
Der Fall Semperit
Nach der Zerschlagung der verstaatlichten Industrie in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre beschäftigte kein österreichischer Industriebetrieb die Öffentlichkeit mehr als die endgültige Schließung des Semperit-Reifenwerks in Traiskirchen durch den deutschen Continental-Konzern. Von Michael GRABER. Neben den unmittelbaren Auswirkungen auf Arbeitsplätze, regionale Kaufkraft und Zulieferbetriebe war klar, dass es sich beim Zusperren des Semperit-Werks auch um einen für die österreichische Industrie- und Wirtschaftspolitik höchst symbolischen Akt handelte. Alle Entwicklungen und Versäumnisse, Hoffnungen und Illusionen der letzten Jahrzehnte, aber auch die Veränderungen in der Politik spiegelten sich in diesem Vorgang. Es ist daher verdienstvoll, dass der "Volkstimme"-Journalist Manfred Bauer und die ehemaligen Betriebsrätsobmänner Artmäuer (Arbeiter) und Ing. Böheimer (Angestellte) nicht nur den letzten Akt dieses industriepolitischen Dramas, sondern auch die jahrzehntelangen Erfahrungen des Kampfes um die Erhaltung eines der ehemals größten österreichischen Industriekonzerne aufgearbeitet haben. Diese gemeinsame Arbeit der drei Autoren ist vor wenigen Wochen im ÖGB-Verlag erschienen. Als Wirtschaftssprecher der KPÖ in den neunziger Jahren und Mitarbeiter der wirtschaftspolitischen Abteilung dieser Partei in den siebziger Jahren habe ich viele der in dem Buch aufgearbeiteten Entwicklungen nicht nur erlebt, sondern wie auch viele andere im Rahmen des Gewerkschaftlichen Linksblocks (GLB) beim Versuch mitgeholfen, auf die industrie- und wirtschaftspolitischen Weichenstellungen Einfluss zu nehmen, die sich so verhängnisvoll - nicht nur bei Semperit - auswirkten. Sicher, unser Einfluss auf das Geschehen blieb marginal. Trotzdem ist es eine gewisse Genugtuung für alle, die damals gegen sozialpartnerschaftliches Denken und Handeln in der Gewerkschaft, aber auch im Semperit-Betriebsrat angekämpft haben, dass heute von den Betriebsräten als Schlussfolgerung formuliert wird, was lange Jahre Warnungen und Kritik nur des GLB und der KPÖ waren. So heißt es etwa in der gemeinsamen Einleitung der Autoren: "Dieser Nachruf auf Semperit erfolgt auf dem Hintergrund des eklatanten Versagens österreichischer Industrie-, Standort- und Arbeitsmarktpolitik, die sich nicht erst seit drei Jahren (gemeint ist die schwarz-blaue Regierung, M.G.) der neoliberalen Orientierung verschrieben hat. Einer Orientierung, die darauf hinausläuft, dem Profit den absoluten Vorzug vor den Interessen der Arbeitnehmer, ja aller Menschen einzuräumen; die den Shareholder-Value höher bewertet als den Human Value; die der Strategie vor allem der transnational operierenden Unternehmen, die menschliche Arbeitskraft mehr und mehr auszuzehren, auf politischer Ebene mit einer Auszehrung der Sozialstaatlichkeit assistiert. Semperit steht in diesem Buch als Beispiel für die vielen Tausenden von Unternehmen und die Abertausenden von damit verknüpften Menschenschicksalen, die gleiche oder ähnliche Erfahrungen machen mussten oder noch machen werden." Dem Buch liegt, so die Autoren, die These zugrunde, dass der Niedergang Semperits bereits in der Nachkriegszeit seinen Ursprung hat, als bei Semperit die damals größte (verstaatlichte) Bank, die CA, als Eigentümerin das Sagen hatte. Das heiße jedoch nicht, dass auch zum Zeitpunkt der Conti-Führerschaft Semperit nicht hätte gerettet werden können – "allerdings nur unter der Bedingung einer österreichischen Industrie- und Standortpolitik, die sich nicht aus ihrer Verantwortung für heimische Unternehmen und ihre Beschäftigten verabschiedet." Der ehemalige Angestellten-Betriebsrat Böheimer geht in seinem Resümee noch weiter: Denn angesichts der unmittelbar drohenden Schließung des Werks, als der Betriebsrat selbst auf Eigentümersuche ging, "mussten wir nach kurzer Zeit feststellen, dass das Kapital zuweilen solidarischer ist als wir Arbeitnehmer, denn alle potenten Partner ließen uns bald wissen, dass sie kein Interesse hätten." Das Buch widmet der Industriegeschichte des Semperitkonzerns vor und nach dem 2. Weltkrieg mehrere Kapitel. Besonders wird entsprechend der eingangs formulierten These auf die Entwicklung nach 1955 eingegangen, als die CA den Konzern lenkte und dieser über 12.000 Menschen beschäftigte. Für die "Industriepolitik" der CA, die sich trotz ihrer Verstaatlichung als Hort des Privatkapitals in Österreich verstand, wird der ehemalige Vorstand Treichl zitiert: "Dividenden können niemals den Zinsertrag aus der Kreditgewährung erreichen, weil die Basis der Auschüttung nur ein kleiner Teil der Eigenmittel ist. In einem Land, das dem Gewinn so wenig Verständnis entgegenbringt wie Österreich, kann man keine Dividenden ausschütten lassen, die eine entsprechende Rentabilität des eingesetzten Kapitals bringen." So hielt die Bank als Eigentümerin die Eigenmittel des Konzerns trotz seines Wachstums bis in die siebziger Jahre gering und als Hausbank die Kreditbelastung hoch. Als die ersten Krisenerscheinungen auf dem europäischen Reifenmarkt zu spüren waren, sah die Bank und die offizielle Wirtschaftspolitik nur den Anschluss an ausländische Konzerne als Ausweg. Zuerst ging man das Abenteuer mit Michelin ein (1973 bis 1979) und nach der blutigen Nase, die man sich dabei holte, zerstückelte man den Konzern (1983) und verkaufte die Reifensparte mit einem nagelneuen Werk schließlich an den Continental-Konzern, der schon vor dem Krieg bei Semperit mitgemischt hatte (1985). Das alles lief unter sozialdemokratischen Allein- und Mehrheitsregierungen, bzw. unter sozialdemokratischen Finanzministern und sogar sozialdemokratischen CA-Direktoren. Selbstkritisches bleibt daher auch in den Darstellungen der Betriebsräte, die ja ebenfalls der sozialdemokratischen Fraktion angehörten, nicht unausgesprochen. Immer wieder gelang es den Verantwortlichen trotz großer Opfer der Belegschaft Illusionen zu nähren. Das galt insbesondere für die zehnjährige "Standortgarantie" die Conti bei der Übernahme von Semperit abgab. Im elften Jahr nach der Übernahme, 1996, begann der entschlossene "Rückbau" des Semperitwerks und die Gefahr der völligen Schließung. "Rückblickend muss eingeräumt werden", so der ehemalige Arbeiterbetriebrat Alfred Artmäuer zum Vorwurf einiger Medien 'sture Gewerkschaftsschädel' gewesen zu sein, "dass wir in manchen Fragen vielleicht zu wenig stur waren". Wichtig ist in der Darstellung des Buches die entscheidende Rolle, die die Forschungs- und Entwicklungsabteilung in den jeweiligen "Lösungen" spielte. Die Aushöhlung oder Liquidation der Forschung war jeweils das Vorspiel für die Durchsetzung der wahren Absichten der ausländischen Konzernzentralen. Betriebsräte, die das rechtzeitig durchschauten, wie etwa der GLB-Betriebrat Ernst Zehetbauer in den siebziger und achtziger Jahren, wurden gemobbt und letztlich aus dem Unternehmen entfernt, was leider im Kapitel über den Widerstand bei Semperit nicht erwähnt wird. Erinnert wird aber an den erfolgreichen "wilden Streik" der Reifenwickler Anfang der siebziger Jahre, der von den GLB-Betriebräten ausging. Es konnte damals unter Vorwegnahme der Einführung der 40-Stundenwoche ein arbeitsfreies Wochenende erkämpft werden. 1978 gab es einen "offiziellen" Streik der Reifenwickler zur Durchsetzung von Lohnforderungen, die im Zusammenhang mit Rationalisierungsmaßnahmen standen. Diese kämpferische Tradition in der Belegschaft hat sich am Ende leider nicht durchgesetzt. Kämpferische Betriebsräte wurden in der Vergangenheit bei Semperit (und nicht nur dort) rasch aufs Abstellgleis gestellt, auch wenn sie nicht dem GLB angehörten. Der Beginn des Endes von Semperit fiel auch mit dem EU-Beitritt Österreichs zusammen. Der jahrelange Vertrag mit den japanischen Importeuren über die Erstausstattung der in Österreich verkauften Autos wurde gegenstandslos. Ein willkommenes Argument für den Conti-Konzern gegen die Pkw-Reifenproduktion in Österreich, die immerhin 30 Prozent des heimischen Marktes abdeckte. Bei Lkw-Reifen waren es sogar 60 Prozent. Für Conti hat sich, so rechnet das Buch vor, das "Engagement" auf jeden Fall gelohnt. Semperit wurde um 440 Millionen Schilling erworben. Damit wurden auch Eigenmittel des Unternehmens von 800 Millionen übernommen. Dazu kamen 1,2 Milliarden Schilling öffentliche Förderungen für das neue Reifenwerk, 2,34 Milliarden an in den Bilanzen ausgewiesener Reingewinn, 700 Millionen aus steuerlichen Begünstigungen durch Verlustvorträge und schließlich 860 Millionen Schilling aus dem Verkauf von Beteiligungen und Liegenschaften. Macht zusammen 5,46 Milliarden Schilling (inklusive des Kaufpreises als Abzug) oder das 12,4-fache des ursprünglichen "Investments". Die Pikanterie dabei ist, dass Semperit aus diesen Erträgen auch die Investitionen in Osteuropa bezahlen musste, die Conti als konzerninterne Billiglohnkonkurrenz aufbaute. Das Buch "Der Fall Semperit" wird ergänzt durch Exkurse über die Veränderungen in den wirtschafts- und gesellschaftsplitischen Rahmenbedingungen im gegenwärtigen Kapitalismus durch Globalisierung und Neoliberalismus, sowie durch Interviews mit Vertretern der Belegschaft, aber auch mit dem ehemaligen (und uneinsichtigen) Kanzler Vranitzky. Alfred Artmäuer, Manfred Bauer, Julius Böheimer: "Ohne jede Chance - Der Fall Semperit", 185 Seiten, ÖGB-Verlag 2003. Preis: 21,-- Euro.