DIE RATTEN VERLASSEN VOLLGEFRESSEN DAS SCHIFF

Von "willkürlichen Einzelfällen", ausnahmsweise halt auch "brutalen Managern" oder "unglücklichen Marktentwicklungen" ist hierzulande gern die Rede, wenn die Konzernzentrale eines weltweit operierenden Unternehmens plötzlich selbst gewinnbringende Unternehmen unbarmherzig zusperrt oder auch bei erfreulichen Betriebsergebnissen zu sparen beginnt und eiskalt mit überraschenden Kündigungswellen daherkommt.

Von Heinz GRANZER.

Nur ungern will man sich hierzulande vom positiv gezeichneten Bild multinationaler Unternehmen verabschieden, die von qualifizierten und jedem Streiken abholden Arbeitskräften zu vergleichsweise recht bescheidenen Löhnen und wohlwollenden staatlichen Fördermitteln angelockt einem moderneren Kapitalismus zu frönen schienen, als die kleinkarierten und eher rückschrittlichen kleinen und kleinsten Unternehmungen, die hierzulande schlicht als "die Wirtschaft" bezeichnet werden. Überdurchschnittliche Löhne, soziale Einrichtungen und die Einbeziehung der Betriebsräte förderten die Illusion, dass es eigentlich egal wäre, wem ein Betrieb gehöre und Klassen- wie Eigentumsfragen geschichtlich überholt seien. So wurde selbst die einstmals verstaatlichte Schwachstromindustrie dem mächtigen Siemens-Konzern geradezu auf dem Silbertablett angedient und dessen Generaldirektoren selbst erhielten im Aufsichtsrat der ÖIAG Sitz und Stimme.

Es sind nun aber die selben ach so modernen und fortschrittlichen Konzerne, die nun reihenweise auch in Österreich Produktionsstätten stilllegen und großräumig Personal einsparen, selbst wenn die Gewinne noch so erfreulich waren. Der deutsche Conti-Konzern, der das hochprofitable Reifenwerk in Traiskirchen einfach zusperrte und die Produktion in die benachbarte Slowakei verlegte und der nicht einmal die einstmals zum Umbau vorgestreckten 1,2 Milliarden Schilling zurückzahlen musste, war da leider keine Ausnahme.

GRUNDIG:

Ungeliebtes Minerva-Werk

Noch im November 2001 hatte man sich im Wiener Grundig-Werk darüber gefreut, dass der Standort durch die Verlagerung der Fernseher-Produktion vom Nürnberger Stammwerk nach Wien langfristig gesichert wäre. Mit 31.000 Euro im Jahr war man bei den Kosten je Beschäftigten schließlich um 2.000 Euro günstiger. Dann aber geriet Grundig selbst nach 150 Millionen Euro Verlust für 2001 in Bedrängnis, bei einem Eigenkapital von lediglich 4,6 Prozent der Bilanzsumme war der Rosenheimer Fabrikant Anton Kathrein - nach dem Ausstieg von Philips 89-prozentiger Eigentümer - auf neue Partner wie den türkischen Elektronikhersteller Beko oder den taiwanesischen Unterhaltungselektronikproduzenten SAMPO angewiesen. Denen aber waren dem Vernehmen nach die Lohnkosten auch in Österreich noch zu hoch. Obwohl die Gemeinde Wien in Gestalt des Vizebürgermeisters Rieder mit einer zweistelligen Millionensumme für die Verlagerung der Forschung nach Wien und die EU-konforme Förderung von Ausbildungskosten im Rahmen einer Unternehmensstiftung winkte, drohte den tausend Beschäftigten des Wiener Werks die Schließung, Schließlich fand sich passend zur Weihnachtszeit mit dem Industriellen Mirko Kovats ein Retter, der schon bei Semperit gerne in die Bresche gesprungen wäre. Der Disco-Besitzer vom Wiener U4 und dem Tanzpalast Baden war bereits 1997 beim Salzburger Maschinenbauunternehmen EMCO in Hallein eingestiegen und hatte erst 2001 der staatlichen GBI den steirischen Motorenhersteller Austria Antriebstechnik abgekauft. Somit besteht also wieder neue Hoffnung für das traditionsreiche Minerva-Werk, das 1993 zur 25-Jahr-Feier von Grundig-Österreich noch 1.900 Beschäftigte zählte und damals noch die "theoretische Kapazität" auf 2,5 Millionen Stück zu steigern trachtete. Mit derzeit einer Million Fernsehern im Jahr ist man freilich von einer solchen Auslastung noch weit entfernt.

PHILIPS:

Zusperren von Lebring

bis Wien und Albuquerque

Nicht viel besser erging es den Beschäftigten des Philips-Röhrenwerks im steirischen Lebring. Dort hatte es noch einen Sturm der Entrüstung gegeben, als sich der Betriebsrat gegen eine Ausweitung der Produktion durch die Einführung eines Durchfahrbetriebs aussprach. Dadurch würde doch kostengünstiger produziert, mehr verdient und neue Arbeitsplätze geschaffen, was wolle man mehr. Nun, schon bald sollte sich herausstellen, dass der Bedarf an Fernseh-Bildröhren überschätzt worden war. Vor zwei Jahren erfolgte daher die Umstellung auf die Produktion von Röhren für Computer-Monitoren. Mit 94,5 Millionen Euro sollte die Kapazität wiederum auf 3,5 Millionen Röhren verdoppelt werden. Als Abnehmer der Produktion fungierte die US-Firma Jabil, als 50-prozentiger Partner der neuen "Philips-Display" zog man die Hongkonger "Lucky Star" an Land.

Aber auch der blumige Name erwies sich als nicht gerade glücksbringend, man hatte den Trend zu flachen LCD-Bildschirmen verschlafen, die Preise purzelten in den Keller und nun wird das hochmoderne Werk einfach geschlossen. Schlichtweg demoliert müssen die teuren Anlagen werden, denn auch anderswo muss Philips zusperren, etwa das Halbleiterwerk in Albuquerque in New Mexico mit 600 Beschäftigten. Die Produktion soll auf zwei andere Werke in den USA sowie auf weitere Produktionsstätten in Asien und Europa übertragen werden, um Kosten zu senken.

Ob davon auch das Halbleiterwerk in Gratkorn profitieren könnte, bleibt dahingestellt, dem Klagenfurter Kompetenz-Zentrum für Haushalt und Körperpflege wurde jedenfalls "wegen schlechter Auftragslage" Kurzarbeit verordnet. Die Hälfte der Beschäftigten musste bei einer 34-Stundenwoche netto einen Lohnverlust von neun Prozent hinnehmen, 250 sind davon betroffen. .

Das Klagenfurter Leiterplattenwerk mit einer zweiten Produktionsstätte in Ungarn wurde 1999 von der deutschen AIK-Gruppe mit Sitz in Kassel übernommen und ist mit zuletzt 235 Beschäftigten Ende des Vorjahres Pleite gegangen. Es soll nun mit 80 Beschäftigten weitergeführt werden.

In Wien ist bereits im September 2000 die Herstellung von Videokassetten eingestellt worden. Im Vorjahr wurde auch die Erzeugung von Laufwerken für Videorekorder an die japanische FUNAI weitergegeben. Lediglich auf dem Areal des einstigen WIRAG- Radiowerkes wird in einem "High Tech Campus Vienna" an digitalen Audio-Systemen, Lichtmaschinen für Projektoren, Spracherkennung und Lautsprechern weitergeforscht. Die Zahl der Beschäftigten sank um 1.200 auf 2.900 - noch im Jahr 2000 war sie doppelt so hoch.

Einen solchen Technologie-Park will Philips auch im steirischen Lebring einrichten, wo 520 Stammarbeiter und etwa 200 Leiharbeitskräfte zu der mit 12,6 Prozent hohen regionalen Arbeitslosenrate beitragen. Dieses Tec-Center Lebring soll nach einem Stufenplan bis 2005 rund 250 Arbeitsplätze erreichen. Weil die Philips selbst als Errichter in Erscheinung tritt, muss sie auch nicht die bereits vor Jahren genehmigten Fördergelder von Land und Bund in der Höhe von 5,2 Millionen Euro für die Modernisierung des nunmehr zugesperrten Röhrenwerkes zurückzahlen ...

SIEMENS:

Trotz Rekordgewinn

weltweiter Abbau

Mit Zusperrplänen beschäftigt sich auch der sonst als verlässlicher Partner geliebte Siemens-Konzern. Obwohl im Geschäftsjahr 2002 zuletzt mit einer 24-prozentigen Steigerung des Betriebsergebnisses auf 2,6 Milliarden Euro (!) das zweitbeste Betriebsergebnis der Unternehmensgeschichte eingefahren wurde, wird seit 2001 konzernweit der Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen durchgezogen. "Der jetzige Kurs ist schädlich für die Beschäftigten und für das Unternehmen", erklärte dazu der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ralf Heckmann. Die Beschäftigten hätten Alternativ-Vorschläge vorgelegt, die die Arbeitsplätze gesichert und sich auch für das Unternehmen gerechnet hätten.

"Wenn sich der reiche, faktisch schuldenfreie Siemens-Konzern ein solches Vorgehen leisten kann, ist es um die soziale Qualität des Standorts Deutschland nicht gut bestellt", kritisierte auch der stellvertretende IG-Metall Vorsitzende, der selbst im Siemens-Aufsichtsrat sitzt. Der Konzern habe sich dem Diktat der Börse und der Analysten gebeugt, meinte er. Der drastische Stellenabbau könnte sich eines Tages rächen. Sollte Siemens die Netzwerksparte wegen der derzeitigen Verluste weiter runterfahren, ginge bei einem neuerlichen Aufschwung im Telekom-Bereich der Anschluss verloren.

Auch in Österreich stiegen die Gewinne der Siemens-Gruppe um 13 Prozent auf 322,6 Millionen Euro, trotzdem droht dem verlustbringenden Wiener Elektronikwerk mit 900 Beschäftigten durch die Telekom-Flaute das Aus, beziehungsweise die Verlegung nach Siegendorf. Einer der Standorte in Wien-Erdberg und Wien-Floridsdorf würde auf jeden Fall gesperrt.

Damit hätten auch die Wiener Beschäftigten die Folgen jener Fehlspekulationen zu tragen, die Siemens mit dem verlustbringenden Engagement in den USA passiert sind. Dort engagierte sich der Konzern im Jahr 2000 im Zuge der Euphorie um florierende Internet-Firmen mit rund einer Milliarde Dollar, die nun zum Teil abgeschrieben werden müssen.

BAXTER, SCHERING, UNILEVER:

Das Zusperren geht weiter

Fortsetzung folgt, heißt es also leider, wenn sich neuerlich florierende Großkonzerne von ihren österreichischen Standorten verabschieden - freilich nicht, ohne sich nicht noch weidlich an satten Gewinnen und üppig fließenden Fördermitteln gütlich getan zu haben. Ob Schering oder Baxter, auch die Pharma-Branche ist aufs Wandern versessen, und dass früher mit noch niedrigeren Arbeitskosten aufwartende Nachbarländer wie Ungarn mittlerweile selbst etwa von IBM in Székesfehérvar trotz Fördermitteln im Ausmaß von 414 Millionen Euro die Erzeugung von Computer-Festplatten zugesperrt bekommen, ist nicht wirklich ein Trost. Solche "Zugvögel" gehörten eben besser mit vereinten Kräften in die Pflicht genommen, aber da ist im Zeichen der "Globalisierung" eben die Freiheit des Welthandels die Norm. Ob da ein etwa von ATTAC eingeforderter Kodex für das Wohlverhalten weltweit operierender Konzerne Abhilfe schaffen könnte, bleibt dahingestellt. Würden die vielfältigen Fördermittel, mit denen man solche Multis noch immer ins Land zu locken trachtet, freilich auch zu entsprechenden Eigentums- und Kontrollrechten führen, wie sie sich ja auch jede Bank bei Kreditgewährung vorbehält, könnte man dann vielleicht doch etwas mehr mitreden, wenn es um die Arbeitsplätze geht ...


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