Philipp Scheidemann

Das historische Versagen der SPD.

Schriften aus dem Exil.

Herausgegeben von Frank R. Reitzle

mit einer Einleitung von Claus-Dieter Krohn.

Zu Klampen Verlag, Lüneburg 2002, 236 Seiten.

In "Das historische Versagen der SPD" wirft Scheidemann der eigenen Partei und ihrer Führung ein doppeltes Versagen vor, das zur europäischen Katastrophe von 1933 geführt hat: obwohl die SPD 1918/19 über entscheidende Machtpositionen in der jungen Republik verfügte, hat sie nicht radikal genug mit den Strukturen und einflussreichen Gruppen des Kaiserreichs gebrochen. Weil keine wirklich demokratische Reform der Verwaltungs- und Machtstrukturen im Reich durchgesetzt wurde, konnten die reaktionären Kräfte wieder an Einfluss gewinnen. 1932/33 hat dann die SPD-Führung ihre kampfbereite Anhängerschaft so lange zur "Disziplin" gemahnt und mit dem Argument hingehalten, zum rechten Zeitpunkt werde sie den Generalstreik ausrufen, bis es zu spät war, Hitler zu verhindern.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 bedeutete die vollständige Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung. Bereits nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933, dann mit dem Ermächtigungsgesetz im März und dem Anfang April folgenden Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, schließlich mit dem Verbot der Gewerkschaften und der Parteien im Mai und Juni sowie den Eingriffen in diverse Berufsgruppen wurden dabei in kürzester Zeit die politischen Repräsentanten und kulturellen Eliten der Republik systematisch aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzt; sie wurden in die Konzentrationslager geworfen oder außer Landes getrieben. Unter den Exilanten begann sogleich eine intensive Debatte über die Ursachen der Niederlage. Es ging einerseits um die Hypothek aus der Anfangsphase der Republik mit unzureichender Weichenstellung für die Demokratie und um die Endphase, als die Feindschaft zwischen SPD und KPD den gemeinsamen Gegner zusehends aus dem Blick geraten ließ.

Scheidemanns Parteikarriere hat sich auf dem zu jener Zeit klassischen Weg eines Sozialdemokraten vollzogen. Der 1865 in Kassel als Sohn eines Tapeziermeisters Geborene erlernte das Schriftsetzerhandwerk. Mit 18 Jahren war er der SPD sowie der Gewerkschaft der Buchdrucker beigetreten. Nach Ende der Lehre 1883 arbeitete er zunächst als Schriftsetzer, eher er ab 1895 als Redakteur sozialdemokratischer Zeitungen nach Gießen, Nürnberg und Offenbach ging. 1903 wurde er zum Abgeordneten in den Reichstag gewählt, dem er fortan bis zum Parteienverbot durch die Nationalsozialisten 1933 angehören sollte. Nach dem Tode von August Bebel übernahm er den Vorsitz der Reichstagsfraktion, und nach der Spaltung der Partei im Jahre 1917 wurde Scheidemann zusammen mit Ebert in den Parteivorsitz der "Mehrheitssozialdemokratie" (MSPD) gewählt. Während Scheidemann die Partei durch programmatische Reden, während des Krieges vor allem zur sozialdemokratischen Friedenspolitik profilierte, war Ebert für die praktischen und organisatorischen Aufgaben zuständig. Augenscheinlich folgten daraus verstärkte Rivalitäten und Spannungen, die Scheidemann erst nach 1933 offen legte. Jene Spaltung während des Kriegs, die auch den weiteren Kontext der Scheidemann-Kritik an seiner Partei im Rückblick der dreißiger Jahre darstellt, war Folge der so genannten "Burgfriedenpolitik" bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs und ging auf den Glauben der Sozialdemokratie zurück, dass das Deutsche Reich einen Verteidigungskrieg führe. Dies führte zunächst zur Abspaltung der so genannten Spartakus-Gruppe, aus der Ende 1918 die KPD wurde, dann folgte eine weitere Gruppe, die sich nach dem Parteiausschluss 1917 "Unabhängige Sozialdemokratische Partei" (USPD) nannte. Hier zeigte sich bereits, wie Claus-Dieter Krohn in seinem Buchbeitrag treffend anmerkt, das ganze Dilemma der Partei, deren Vertreter von den kaiserlichen Eliten vor dem Kriege immer wieder als "vaterlandslose Gesellen" denunziert worden waren, die in der Stunde der Not aber gebraucht wurden. Die Partei, so Krohn weiter, hatte sich selbst, seit 1912 mit der stärksten Reichstagsfraktion, bereits so in das ihr feindliches System integriert, dass sie glaubte, sich der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung sogar für das kaiserliche System nicht entziehen zu können.

Am 9. November 1918 kam Scheidemanns eigenmächtige Ausrufung der Republik ohne Mandat der Reichsregierung oder der Partei. Hintergrund dieses Schrittes war das wachsende Chaos in Deutschland während der letzten Kriegstage. Die Ausrufung der parlamentarischen Republik kam jedoch Karl Liebknecht vom "Spartakusbund" zuvor. In der provisorischen Übergangsregierung, dem Rat der Volksbeauftragten, der aus Vertretern der MSPD, darunter Ebert und Scheidemann, sowie drei Vertretern der USPD bestand, war die Meinung über die künftige Verfassungsordnung gespalten. Erst als der "Zentralrat der Arbeiter- und Soldatenräte" Mitte Dezember das Rätesystem mit großer Mehrheit abgelehnt und die Einberufung der Nationalversammlung zur Beratung und Verabschiedung einer neuen Verfassung beschlossen hatte, war diese Frage erledigt. Damit war Scheidemanns eigenmächtiger Schritt vom 9. November im nachhinein sanktioniert, der auf einen entschiedenen Bruch mit der Monarchie wie auch auf die Ablehnung aller rätestaatlichen Experimente nach dem Modell der russischen Oktober-Revolution zielte, während Ebert die konstitutionelle Monarchie präferierte.

Im Lichte dieser Tatsachen ist die massive innerparteiliche Kritik in den hier erstmals veröffentlichten Schriften Scheidemanns über das historische Versagen der SPD zu sehen, die aus der Perspektive der gescheiterten Republik nach 1933 insbesondere die Rolle Eberts als Meister der unklaren Taktik kritisiert, die eigenen Fehleinschätzungen beim Eintritt in das Kabinett Max von Baden aber ebenfalls nicht übergeht. Die Kritik springt umso mehr ins Auge, als sie in ihrem Hauptteil über die Anfangsjahre der Weimarer Republik das neu bewertet, was Scheidemann in seinen mit dem Kapp-Putsch endenden "Memoiren eines Sozialdemokraten" von 1928 viel moderater und mit zukunftsoptimistischer Hoffnung auf die Verwirklichung des demokratischen Sozialismus dargestellt hat. Die strukturellen Probleme der Republik und die politischen Gefährdungen vor allem von rechts wurden dort zwar auch benannt, aber für überwindbar gehalten. In der Abrechnung nach 1933 werden sie dann ursächlich auch auf die politische Blindheit der von den Massen entfremdeten SPD-Parteiführung zurückgeführt.

1920 zog sich Scheidemann in die Provinz zurück und übernahm das Amt des Oberbürgermeisters in Kassel, obwohl er weiterhin dem Reichstag angehörte und dort vor allem die geheimen Rüstungen der nach dem Versailler Vertrag reduzierten Reichswehr aufdeckte.

Schon im Oktober 1919 konfrontierte er die Nationalversammlung mit deren antirepublikanischem Geist und ihren heimlichen Querverbindungen zu den zahllosen rechtsradikalen Kampfbünden, wobei er mit der Warnung "Der Feind steht rechts" einen der wohl prägnantesten und treffendsten Slogans zur politischen Kultur der Weimarer Republik prägte. Obwohl Scheidemann für 12 Jahre gewählt worden war, begann der Anfang vom Ende seiner Bürgermeisterzeit mit den Kommunalwahlen im Jahre 1924. Nach einem zunehmend peinlicheren Kesseltreiben gegen ihn trat er im Herbst 1925 freiwillig von seinem Amt zurück. Auch in der Partei wurde er aufgrund der Gegensätze zu Ebert zunehmend isoliert, sodass er dort bald keine Rolle mehr spielte.

Das gespannte Verhältnis zum Parteivorstand blieb sogar noch für die Schilderung seiner Exiljahre prägend. Die hier erstmalig abgedruckten Aufzeichnungen Scheidemanns dürften aus mehreren Gründen Interesse finden. Sie bieten Tatsachen, die so im einzelnen noch nicht bekannt waren. Weiterhin geben sie einen prägnanten Eindruck von den Umständen seiner Flucht und der Hilflosigkeit und Entwurzelung im Exil. Veröffentlichungen dieser Art sind bisher die Ausnahme. Schließlich verdienen die biographischen Aufzeichnungen Scheidemanns noch aus einem anderen Grund Beachtung. Sie knüpfen nicht nur an seine in den zwanziger Jahren erschienenen Memoiren an, sondern überhaupt an eine Tradition, die charakteristisch für das Sozialmilieu war, zu dem er gehörte. Viele Vertreter der Arbeiterbewegung hatten sich in den Jahren der Republik mit solchen Erinnerungen Rechenschaft über den eigenen Aufstieg aus zumeist ärmlichen Verhältnissen zum Funktionär oder gar Minister abgelegt, der durchaus Parallelen zu den legendären amerikanischen Lebensgeschichten vom Tellerwäscher zum Generaldirektor hatte. Allerdings kam hier noch die organisierte Arbeiterbewegung als umfassende, existenziell prägende Kultur- und Emanzipationsbewegung hinzu, die solche individuellen Aufstiegschancen überhaupt erst ermöglichte.

Nach der Streichung seiner Altersversorgung in Deutschland fand er für sich und eine ihn begleitende Tochter finanzielle Hilfe bei der Deutschen Sozialdemokratischen Partei in der Tschechoslowakei. Ebenso wenig wurde er bei seiner Weiterwanderung nach Dänemark durch den eigenen Apparat unterstützt, sondern durch dänische Genossen, die ihm in Kopenhagen auch ein kleines Salär aus dem Hilfsfonds des Matteotti-Komitees vermittelten. Scheidemanns prekäre Situation ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass er zu den gefährdetsten politischen Exilanten zählte. Nicht übertrieben ist seine Schilderung, wie ihm nach der Ermordung des Philosophen Theodor Lessing im Frühjahr 1933 in Marienbad durch deutsche Nazis die tschechische Regierung zwei Polizisten als Leibwache stellte. Zu den bisher nur wenig bekannten Tatsachen gehört ebenfalls die Sippenhaft einiger seiner früheren Bekannten in Deutschland im Sommer 1933, nachdem die "New York Times" ohne Autorisation einen Artikel Scheidemanns für eine Schweizer Zeitschrift in fehlerhafter Übersetzung gebracht hatte. Allerdings war die Macht der Nationalsozialisten in dieser frühen Phase noch nicht gefestigt, sodass internationaler Druck die Freilassung von Scheidemanns Bekannten erzwingen konnte. Jedoch sollten die beiden in Deutschland gebliebenen Töchter Scheidemanns den NS-Terror nicht lange überleben. Die älteste hatte mit ihrem Mann angesichts der dauernden Anfeindungen schon im Mai 1933 Selbstmord begangen, die jüngste starb verzweifelt zwei Jahre später; seine Frau war bereits 1926 angesichts der ständigen Bedrohungen einem Schlaganfall zum Opfer gefallen. Ab 1935 nahm sich Scheidemann mehr und mehr der künftigen Entwicklung publizistisch an. Exemplarisch dafür steht das 1937 verfasste Manuskript "Zum neuen Weltkrieg führt Hitlers Politik", das offenbar zum Druck in New York vorgesehen war. Über mögliche Kontakte dorthin kann nur spekuliert werden.

Wenige Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkrieges ist Scheidemann am 29. November 1939 einsam und ohne Bindungen zu den Resten der Partei, die einstmals sein Leben bestimmt hatte, in Kopenhagen gestorben. In den wenigen der einst zahlreichen Exil-Zeitschriften, die nach Kriegsbeginn noch für eine kurze Frist existierten, findet man nichts über den Mann, der einmal die Republik in Deutschland ausgerufen hatte im Unterschied zu den umfangreichen Würdigungen in der großen Presse in Amerika. So hieß es in einem Nachruf der "Washington Post": "Der letzte der großen Gestalten des deutschen Sozialismus ist gestorben. Er war einer der Männer, die von der Tradition des 19. Jahrhunderts, von Toleranz und Humanität geprägt waren. Jeden politischen Kampf hat er verloren, außer den um seine persönliche Integrität." Heute würde der Nachruf lauten: Jeden politischen Kampf hat er/sie verloren, auch den um seine/ihre politische Integrität.

Die hier erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemachten Erinnerungen und Schriften aus dem Exil von Scheidemann sind dem "zu Klampen Verlag" hoch anzurechnen. Gerade der heutige Zustand sozialdemokratischer Parteien in Europa zeigt auf, wie wichtig eine solche Publikation ist. Die Sozialdemokratischen Parteien sind immer noch nicht in der Lage, ihre Gegner realistisch einzuschätzen und darauf mit geeigneten Mitteln zu reagieren. Somit gehört diese Publikation auf jeden Nachttisch sozialdemokratischer Funktionäre, damit diese in die Lage versetzt werden, ihre eigenen Zerrbilder im Spiegel auch wahrnehmen und betrachten zu können.

Der Buchtitel wurde vom Herausgeber gewählt. Seines Erachtens trifft er präzise die Kernaussagen Scheidemanns und lässt darüber hinaus auch noch etwas vom sprachlichen Duktus der versammelten Texte spüren: rückhaltlose Offenheit und größtmögliche Klarheit ohne taktisches Lavieren. Der Herausgeber möchte jedoch den Buchtitel keinesfalls als Stellungnahme zur aktuellen politischen Situation verstanden wissen. Wohl aber als Erinnerung an das Verhalten der Führung der ältesten Partei Deutschlands in den vielleicht bedeutendsten Momenten ihrer Geschichte, ein Verhalten, das sie jedoch gerne verdrängt.

Rezension von Josef Schmee.


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