
Großartige Kampfaktionen, kleinmütiges Ende
Auf dem Höhepunkt des Widerstands, als die Beschlussfassung des Pensionsschandgesetzes kaum mehr möglich schien, rief die ÖGB-Führung den Waffenstillstand aus. Das war keine Überraschung. Die offizielle Argumentationskette hatte auf grundsätzliche Inhalte verzichtet (siehe "die arbeit" Nr. 5-6) und endete da, wo die "Kompromisse" der Regierung als Erfolg gefeiert werden konnten. Mobilisierungsfähigkeit und Durchschlagskraft sind jetzt schwer angeschlagen, behauptet Hubert SCHMIEDBAUER. Das Kapital und seine Regierungen werden in Zukunft noch weniger zittern ... Der Angriff wird allseitig vorgetragen: Aber die Regierungsparteien und andere schwafeln von Gefahr für die Demokratie, wenn die betroffene Mehrheit der Bevölkerung ihren Widerstand nicht irgendwann mit Stimmzetteln, sondern aktuell auf der Straße zeigt. Übrigens sind auch die GewerkschaftsfunktionärInnen gewählte Interessenvertreter und berufen, ihre Mitglieder in allen Belangen zu vertreten, ganz sicher nicht nur in der Kollektivvertragspolitik, die übrigens auch schon längst ein Angriffsziel des Kapitals ist. Alternativen Die Angriffe unter den Titeln Deregulierung, freier Markt, Privat statt Staat, Wettbewerb, Entbürokratisierung usw. werden so hingestellt, als seien das ganz objektive, unvermeidbare Vorgänge. Die Regierungen, die Unternehmerorganisationen, ein Heer von Ideologen aus Wissenschaft und Meinungsbildung verbreiten die Dogmen des so genannten Neoliberalismus, des Marktfetischismus, die Lüge vom angeblich immer knapper werdenden Geld. Es gibt auch Alternativkonzepte, von denen man in den Medien fast nichts hört und sieht: Bewegung, Erfolg ... Spät, aber doch! Nicht in den neunziger Jahren, als mehrere Belastungspakete und Pensions"reformen" widerstandslos durchgezogen wurden; als jede Warnung vor einem euphorischen EU-Anschluss ohne soziale und ökologische Bedingungen von einer Agitationsarmee aus Gewerkschafts- und AK-Funktionären niedergeredet wurde; nicht bei der Zerstörung des Arbeitszeitgesetzes und anderer Arbeitsrechte; erst während der massiven Angriffe auf die Arbeiterkammern wurde begonnen, den Widerstand zu organisieren. Noch immer mit aller Schonung der wahren Täter hinter den politischen Angriffen: dem globalen und heimischen Kapital und seinen Instrumentarien, denn dazu gehörten ja auch die "Sozialpartner" von der Wirtschaftskammer. Als dann die ÖVP in den Regierungsverhandlungen mit der SPÖ ihre Vorstellungen von einer neuerlichen Pensions"reform" - von Klima und Edlinger verständnisvoll unwidersprochen - durchsetzen wollte, war für einige Gewerkschafter die Schmerzgrenze erreicht und sie ließen die Verhandlungen platzen. Seither wuchs von Monat zu Monat unter den Lohnabhängigen der Unmut über die aggressive Regierungspolitik des Drüberfahrens, der Husch-Pfusch-Gesetze und der Entfernung von solchen Funktionären aus der Sozialversicherung, die als gewählte Gewerkschafter ihren Mitgliedern verantwortlich waren und nicht der Regierung des Kapitals. Nach einigen großen Demonstrationen wurde mit der Urabstimmung eine eindrucksvolle Mobilisierung der Gewerkschaftsbasis erreicht. Zugleich gewannen die weltweit agierenden sozialen Bewegungen immer mehr Zulauf und Ansehen, womit auch wiederum auf Österreich eine mobilisierende Wirkung entstand. Schließlich war im Vorlauf zu den verschiedenen Gewerkschaftstagen und bei diesen selbst eine wachsende Kampfbereitschaft zu bemerken - die Voraussetzung dafür, Massendemonstrationen und Streiks vorzubereiten und erfolgreich durchzuführen. Ohne diesen Widerstand wäre die Regierung nicht gezwungen gewesen, den Eindruck des Nachgebens zu erwecken und statt 50 Peitschenhieben nur 40 zu verabreichen. Am Rande gab es noch ein läppisches Spielchen der FP, die sich rasch ein soziales Mascherl umhängen wollte. ... und die andere Seite Nun steht die Behauptung da, die ÖGB-Führung habe von vornherein die Absicht gehabt, im entscheidenden Moment auf die Bremse zu steigen und die Bewegung zu stoppen. Was sind die Indizien? Ende gut? Nichts gut ... Die Frage lautet jetzt: Wie wollen wir nach diesem Rückzieher in den nächsten Jahren das Thema Wertschöpfung/Umverteilung zur Diskussion stellen - gar nicht zu reden vom Durchsetzen in koordinierte europäische Aktion? Wie wollen wir Millionen Menschen neuerlich mobilisieren - und das vielleicht unter erschwerten Kampfbedingungen - z.B. gegen die Zerschlagung des KV-Systems, gegen weitere Deregulierungen, gegen GATS, für soziale und politische Fortschritte? Die GewerkschafterInnen, mit denen ich während der letzten Tage gesprochen oder deren Diskussionsbeiträge ich mir angehört habe, bestätigen die Schlussfolgerung: Die Streikaktionen wurden im entscheidenden Moment gestoppt. "Wie sollen wir das unseren KollegInnen erklären?" Deren Erwartungshaltung war groß. Immerhin war es die erste große Streikbewegung seit mehr als fünfzig Jahren. Darf ich als persönliche Bemerkung einflechten: Als 17-jähriger Lehrling war ich dabei, als die Streikbewegung im Oktober 1950 gegen die fortgesetzten schändlichen Übereinkommen zur Regulierung der Löhne hinter den Preissteigerungen losgebrochen war. Sie wurde damals trotz überfraktioneller Streikführung und bis heute noch als "KP-Putsch" herabgewürdigt. In Wirklichkeit war sie das stolze Aufbäumen der damaligen Generationen. Die Niederschlagung des Streiks (nach dem Fehler der Unterbrechung des Kampfes zugunsten einer Orientierungsphase) war die Geburtsstunde der späteren "Sozialpartnerschaft", in der sich die Gewerkschaftsführungen auf den kampflosen Konsens mit dem dafür dankbaren Kapital festgelegt hatten. Daran erinnerte ich mich während der Entwicklung der großartigen Kampfaktionen im Juni und deren Abbruch im entscheidenden Moment. Die Solidarität der Gewerkschaften vor allem innerhalb der EU und der Beitrittskandidaten zwingt uns alle, diese Widerstandsbewegung weiterzuentwickeln und damit aufzuhören, eine nicht vorhandene "Partnerschaft" zwischen Arbeit und Kapital vorzugaukeln. Das gilt aber auch für alle in diesem Feld handelnden Regierungen, egal welche Farbe sie vor sich her tragen. Seit den Erfahrungen mit Klima, Schröder und Blair ist das wohl keine Frage mehr! "Wir werden den Kampf weiterführen - bis diese schwarz-blaue Regierung beseitigt ist", sagte ein führender Gewerkschafter kurz nach der parlamentarischen Beschlussfassung des Pensionsschandpakets. Es ist notwendig, solche zu kurz greifenden Zielstellungen zu korrigieren. Die Gewerkschaftsbewegung hat sich als Bewegung gegen das Kapital und alle seine Machthaber herausgebildet und muss in Bewegung bleiben, sonst stampft die hemmungslose Profitgier des Kapitals alles nieder.