
OMV: In Gustostückerln zerlegt
Um nicht weniger als 1,2 Milliarden Euro soll demnächst der Umbau des OMV-Konzerns vorgenommen werden. Mit einer Holding-Struktur hofft Konzernchef Ruttenstorfer mehr Verantwortung an die operativen Geschäftseinheiten delegieren zu können, wodurch sich Entscheidungsprozesse "vereinfachen und beschleunigen" ließen. Von Heinz GRANZER. Bereits jetzt sind die Geschäftsfelder Erdgas, Service Netzwerk (mit der zentralen Verwaltung, dem Finanz- und dem IT-Bereich) und die Agrolinz-Melamin eigenständige Gesellschaften mit beschränkter Haftung. Bis 2004 sollen nun Raffinerie und Marketing mit den Tankstellen, sowie die Sparte Exploration und Produktion - also die Öl- und Gasförderung - folgen. Davon sind in Österreich 1.300, beziehungsweise 700 Arbeiter und Angestellte betroffen. Bei der Agrolinz-Melanim sind derzeit 900 und im Service 400 Beschäftigte zu verzeichnen, während im Erdgas-Bereich im Zuge der Gasliberalisierung eine Aufstockung von 250 auf 300 in Aussicht gestellt wird. Dank des geplanten Wachstums werde man überhaupt zehn Prozent mehr Personal benötigen, davon die Hälfte im Inland, versucht die Direktion auch dem Betriebsrat die Zustimmung zu diesen Umstrukturierungen schmackhaft zu machen. Dieser und die Beschäftigten selbst hätten freilich eher Grund sich gepflanzt zu fühlen. Schließlich sind in den letzten Jahren tausende Arbeitsplätze verschwunden, sei es durch Rationalisierung, durch Auflösung oder Abgabe ganzer Geschäftsbereiche. "Nicht alle Umstrukturierungen in Holding-Bereiche sind erfolgreich verlaufen", warnte bereits Leopold Abraham als Vorsitzender des Zentralbetriebsrates. Zur Erinnerung: Bereits bei der Verselbstständigung des Erdgas-Bereichs war Feuer am Dach. Hier musste die Belegschaft zu Recht befürchten, dass die Ausgliederung lediglich der erste Schritt zur Übernahme durch einen der großen ausländischen Energie-Konzerne darstellen könnte, die damals wie heute auf den österreichischen Markt drängen. Damit würde dem OMV-Konzern die "cash-cow" - also die ergiebigste Einnahmequelle - verloren gehen, wurde befürchtet. Als negatives Beispiel, auch bei den Folgen für die Belegschaft, hatte man damals das Aufgehen der Petrochemie im spanischen REPSOL-Konzern vor Augen. Sogar eine Sitzung des Aufsichtsrats wurde von den empörten Betriebsräten gestürmt und in eine Besetzung umfunktioniert. Bedenken der Betriebsräte So wird auch die jetzige geplante Umstrukturierung "nicht ohne Skepsis" betrachtet. "Das ist ein sehr weitreichender Schritt", erklärte Leopold Abraham nach der Präsentation der Pläne der Konzernleitung. Die Belegschaftsvertreter würden die Entwicklung insbesondere bei Löhnen und Gehältern "sehr genau beobachten". Auch bei künftigen Zukäufen könnte Sorge angebracht sein. Schlimmstenfalls werde sich die Belegschaft "dementsprechend wehren". Diese Sorge - insbesondere bei Löhnen und Gehältern - ist durchaus angebracht, wie auch die letzten Kollektivvertragsverhandlungen gezeigt haben. Nicht zu Unrecht galten schließlich die Beschäftigten der Erdölindustrie früher einmal als beispielgebend bei der Durchsetzung neuer Lohn- und sozialrechtlicher Errungenschaften, die dann auch für andere Branchen maßgebend wurden. Damit ist es jetzt - nicht zuletzt verbunden mit der Teilprivatisierung der OMV - offensichtlich vorbei. Bei der letzten Lohnrunde schieden nun überhaupt - bis auf die oberösterreichische Rohölaufsuchungsgesellschaft (RAG) und die OMV - alle Betriebe aus dem für die Beschäftigten vergleichsweise doch recht vorteilhaften Erdöl-Kollektivvertrag aus. Ab 1. April 2003 gilt nun auch für alle neu eingestellten Beschäftigten der OMV ein neuer Kollektivvertrag, von dem die Konzernleitung recht angetan ist. "Dieser Kollektivvertrag ist für uns etwas günstiger und sichert langfristig die Wettbewerbsfähigkeit", meinte etwa Konzernchef Ruttenstorfer am Rande der letzten Aktionärsversammlung. Zugleich könne man künftig die Mitarbeiter leichter innerhalb der Gruppe versetzen ... Einschlägige Erfahrungen mit niedrigerer Entlohnung für neu eintretende Beschäftigte liegen ja leider schon aus einzelnen Betrieben mit entsprechend gestalteten innerbetrieblichen Lohnschemata vor. Hier wurde den Betriebsräten zunächst mit der Verlagerung der Produktion in billigere Lohnregionen gedroht und schließlich die Zustimmung zu den Kürzungen mit der Beibehaltung der nunmehrigen "Besserstellung" für die Stammbelegschaft schmackhaft gemacht. So wurden zwar die allfälligen Proteste geschickt abgebogen ("für euch ändert sich ja nichts ...") und die Wiederwahl gesichert, über kurz oder lang führte aber die unterschiedliche Bezahlung für die gleiche Arbeit zu nicht unbeträchtlichen Konflikten ... Besorgniserregend ist auch das ausgesprochene Ziel der OMV-Konzernherren, mit der geplanten Umstrukturierung nicht nur "die Schlagkraft zu erhöhen", sondern auch "flexibel auf äußere Ereignisse reagieren zu können". Das bedeutet schließlich nichts anderes, als letztlich den Weg für spartenbezogene Partnerschaften ebnen zu wollen, vor denen der Betriebsrat bereits mit dem Beispiel der Repsol gewarnt hat. Die von diesem ebenfalls angesprochene Bereitschaft, sich schlimmstenfalls "dementsprechend zu wehren" ist also mehr als angebracht. Kernaktionäre vor Verlust der Mehrheit? Dies alles findet vor dem Hintergrund eines von der blau-schwarzen Bundesregierung erklärter Maßen angepeilten Ausverkaufs auch der letzten Staatsbeteiligungen an einschlägigen Schlüssel-lndustrien statt. Aus Eigenmitteln kann die OMV derzeit kaum mehr als eine Milliarde Euro im Jahr für entsprechende Investitionen erübrigen. Das hat nicht zuletzt auch die Investmentbank Goldman Sachs zu der Warnung veranlasst, die "aggressive" Expansions- und Akquisitionsstrategie des Unternehmens berge Risiken, die sich in weiter sinkenden Ertragsraten widerspiegeln könnten. Dazu hält Konzernchef Ruttenstorfer lakonisch fest: "Wir akzeptieren, dass der Staat kein Geld mehr in die OMV stecken will, sondern sich verdünnt ..." Dieses "verdünnisieren" könnte natürlich mit höchst unerfreulichen Konsequenzen verbunden sein. Ganz besonders in der Erdölindustrie haben alle Unternehmen der Region Zentral- und Osteuropa eines gemeinsam: Entweder bündeln sie ihre Kräfte oder ihnen droht früher oder später die Übernahme durch einen internationalen Multi. Deshalb geht es auch für die OMV ums Überleben, dass sie nicht gegenüber der ungarischen MOL in Rückstand gerät, wenn es nach deren Übernahme der slowakischen Slovnaft etwa um die kroatische INA geht. Mangels Rückhalt des staatlichen Haupteigentümers könnte für eine dadurch nötige Expansion aus eigener Kraft aber in nicht allzu ferner Zukunft auch eine Kapitalerhöhung notwendig werden, auch wenn diese bis 2005 noch nicht aktuell sein soll. Dann aber wäre mit einem Beschluss des Aufsichtsrats zu rechnen, das Grundkapital in der Höhe von 27 Millionen um acht Millionen aufzustocken. Die miteinander verbundenen Anteile der heimischen ÖIAG und dem Abu-Dhabi Partnerunternehmen IPIC gehört zwar derzeit noch mit 54 Prozent der Anteile die Mehrheit an der OMV, ziehen sie aber bei einer solchen Kapitalerhöhung nicht mit, würden diese Kernaktionäre mit 42 Prozent der Anteile in die Minderheit geraten. Auf die Dauer kann man also nicht darauf hoffen, dass die staatseigene IPIC aus Abu Dhabi der eben nicht mehr so staatseigenen OMV als Schutzschild gegenüber einer Bundesregierung dient, die gezielte Kindesweglegung betreibt.