Korruption in den Kliniken

Anna Shvedova ist Turnusärztin in einem Ambulatorium in Voronezh, Südrußland. Im Rahmen des Jugendcamps von Sozialistischer Widerstand International, an dem Anna teilnahm, hat Philipp Fleischmann mit ihr über die Situation im Gesundheitsbereich, die Arbeitsbedingungen und die Rolle der Gewerkschaften gesprochen.

Du arbeitest im Gesundheitswesen. Kannst du uns einen Überblick über die Situation geben?

In Rußland müssen die Medikamente von den PatientInnen selbst gekauft werden. Meistens ist das bestgeeignete Medikament gleichzeitig das teuerste, während billigere Medikamente oft stärkere Nebenwirkungen haben oder weniger Erfolg versprechend sind. Die PatientInnen kaufen trotzdem meistens das günstigste Medikament. Selbst zur Wundversorgung müssen wir die PatientInnen bitten, Faschen, Mullbinden etc selbst mitzubringen oder in Notfällen unsere Vorräte nachher wieder aufzufüllen. Obwohl noch keine umfassende Privatisierung geplant ist, eröffnen die Kliniken "kommerzielle Abteilungen" wo die selben ÄrztInnen arbeiten, für die – die weit bessere - Behandlung bezahlt werden muss.

Wie ist die Arbeits- und Einkommenssituation der ÄrztInnen?

Die Gehälter für ÄrztInnen liegen bei 70-300 Euro pro Monat, niedriger im staatlichen Bereich mit fixen Arbeitszeiten, höher im Privatbereich. Eine 1-Zimmer-Mietwohnung im Zentrum kostet ca. 100 Euro monatlich, eine am Stadtrand ungefähr 80 Euro. Diese Löhne sind für Rußland nicht außergewöhnlich, die der ÄrztInnen sind dabei aber kaum höher als die von PflegerInnen. Einziger Unterschied: ÄrztInnen bekommen oft Bestechungsgelder und Naturalzuwendungen. Die Korruption in den Kliniken ist ein grassierendes Problem. Manchmal werden PatientInnen regelrecht zum Zahlen gezwungen. Sehr viele PatientInnen bringen Alkohol oder Schokolade, PatientInnen vom Land oft Milch, Käse, Würstel etc. Dadurch ist der ÄrztInnenberuf beliebt und Posten sind nicht so leicht zu bekommen, während Krankenschwestern und Pfleger eher versuchen andere, besser bezahlte Jobs zu finden.

Wie sind die Beschäftigten im Gesundheitsbereich organisiert? Gibt es Gewerkschaften, Betriebsräte, Beispiele von Kämpfen für Verbesserungen?

Betriebsräte wie in Österreich gibt es nicht. Auch in der Gewerkschaft gibt es eine sehr undemokratische, stalinistische Tradition. Die Manager sind zum Beispiel auch Gewerkschaftsmitglieder. Im Gesundheitsbereich gibt es leider nur die eine traditionelle Gewerkschaft, die noch aus dem Stalinismus stammt, von diesen Traditionen geprägt ist und sich auf Serviceleistungen beschränkt. Sie verhandelt nicht einmal über Lohnerhöhungen. Die Lohnerhöhungen im Gesundheits- und Bildungsbereich passieren durch Gnadenakte des Präsidenten kurz vor den Wahlen. Lohnverhandlungen gibt es nicht.

Das Budget für den Bildungs- und Gesundheitsbereich ist winzig im Vergleich zu Heer und Ausgaben für den Krieg in Tschetschenien.

In anderen Bereichen hatten sich in den späten neunziger Jahren so genannte "Alternative Gewerkschaften" gebildet, die Streiks organisierten, Entlassungen nicht einfach unwidersprochen ließen und für höhere Löhne kämpften.

Kennst du da Beispiele?

In einer Flugzeugfabrik in meiner Region zum Beispiel, konnte eine solche Gewerkschaft einige ArbeiterInnen vor Entlassungen schützen. Die GewerkschaftsführerInnen wurden in dieser Zeit sogar von Unbekannten verprügelt, hielten aber stand.

Warum sprichst du über diese Alternativen Gewerkschaften in der Vergangenheit?

Vor kurzem ist das Arbeitsgesetz reformiert worden. Das alte Gesetz stammte noch aus der Sowjetunion und erlaubte die Gründung einer Gewerkschaft in einem Betrieb, wenn drei Prozent der Belegschaft sie unterstützten. Dann hatten sie das Recht, Stellenabbau zu verhindern, durften Streiks organisieren, über Kollektivverträge verhandeln etc.

Das neue Gesetz hat viele dieser Rechte beschnitten. Vor allem aber hat es die Hürde für die Bildung einer Gewerkschaft auf 50 Prozent hinaufgesetzt. Dadurch sind die "Alternativen Gewerkschaften", die leider noch relativ schwach und auf einzelne Betriebe, vor allem in traditionellen Sektoren wie der metallverarbeitenden Industrie beschränkt waren, illegalisiert.

In Österreich gibt es in vielen, vor allem neueren Branchen das Problem, dass überhaupt erst Betriebsräte und gewerkschaftliche Organisierung erkämpft werden müssen. Gibt es dafür in Rußland auch Beispiele?

Die Problematik besteht genauso. Gewerkschaften gibt es nur in den traditionelleren Sektoren. Konkreter Kampf fällt mir aber nur einer ein: Die Beschäftigten von McDonalds Moskau wollten eine Gewerkschaft gründen. Darüber gab’s eine monatelange Auseinandersetzung, die damit endete, dass die Beschäftigten, die das forderten, entlassen wurden.

Was sind die nächste Pläne in Bezug auf die Situation in den Gewerkschaften und im Gesundheitswesen?

Wir arbeiten in und mit einigen der "Alternativen Gewerkschaften" die auch nach der Verabschiedung des neuen Arbeitsgesetzes noch aktiv sind. Erst kürzlich haben wir uns an einer Solidaritätskampagne für den Hungerstreik der Beschäftigten der Fluggesellschaft "Syberia" beteiligt, die von "Alternativen GewerkschafterInnen" organisiert war. Im Gesundheits- und Bildungswesen besteht ein wichtiger Teil unserer Arbeit darin, mit den Beschäftigten darüber zu diskutieren, wie wichtig es ist, für ihre Rechte zu kämpfen und die Führung der offiziellen Gewerkschaften zu zwingen, für die Interessen der Basismitglieder einzutreten. Künftig wollen wir uns auch an Kampagnen gegen Privatisierungen im Gesundheitswesen beteiligen bzw. diese organisieren. Dabei wären Informationen über die Situation in Österreich und natürlich Solidaritätsbotschaften oder sogar synchron laufende Aktivitäten sehr nützlich.

Danke für das Gespräch

Weitere Informationen bzw. den Kontakt zu Anna könnt ihr über swi@slp.at finden.


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