
Nix wie Phönix aus der Asche ...
Ein Ausgleich wirds und kein Konkurs - das traditionsreiche Unternehmen "Ankerbrot" soll wieder einmal gerettet werden. Der deutsche Märchenprinz Hans Müller junior hat das verwunschene Prinzesslein, auf das sich der Wiener bekanntlich ebenso freut, wenn er vom Urlaub heimkommt, wie aufs gute Hochquellen-Wasser, nicht gerade erfolgreich wachküssen können. Im Gegenteil, seine Versprechen, jährlich 2,5 Millionen Euro zur noblichten Ausstattung der Braut rauszurücken, hat er schmählich gebrochen. Sein Unternehmen Müller-Brot, die größte Backwarenerzeugung Deutschlands, hatte nämlich von seiner Hausbank, der Hypo-Vereinsbank, dafür kein Geld bekommen und sieht sich nun gezwungen, die Verlobung aufzulösen. Von Heinz GRANZER. Der Herr, der statt seiner in die Bresche springt, heißt Klaus Ostendorf und soll mit seinen 200 bis 300 Euro-Millionen Rang 239 unter den reichsten Reichen Deutschlands belegen. Und dieser Niedersachse hat jetzt nicht nur den Herrn Müller bei Ankerbrot ausgestochen, sondern sich auch noch gleich dazu die Mehrheit bei Müller-Brot selbst gesichert! Klaus Ostendorf ist nämlich selbst vom Fach und war jahrzehntelang Manager und Mitgesellschafter der Großbäckerei Wendeln, dem einstmals größten Produzenten von Haltbar-Backwaren in Deutschland, wo 7.000 Beschäftigte einen Umsatz von zwei Milliarden D-Mark erzielten, bevor er an den Hauptkonkurrenten von Müller-Brot verkaufen konnte, den Kamps-Konzern, der inzwischen freilich wiederum dem italienischen Barilla-Konzern gehört ... Fressen und gefressen werden ist also ganz offensichtlich die Devise, und da muss nun doch befürchtet werden, dass die Beschäftigten bei Ankerbrot wieder einmal kräftig draufzahlen dürfen. Bereits im Februar hat es ja schon geheißen, dass ein Fünftel der Belegschaft nicht einmal die ausgehandelte bescheidene kollektivvertragliche Lohnerhöhung im Ausmaß von 1,8 Prozent ausbezahlt bekommen solle. Die Banken hatten sich zwar zu einem Aufschub der Kreditrückzahlungsrate bereit erklärt, das Geld für die Zinsen wollten sie freilich doch sehen und wurden wieder einmmal enttäuscht. In den letzten fünf Jahren seien doch über 70 Mio Euro investiert worden, grollte Hans Müller junior, und gerüchteweise war von einem fünfzehnprozentigen Personalabbau die Rede. Das Beratungsunternehmen "Trust Value Management Consult" riet zu einer Konzentration auf das Kerngeschäft im Großraum Wien. Bei der Konkurrenz rieb man sich schon die Hände. Die Großbäckerei Mann will im Herbst mit dem Bau einer neuen Fertigungsanlage in der Wiener Perfektastraße beginnen, mit der die Kapazität von derzeit 44 Filialen nahezu verdoppelt werden kann. Auch bei Ströck sollen die 40 derzeit bestehenden Filialen schon im September um sechs erweitert werden. Wurzel des Übels scheint freilich auch eine Entwicklung zu sein die Ankerbrot selbst mit eingeleitet hat, nämlich die Produktion von vorgefertigten "Teiglingen", die in den einzelnen Filialen der Supermarktketten selbst in eigenen Backöfen fertiggestellt werden können und so auch qualifiziertes Personal einspart. So erhöhte etwa der Mostviertler Familienbetrieb Haubenberger als BILLA-Lieferant die Produktion von Teiglingen von 200.000 Stück 1997 auf derzeit 500.000. Und so wie sich BILLA dergestalt mit "Ja ! Natürlich !"-Produkten eindecken kann, bekam Ankerbrot seine Teiglinge offensichtlich zu einem Gutteil direkt aus Bayern angeliefert, was weder Qualität nach Haltbarkeit förderlich gewesen sein soll. Waren einstmals die österreichischen Fachkräfte noch durchaus in der Lage, ihre bundesdeutschen Kollegen damit zu verblüffen, dass sie ihnen vorführten, dass sich Semmeln auch mit der Hand formen ließen, machte man jetzt deutsche Brötchen oder Semmeln nach "Müller-Art" mit mehr Teig. Täglich rollten von Anfang an zehn volle Lastzüge mit Backwaren aus Bayern nach Wien. Für Toastbrot, Laugengebäck und Kuchen durfte Ankerbrot tiefgekühlte Baguettes und Striezel liefern. Und Ankerbrot kam aus den roten Zahlen nicht heraus. Dabei wäre von der Größenordnung her nicht unbedingt Ankerbrot der logische Übernahmekandidat gewesen. Noch 1997 setzte Ankerbrot mit damals 3.000 Beschäftigten in 340 Filialen drei Millarden Schilling um, während Müller-Brot in lediglich 300 Filialen auf umgerechnet 2,8 Milliarden Umsatz kam, allerdings rund tausend Beschäftigte weniger aufwies. Dafür war bei Ankerbrot alles frischer ... Aber Müller bot auch sichere Arbeitsplätze: 1.400 Beschäftigte in den Brotfabriken, davon 1.200 in Wien wurden von Müller zugesagt. Ein Versprechen, das ebensowenig eingehalten wurde wie die jährlichen 2,5 Mio Euro Sanierungsbeitrag. Von rund 3.000 Beschäftigten und 370 Filialen sind 2.048 Beschäftigte und 201 Filialen mit 146,8 Mio Euro Umsatz übergeblieben. Rund 900 Belegschaftsangehörige sind jetzt vom Ausgleich der Fabrik, der Logistik und der Verwaltung betroffen ... "Der Skandal hat einen Namen - und der heißt Müller-Brot" - empören sich langjährig Beschäftigte. Der "Mann vom Fach", der jetzt nachfolgt, redet davon, dass nur etwa hundert Beschäftigte ihren Job verlieren werden. Er habe in seiner bisherigen Laufbahn schon 56 Backbetriebe übernommen, restrukturiert und erfolgreich in sein früheres Unternehmen integriert. "Die Mitarbeiter sind unser größtes Kapital" verspricht nun der deutsche Multimillionär. Trotz seiner Erfahrung mit Haltbarprodukten ist Vorsicht angebracht, Brot soll schließlich frisch und knusprig auf den Tisch kommen, sonst wird es rasch altbacken ...