
Angst vor der Beispielwirkung
Ein Interview mit Dave Nellist; Stadtrat in der englischen Stadt Coventry; zum Streik der Feuerwehrleute in Großbritannien. Dave Nellist ist langjähriges Mitglied der Socialist Party, der englischen Schwesterpartei der SLP. Das Gespräch führte Michael GEHMACHER. "die arbeit": In Britannien ist der Streik der Feuerwehrleute nach wie vor ein
großes Thema, bei uns in Österreich weniger. Was sind das eigentlich für
Leute die solange streiken? Was ist das für eine Gewerkschaft? Nellist: Die Feuerwehrleute sind in der FBU (FireBrigadeUnion), das ist eine Gewerkschaft, die fast
6.000 Feuerwehrleute in England und Wales vertritt, organisiert. Nur 4 Feuerwehrmänner aus dem Süden
von England sind keine Gewerkschaftsmitglieder. Die meisten Aktivisten sind eher jung und
kämpferisch. So haben sie z.B. auf ihrer Homepage ein Bekenntnis zum Sozialismus,
sind aber nicht wirklich marxistisch, aber sie wollen sich von der Labour Party
(britische Sozialdemokratie) abgrenzen. Viele sind nach wie vor Mitglieder
der Labour Party, aber in den Feuerwehrkasernen hängen überall
Unterschriftenlisten, wo die Unterzeichner kollektiv aus der Labour Party austreten wollen.
Dass die Streikenden eher jung sind, hat Vor- und Nachteile. Einerseits sind
sie frisch und kämpferisch, die Niederlagen der Thatcher- Ära sind für sie
Geschichte aber keine persönliche Erfahrung, sie gehen unbeschwert an die Sache
heran. Der Korpsgeist steigert natürlich auch den Zusammenhalt und die
Solidarität. Organisatorisch sind sie gut drauf, das läuft fast ein wenig
militärisch ab, wie das bei Feuerwehrleuten eben oft ist. Anderseits fehlt ihnen die
Erfahrung, sie haben z.B. Unmengen an T-Shirts, Ansteckern usw. produziert und
verschenken die an jeden, der zu einem ihrer Streikposten kommt. Sie sammeln
aber keine Spenden oder versuchen eine große Streikinfrastruktur für die
Zukunft des Streiks aufzubauen. Sie lösen die organisatorischen und finanziellen Probleme wenn
sie auftauchen. Für eine Vorsorge fehlt ihnen die Erfahrung. Viele sowohl aus der Führung
als auch von der Basis haben wohl geglaubt es wird schnell vorbei sein. "die arbeit": Worum geht es bei diesem Streik überhaupt? Nellist: Es geht um ca. 40% - bei den Bruttolöhnen. Das hört sich
viel an, ist es aber bei genauerem Hinsehen nicht. Derzeit haben sie ein
Jahreseinkommen von 32.000 Euro brutto, das soll auf 40.000 brutto gesteigert
werden. Feuerwehrleute haben eine 4-jährige Ausbildung und sie arbeiten aus
gesundheitlichen Gründen bis 55 Jahre. Ein großer Teil dieses Bruttolohns geht in
eine betriebliche Pensionskassa. Die Pension errechnet sich aus dem was man
einzahlt. Zuschüsse der Gemeinde oder des Landes gibt es, wegen der
Sparmaßnahmen der letzten Jahre, fast keine mehr. Es geht also auch um höhere
Pensionen. Das jetzige System geht auf einen siebenwöchigen Streik von 1977 zurück,
damals wurde das jetzige Gehaltsschema erkämpft. Es gab seither eine jährliche
Lohnsteigerung von 75 Prozent des Lohnerhöhungsindex. Das heißt: Machten die
durchschnittlichen Lohnerhöhungen in ganzen Land zum Beispiel 2 Prozent aus, bekamen die
Feuerwehrleute 1,5 Prozent Lohnerhöhung. Da die gesamten Lohnerhöhungen oft nur knapp an
der Inflationsrate waren, bekamen die Feuerwehrleute oft Erhöhungen unter der
Inflationsrate. Die Löhne sanken ab. Außerdem muss man bei so einer hoch
klingenden Forderung auch überlegen, wie das Leben 1977 eigentlich war. Es hat
seither enorme Verschlechterungen im Pensionssystem und im
Gesundheitswesen gegeben. Die Grundstückspreise und die Raten - wenn man ein Grundstück mit
Kredit kauft - sind enorm gestiegen. In England haben wir nicht so eine Wohnungs- und
Sozialbautradition, die Leute brauchen ein kleines Haus. Viele der Feuerwehrleute
haben daher 2 Jobs. "die arbeit": Wie geht das ? Nellist: Die Feuerwehrleute haben eine 4-Tage Woche mit Bereitschaft. Viele haben nebenbei Hilfsarbeiterjobs
wie Taxifahrer oder ähnliches. Manche wohnen weit weg von ihrem Arbeitsplatz und reisen zum Dienst, weil es in der
Nähe ihrer Feuerwehrkaserne keine leistbaren Häuser gibt. Sie schlafen zwischen den Diensten in der Kaserne
oder versuchen, die Zeit mit einem anderen Job zu füllen. Ich glaube, das ist ein wichtiger Motor für den
Streik,dass die Leute dort wo sie arbeiten auch normal wohnen wollen. "die arbeit": Warum gibt die Regierung überhaupt nicht nach? Nellist: Blair hat Angst vor der Beispielwirkung. Schon am 5. Dezember des Vorjahresgab es eine Demonstration
der Gewerkschaft öffentlicher Dienst (UNISON) zur
Unterstützung der Feuerwehrleute. Gehen die Lohnforderungen der FBU durch, gerät
die Führung der UNISON gehörig unter Druck. Der Unmut bei den Lehrern, den Krankenschwestern usw. ist
eine Schlüsselfrage in dieser Bewegung. Es ist der Regierung auch ein besonderer Dorn im Auge,
dass die Feuerwehrleute keine Überstunden machen. Sie teilen sich die Arbeit
selber ein; Dienstpläne, Einsätze, Übungen, Wartungen der Geräte und
Löschfahrzeuge, alles wird besprochen und gemeinsam entschieden. Viel natürlich in den
Stehzeiten in der Feuerwehrkaserne. Man kann sagen bis zu einem gewissen Grad
werden die Kasernen in einer Art Selbstverwaltung geführt. Daher auch dieser
große Zusammenhalt, alle wissen, dass sie sich im Ernstfall aufeinander
verlassen können müssen. Und dieser Streik ist so ein Ernstfall. Das hat
natürlich eine Wirkung auf andere öffentlich Bedienstete. Dave Prantis, der Chef der
UNISON, hatte beim letzten Gewerkschaftstag einen Gegenkandidaten von der
Campeing for a fighting and democratic UNISON, einem Zusammenschlus linker und
kämpferischer GewerkschafterInnen. Dieser Gegenkandidat war Roger Banister, ein Genosse von uns und er
erhielt 38 Prozent der Delegiertenstimmen. Wenn also die Feuerwehrleute erfolgreich sind, werden es ihnen viele
Berufsgruppen im öffentlichen Dienst nachmachen wollen. Dann muss die Führung handeln, denn es gibt
ja den Druck von links unten. Und davor hat Toni Blair Angst, immerhin hat die UNISON 1,5 Millionen Mitglieder.
Daher seine harte Linie. "die arbeit": Ihr seid 3 Stadträte der Sozialistischen Partei in Coventry. Was könnt ihr machen? Nellist: Die Regierung hat den Gemeinden die Möglichkeit gegeben, denFeuerwehrleuten 16 Prozent
Erhöhung in 2 Jahren anzubieten. Das ist aber verbunden mit
einer Zustimmung der Gewerkschaft zu einer so genannten Personalreform, wie
eben Personaleinsparungen heute heißen. Da machen wir als SP-Stadträte natürlich nicht mit.
Wir haben natürlich Anträge zur Solidarität in den Gemeinderat eingebracht. Die wichtigste Arbeit
ist aber die praktische Solidarität und der persönliche Kontakt. Es gibt immer
Arbeitstage und Streiktage. Wenn Streik ist schauen wir, dass wir bei Schichtbeginn früh um 6:00 Uhr beim
Streikposten sind und uns mit den Leuten unterhalten, ihnen helfen usw. Für mich ist das leicht, denn
ich wohne gleich bei der Kaserne. Am 23.11. 2002 gab es auch eine gemeinsame Kundgebung von unserer Partei
und der FBU vor der Gemeinderatssitzung. Es war ein beeindruckendes Bild. Um Punkt
12:00 Uhr verließen alle 160 Feuerwehrleute der Kaserne in Coventry den
Streikposten und marschierten in Zweier-Reihen in voller Uniform zu der Kundgebung vors
Rathaus, wo schon Lehrer, Postbedienstete und andere Berufsgruppen des
öffentlichen Dienstes auf sie warteten. "die arbeit": Wie verhält sich eigentlich die Polizei? Nellist: Wenn es darauf ankommt werden sie wohl den Befehl zur Gewaltanwendung ausführen.
Aber die Sympathie mit den Streikenden ist sehr groß. Man muss bedenken, dass Polizei und Feuerwehr
bei Einsätzen oft zusammenarbeiten. Es gibt ein hohes Maß an gegenseitigem Respekt. "die arbeit": Was können GewerkschafterInnen international tun? Nellist: Die Feuerwehrleute mit Grußbotschaften oder auch Spenden solidarisch unterstützen.
Entweder über die FBU- Homepage oder über meine e-mail-Adresse:
dave@nellist.net "die arbeit": Danke für das Gespräch.