
Rezension von Helmedag, Fritz: Warenproduktion mittels Arbeit
Deborah H. Vietor-Engländer/Eckart Früh/Ursula Seeber Nebenglück. Ausgewählte Erzählungen und Feuilletons aus dem Exil von Hermynia Zur Mühlen. Peter Lang-Verlag, Bern 2002, 279 Seiten, Preis: 51,--Euro Ungeachtet ihrer Rezeption in der DDR in den siebziger Jahren und einzelner Buchveröffentlichungen in Österreich ab Mitte der neunziger Jahre (etwa im Promedia-Verlag, Wien) ist Hermynia Zur Mühlen eine heute weitgehend vergessene Autorin. Mit "Nebenglück" wird eine repräsentative Auswahl ihrer kurzen Texte vorgelegt, darunter die erstmals 1944 in London veröffentlichten "Kleinen Geschichten von großen Dichtern" und sechs ähnliche Miniaturen über englische Dichter wie Jane Austen, Charlotte Bronte oder Oliver Goldsmith. Den Abschluss bildet eine ausführliche Bibliographie der Veröffentlichungen von und über Hermynia Zur Mühlen in österreichischen Medien. Hermynia Zur Mühlen neigte in fast allen Werken zur Schwarz-Weiß-Technik, für sie realisiert sich Gut und Böse auf eine sehr vereinfachte Weise. Sie war sich, wie in "Ende und Anfang" beschrieben, bewusst, dass sie die Vorurteile, die ihr in der Kindheit eingeprägt worden waren, nicht loswurde. In ihren Exilwerken kommen ihre kindlichen Vorurteile noch einmal zum Vorschein, die Bürgerlichen treten oft als Mitläufer und Täter auf. In ihren politischen Geschichten neigt sie besonders bei Arbeitern und Kindern zur Schönfärberei, so zum Beispiel in der Gruppe von Geschichten um die befreundeten Familien Kaiser (arisch) und Reich (jüdisch), ein sehr bewusstes Namenswortspiel ihrerseits. Als das kleine jüdische Mädchen Minchen Reich krank wird, weil es nicht an die frische Luft kommt, ist es in "Der Ausflug" der einfache Bierkutscher, der das Judenkind gesund machen will. "Ich kann nicht im Garten sitzen (...) weil die Kinder mit Steinen nach mir werfen und mich beschimpfen (...) Juden dürfen nicht mehr in die Parks gehen. Sie dürfen auch nicht mehr auf den Straßenbänken sitzen." Er fährt das Kind zum Friedhof, wo es keine Angst vor den Leuten hat, denn sie sind tot und tun ihr nichts, Angst hat sie nur vor den Lebenden. In den beiden Erzählungen "Wien 12. März 1938" und "Das Vaterunser", die Schlüsselerzählungen für den empörten Protest von Hermynia Zur Mühlen gegen den Antisemitismus sind, sind die Gottesstätten der Eltern der einzige Unterschied für die Kinder. "Annerl und sie hatten zusammen den Kindergarten besucht, gingen zusammen in die Schule, verbrachten auch den ganzen Sonntagnachmittag zusammen. Nur den Vormittag nicht, da musste Annerl in die Kirche gehen, zusammen mit der Mutter, und diese Kirche war für Minnerl fremd, ja sogar unheimlich. Ihre Eltern gingen in den Tempel. Sonst gab es in Minnerls Augen keinen Unterschied zwischen den beiden Familien". Die Kinder haben den klaren, unvoreingenommenen Blick, für Minnerl ist es ein Schock, als Annerls Bruder Alois, der Hitlerjunge, sie aus dem Haus treibt, als sie zum Geburtstag gratulieren will, und sie "verfluchter Judenbalg" nennt. Wieder ist es der einfache Mann, der Mann der Wäscherin, der ihr hilft und sie nach Hause bringt, obwohl die Burschen ihm "Judenknecht" nachschreien. Ähnlich geht Zur Mühlen in "Man muss es ihnen sagen" vor. Die Kinder sind die Wahrheitskünder mit einem Gespür für Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Die kleine Nina erlebt in den Sommerferien in der Slowakei, wie vier große Buben ein jüdisches Kind verprügeln und niemand, auch ihre Eltern und der Pfarrer, etwas gegen das Unrecht tun will. In "Der Angeklagte lächelt" (1934) ist es ein zehnjähriges Mädchen mit dem gleichen Lächelns wie der unschuldige Angeklagte, der zum Tode verurteilt wird, das den Staatsanwalt an seinen eigenen Verrat erinnert: "Und nun erkannte der Staatsanwalt: weder er noch die neuen Herren würden jemals dieses Lächeln auslöschen können, das seinen, ihren Untergang bedeutete: das unbesiegliche Lächeln der Zukunft". Hier sind starke Anklänge an "Unsere Töchter die Nazinen" zu spüren. Außer den Geschichten um die Reichs und die Kaisers dokumentieren auch andere von den HerausgeberInnen ausgewählte Erzählungen Hermynia Zur Mühlens die politische Realität vor 1938. "Der Held" wird von seiner Frau verprügelt und darf als Nazi Wehrlose verprügeln. In "Der Maulkorb" (1938) ist es ihrem üblichen Muster entsprechend ein einfacher Mann, der gegen die Misshandlung der Juden protestiert ("Was sie da mit den Juden treiben, ist auch eine Schweinerei. Man haut nicht auf Wehrlose ein.") Er weigert sich, sich einen guten Österreicher zu nennen: "Sie haben schon einige erschlagen, weil sie gute Österreicher waren (..) Ist das eine Welt!". Er verlangt einen gefütterten Maulkorb für sich, der keinen Laut durchlässt, um nichts zu sagen, was ihn nach Dachau bringen könnte. Renate hingegen ("Zwischen zwei Zigaretten") ist eine für Hermynia Zur Mühlen typische Vertreterin der bürgerlichen Mitläufer, die sich sofort nach der Machtübernahme an den Nationalsozialismus anpasst und Goebbels zum Tee empfängt. Als ihr Geliebter, der sie für einen guten Menschen hält, von Schutzhaft und KZ spricht, reagiert sie verständnislos, sie will nach Venedig an den Lido. Er verlässt sie, entsetzt, sie empfindet sich daraufhin als "Opfer der österreichischen Politik". In "Pferde-Mobilisierung", einer Skizze aus den Septembertagen 1938, sind es die einfachen Bauern, die fragen, wie es möglich ist, dass es auf dieser Welt ein Volk gibt, das Krieg will. "Gibt es denn nicht auch drüben über der Grenze, auf der deutschen Seite ... nicht auch aufblühende Städte, nicht dazu erbaut, um von Bomben vernichtet zu werden? Gibt es denn dort drüben nicht auch ein Volk, das den Frieden will?" In einer wichtigen Erzählung, die sie im Jänner 1939 in der nur kurz in Paris erschienenen Zeitschrift "Österreichische Post" publiziert, dokumentierte sie einmal mehr ihre kritische Einstellung zum Katholizismus: "Afrikanische Legende" transponiert die Geschichte eines verräterischen Bischofs, der sich das heidnische Zeichen des Feindes ansteckt (das Hakenkreuz ist gemeint), nach Afrika. So wie sie es auch in dem in dieser Phase entstandenen Roman "Als der Fremde kam" ausdrückte, der Pfarrer von Sokolovce, der in "glänzend hohen Stiefeln" die Nazis unterstützt. Wer verrät, ist auf ewig verflucht, ob er Pfarrer oder Bischof ist, heißt es in der "Afrikanischen Legende". Eine ihrer ergreifendsten Erzählungen über Exil und Antisemitismus veröffentlichte sie im August 1939: "Ständiger Wohnsitz". Die glücklichen Menschen im Pariser Hotel haben alle einen ständigen Wohnsitz, sagt die alte Dame, sie habe als Jüdin ihre Lebensberechtigung in dem Land verloren, in dem ihre Familie seit vielen Generationen gelebt hatte. "Um mich herum entstand ein luftleerer Raum (...) Mir hat man zum zweitenmal meinen ständigen W