
Wie entsteht Reichtum?
Von Hubert SCHMIEDBAUER. Der <Trend>(Nr. 7-8/2003) bietet mit seiner Darstellung der 100 vermögendsten ÖsterreicherInnen Anlass, sich Gedanken über die Entstehung von "Reichtum" – besser: die Anhäufung von Geldvermögen - zu machen. Ein tüchtiger Fachmann kauft "auf Pump" das Werk Berndorf - damals ein Teil der verstaatlichten AMAG - strukturiert um, produziert heute mit 1.750 Beschäftigten nicht mehr die ursprüngliche Palette, sondern neue Produkte. Er spekulierte auch mit anderen Beteiligungen, kaufte eine Betriebssparte aus dem verstaatlichten Schoeller-Bleckmann-Konzern um 6,5 Mio Euro, die heute 115 Mio Euro Börsenwert hat. "So macht Privatisieren Spaß!" kommentiert der <Trend>. 200 Mio Euro dürfte das Vermögen des Tüchtigen heute betragen. Frage: Was hätte der Tüchtige ohne die tüchtigen Facharbeiter, technischen Angestellten angefangen? Und war die Bewertung der gekauften Unternehmen "in der Zeit der Privatisierungen um jeden Preis" (<Trend>) korrekt? Schließlich: Es wird als völlig selbstverständlich angesehen, dass ein (tüchtiger) Manager aus der Arbeitsleistung "seiner" MitarbeiterInnen innerhalb weniger Jahre 200 Mio Euro Privatvermögen an sich zieht. Viele Wege in dieselbe Richtung Der Mann mit dem größten Vermögen in Österreich ist ein deutscher Steuerflüchtling – 5.900 Millionen Euro hat der Nachfahre des Waffenproduzenten Friedrich Flick, der unter der Nazi-Kriegsrüstung Hochkonjunktur hatte und Zusatzprofite aus der Beschäftigung von KZ-Häftlingen und ausländischen Zwangsarbeitern schöpfte. Sein Junior Friedrich-Karl, jetzt schon 76, wird das Vermögen den Kindern vererben - ein Zwillingspaar ist erst vier. Durch den Handel mit Konsumgütern werden Milliardenvermögen angehäuft, wie die Familie Meinl, der Billa-Gründer Karl Wlaschek (2.900 Mio Euro) oder Hans Reisch (Spar AG, 600 Millionen) beweisen. Ein Marketing-Chef von Blendax hat ein paar Millionen "verdient", um damit die Produktion eines Modegetränks zu starten, das geschickt beworben wird - Dietrich Mateschitz (hätte es zu seiner Zeit Studiengebühren gegeben, wäre er vermutlich nie über ein paar seiner vielen Semester hinausgekommen) hat damit bisher ein Vermögen von etwa 1.000 Millionen Euro angehäuft. Mateschitz legt seine Profite gewinnbringend in volkswirtschaftlich so unentbehrliche Projekte wie den Salzburger "Hangar 7" oder den A-1-Ring an und lässt sich diese Investitionen zur Geldvermehrung außerdem noch mit dutzenden Millionen aus Steuermitteln sponsern ... Preisfrage: Wer sponsert in Wirklichkeit wen? Und die Bierbarone oder die Gründerfamilie der Shopping-City Süd - hat das nun etwas mit Handelsspannen und mit der Arbeitsleistung von tausenden "lieben MitarbeiterInnen" zu tun oder nicht? Und wer hat die Waren unter welchen Bedingungen produziert und unter welchen Bedingungen dürfen sie überhaupt in der jeweiligen Handelskette aufscheinen? Jede Handelskette ist eine weit verzweigte Profitkette. Ein kleiner Finanzhai Einer sei hier noch erwähnt: Mit Hilfe eines neuartigen Computerprogramms begann der junge Ex-Polizist Christian Baha auf den Finanzmärkten zu spekulieren und verwaltet zur Zeit mit seinem Quadriga-Fonds 700 Mio Euro Anlegergeld (von seinem Wohnsitz in Monaco aus). "Dass es jederzeit zu einem Totalverlust des investierten Gelds kommen kann und kaum ein Fonds auf Dauer zweistellige Jahresrenditen einfahren kann, stört die Anleger bisher wenig. Baha selbst verdient an der Gier der Anleger nicht schlecht", schreibt der <Trend> und gibt Bahas Vermögen mit 150 Mio Euro an. Der Finanz-Manager Baha ist ein Zwergerl im globalen Finanzdschungel. Aber er ist ein Beispiel dafür, wie hohe Erträge aus der produktiven Wertschöpfung abgesaugt und von den Staatshaushalten unbehelligt verteilt werden, um letztlich wieder als zweistellige Renditen suchende Investitionen den Kreislauf fortzusetzen. Willkürlich "sponsert" ein solcher Wohltäter dann Pasching (Fußball), die Kapfenberger Basketballer und die Black Wings (Eishockey), um einer Hand voll Spitzensportlern und Managern privilegierte Einkommen zuzuschieben. Das Phänomen des modernen Gladiatorensports ist nur unter der Narrenfreiheit für das Kapital denkbar. In der Menge der SuperprofiteurInnen (wobei Österreich in der Weltrangliste kaum aufscheint) findet sich eine Reihe UnternehmerInnen aus den verschiedensten Branchen, sogar einige Mini-Multis. Sie alle haben mindestens 100 Mio Euro an Vermögen zusammengescharrt, woran sie abermals (arbeitslos) verdienen und für deren Privilegien sich die Regierungen zerreißen. "Bedenklich, wie mit Investoren wie Frank Stronach umgegangen wird ...!" klagte der 100 Mio Euro schwere Pharma-Unternehmer und Unternehmerminister Martin Bartenstein kürzlich, "... wo er doch bei der Auswahl von führenden Mitarbeitern auf einst hochrangige Vertreter der Sozialdemokratie zurückgegriffen hat: Vranitzky, Streicher und Rudas." Stronachs Vermögen (er kassiert als "Pensionist" jährlich weitere dutzende Millionen aus seinen Konzernbetrieben) wird mit 1.100 Mio Euro genannt. Geschäfte am Bau Und doch: In der Gesamtwertschöpfung Österreichs und deren ungerechter Verteilung ist die <Trend>-Aufzählung nur die anschauliche Spitze eines Eisbergs ... Als Spitze des Eisbergs sei noch ein Beispiel angeführt: Allein drei von der "Schnellen Eingreiftruppe" beobachtete Baufirmen haben seit April durch illegale Beschäftigung 263.700 Euro an Sozialbetrug begangen. Wohlgemerkt: Nur die vorenthaltenen Abgaben sind der Tatbestand, nicht die Profite aus Lohndumping und anderen vorenthaltenen Ansprüchen! Soviel zur Rentabilität der Schwarzbeschäftigung. Auch die wissenschaftliche Kostenrechnung dürfte den vorenthaltenen Lohnanteil gar nicht miteinbeziehen, und sie kommt zu folgendem Ergebnis: Das Gesamtvolumen der organisierten Schwarzbeschäftigung beim Bau, im Gastgewerbe usw. (nicht die Nachbarschaftshilfe beim Häuslbauen, wohl aber wird der "haushaltsnahe Bereich" wie Nachhilfestunden, Putzen usw. dazugerechnet!) wird auf 22,5 Milliarden Euro allein in diesem Jahr geschätzt. Österreich liegt in der OECD-Statistik mit 10,7 Prozent des BIP knapp vor der Schweiz und den USA an drittletzter Stelle. Griechenland und Italien mit 28,5 bzw. 27 Prozent bilden die Spitze, der OECD-Durchschnitt beträgt 16,7 Prozent. Noch ein Beispiel: Um 360 Mio Euro wurde die Wiener Millennium-City mit ihrem mehr als 200 m hohen Büroturm verkauft - den Bauherrn Georg Stumpf hat die Errichtung vor ein paar Jahren 150 Mio Euro gekostet. Käufer ist eine deutsche Fondsgesellschaft. Aus der Vermietung der Büro- und Geschäftsflächen hofft man innerhalb weniger Jahre das Kapital abermals zu verdoppeln. Fonds – darin sind zum Teil die als Pensionsvorsorge eingezahlten Beiträge enthalten. Welche Interessen stoßen da aufeinander? Eines bleibt gewiss: Die Fonds-Manager und etliche andere Mitesser stoßen sich mehr als gesund daran.