
3.000 Jahre Erfahrung für "eine andere Welt"
"Eine andere Welt ist möglich" - unter dieser Losung bewegen sich heute Millionen Menschen. Die Welt, in der wir leben, ist nicht in Ordnung. Seit Jahrtausenden entwickelt sich die Geschichte der Menschheit aus den Widersprüchen innerhalb der bestehenden Gesellschaften und in allen Zeitaltern suchten die besten Köpfe der verschiedensten Völker nach den Ursachen von Unrecht, Not, Kriegen. Die große Mehrheit der Menschen hatte stets zu leiden - im Gegensatz zu den Minderheiten an Nutznießern der jeweiligen Systeme. Eine gemeinsame Erkenntnis zieht sich durch die Jahrtausende: Die Wurzel der Übel liegt im Privateigentum an Produktionsmitteln. Daher wurde der Ausweg jeweils in einer gemeinsamen, gleichberechtigten Produktion und Verteilung der Güter gesucht, in der jeder der "socius" (lat. Geselle, Genosse) des anderen ist und die Gesellschaft daher eine genossenschaftlich, "sozialistisch" organisierte sein solle. Ein anderer Begriff kommt vom lateinischen "communis" (gemeinsam), heute bei uns als "kommunale Verwaltung" oder in Frankreich als "commune" (Gemeinde) bekannt; kommunistisch: gemeinschaftlich. Wenn wir uns mit dem Satz "Eine andere Welt ist möglich" identifizieren, ist es nützlich, aus der reichen Erfahrung vergangener Kämpfe zu schöpfen, aus Erfolgen und Niederlagen zu lernen. "Soziale Utopien und utopischer Sozialismus" heißt die Buchausgabe einer Vorlesungsreihe*), die Professor Hans Hautmann (Uni Linz) 2001/2002 gehalten hat. Wie faszinierend der Blick auf die Geschichte der Menschheit sein kann, zeigt schon die einleitende Zusammenfassung der Gemeinsamkeiten sozialistischer Utopien über Jahrtausende. Hans Hautmann erkennt fünf Ziele - in Stichworten: Beseitigung des arbeitslosen Einkommens aus Grundrente und Kapitalzins; Umgestaltung der Arbeitsverfassung (Verhältnisse in der Arbeitswelt usw.); Sozialisierung und gemeinwirtschaftliche Unternehmensformen einschließlich Planung und Lenkung von Gütererzeugung und Verteilung; Kampf gegen Privilegien der herrschenden Schichten; Umgestaltung der Staatsordnung bzw. Endziel der Abschaffung des Staates. Das liest sich wie das Protokoll von einer globalisierungskritischen Podiumsdiskussion und wird dennoch in einer analytischen Schilderung der Strömungen und Bewegungen über die Jahrhunderte hinweg nachgewiesen. Hautmanns Buch lässt uns - spannend und verständlich geschrieben - den geistigen Reichtum aus drei Jahrtausenden kennenlernen, aus dem Marx und Engels schöpfen konnten, als sie darangingen, die Ideen von Sozialismus und Kommunismus von der Utopie auf wissenschaftliche Beine zu stellen. Die Verfasser des "Manifests der Kommunistischen Partei" haben die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln als unverzichtbare Voraussetzung für eine "andere Welt" erkannt. Zuvor war es eine Utopie. Real möglich ist es erst im fortgeschrittenen Kapitalismus, wo dafür die Voraussetzungen bestehen: Entwicklung der Produktivkräfte und der Produktivität; Herausbildung einer kämpferischen Arbeiterklasse; wissenschaftliche Weltanschauung zur Analyse des Kapitalismus, zur Entwicklung revolutionärer Bewegungen und für den Übergang zu einer sozialistischen Gesellschaft. So stehen auch die Gewerkschaftsbewegungen vor der Grundsatzfrage: Entweder eine mögliche andere Welt gegen das Kapital - oder sich dem "Partner" Kapital, der die Regeln diktiert, zu unterwerfen. Linke GewerkschafterInnen haben bereits Position bezogen. Und die Geschichte der sozialen Utopien ebenso wie der wissenschaftliche Sozialismus haben für sie dieselbe Funktion wie das Arbeitsrecht und der Kollektivvertrag: die untrennbar zur Praxis gehörende Theorie ... - Hubert Schmiedbauer - *) Hans Hautmann: Soziale Utopien und utopischer Sozialismus. Ein Vademekum zur Ideengeschichte des Sozialismus und Kommunismus von der Antike bis Marx. Hrsg.: Alfred-Klahr-Gesellschaft, Wien, Quellen & Studien, Sonderband 3. 420 Seiten. xx,xx Euro.