Verkehrte Welt

 

Von Lutz HOLZINGER.

Im Mittelalter hatte die Karnevalisierung der Welt die Funktion, diein einem

strikt reglementierten Alltag eingespannten Untertanen bei derStange der

feudalen geistlichen und weltlichen Herren zu halten. Zu dem

Zweck wurde an rund einem Drittel der Tage im Jahr gefeiert, um so etwas wie

verkehrte Welt zu spielen und die sozialen Rangordnungen auf den Kopf zu

stellen. Aus der Zeit stammt etwa der Brauch, dass der Papst noch heute

alljährlich vor Ostern zehn (oder waren es zwölf?) Bettlern die Füße

wäscht.

 

Spätestens seit der endgültigen Implosion dessen, was wir einmal realer

Sozialismus genannt haben, findet eine Umwertung aller Werte in dem Sinn

statt, dass einmal erreichte soziale Standards durchwegs wieder in Frage

gestellt werden. In dem Zusammenhang scheint der Topos der verkehrten Welt

fröhliche Urständ zu feiern. Neuerdings aber in einer ganz anderen als der

ursprünglichen Bedeutung. Und zwar funktioniert die Karnevalisierung neuen

Typs nicht mehr von unten gegen oben; vielmehr beginnen nun etwa die

Regierungen die Staatsbürger - und nicht umgekehrt, wie das zum Fasching

passt - immer konsequenter zu verarschen.

 

Ein Musterbeispiel für diesen Prozess war das Sommertheater zum Thema

Steuerreform. In dem Rahmen legte die FPÖ sich dramatisch ins Zeug, um der

ÖVP geringfügige Zugeständnisse für eine Vorleistung auf dem Gebiet im

nächsten Jahr abzuringen. Vorläufig zeigten die Schwarzen den Blauen in dem

Punkt die kalte Schulter. Das ganze Schattenboxen dürfte in letzter

Konsequenz vor allem die Funktion gehabt haben, darüber hinweg zu täuschen,

dass es beiden Koalitionspartner vor allem um die Senkung des

Spitzensteuersatzes geht. Bei diesem für 2005 vorgesehenen Schritt schaut

für die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen nur eine Nasenrammel

heraus. Ganz zu schweigen von der Senkung der Körperschaftsteuer für die

Großfirmen, die von Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer verlangt

wird.

 

Die Welt auf den Kopf gestellt sehen bzw. sich verarscht vorkommen, sind

Zustände, in die man sich auch bei weiteren Praktiken der Regierenden im

In- und Ausland versetzt fühlt. Das trifft etwa auf den von Sozialdemokraten

ebenso wie von Christdemokraten geschätzten Plan zu, die Arbeitslosigkeit

dadurch zu bekämpfen, dass man den Arbeitslosen die Versicherungsleistungen

wegnimmt, für die sie eingezahlt haben. Kürzungen des Arbeitslosengeldes

und der Notstandshilfe bzw. "Aussteuerung" der Betroffenen und Zuweisung ans

Sozialamt sind Strategien, die sich nicht nur schwarz-blaue, sondern auch

rot-grüne Regierungen von "Experten" einflüstern lassen. Dazu kommt die ­

ebenfalls von "Fachleuten" geschürte ­ Bereitschaft sämtlicher etablierter

Parteien, die Sozialsysteme durch die Verlängerung der Lebensarbeitszeit zu

sanieren. Tatsächlich würde eine radikale Verkürzung der Wochenarbeitszeit

in Kombination mit einer Wertschöpfungsabgabe die rundum beklagten Probleme

in den Bereichen Pensionen, Gesundheit und Armut schlagartig lösen. Nur

traut sich wieder kein Schwein!

 

"Experten" sind wie nahezu alle anderen "Intellektuellen" eine seltsame

gesellschaftliche Schicht: Sie sind eine Art menschliches Chamäleon, das

seine Farbe je nach Stärkeverhältnissen in den Regierungen und Denkmoden in

der westlichen Hemisphäre wechselt. Man braucht sich nur anzuhören, was

manche Sozial-"Experten" zu verkünden haben, um regelmäßig ins Fernsehen und

die Tageszeitungen zu kommen. Darüber hinaus konnte man nach 1968 hoffen,

dass in Kreisen der Kunstschaffenden der Genie-Kult endgültig den Bach

hinunter gegangen ist. Neuerdings schrecken selbst ehedem vermeintlich in der

Wolle gefärbte Linke nicht davor zurück, mit dem Begriff wieder herum zu

werfen.

 

Diese Beispiele, die nahezu beliebig zu vermehren sind, unterstreichen, dass

heutzutage nicht verkehrte Welt gespielt wird, sondern wir in einer

verkehrten Welt leben. Leider fehlt es im Moment an einer geeigneten

Strategie und Taktik, sie wieder vom Kopf auf die Beine zu stellen.


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