mit einer positiven Lohndrift von 4,3 Prozentpunkten. Österreich liegt mit einer positiven Lohndrift zwischen 0,3 und 0,4 Prozentpunkten im unteren Bereich der durchschnittlichen Werte innerhalb der EU-Staaten. In einigen Ländern führt die Lohndrift dazu, dass die tarifpolitische gegenüber der effektiven Verteilungsbilanz ein deutlich schlechteres Bild abwirft. In der Mehrzahl der Länder ist es demnach den Gewerkschaften tarifpolitisch nicht gelungen, ihre im Rahmen europäischer Koordinierungsregeln selbstgesteckten Ziele einer vollständigen Ausschöpfung der neutralen Verteilungsspielräume (Tabelle 2) umzusetzen. Letzteres wird auch durch den vom Europäischen Gewerkschaftsbund (EGB) vorgelegten Bericht zur Tarifrunde 2001 bestätigt. 

