35-Stunden-Woche

Gute Erfahrungen in Frankreich

Der unlängst abgehaltene ÖGB-Bundeskongress fordert - wie schon seit über 20 Jahren – die Arbeitszeitverkürzung (AZV) auf 35 Stunden pro Woche, fallweise mit und oftmals auch ohne Lohnausgleich, bei den Arbeitgebern ein. Der gewerkschaftliche Druck dieser Forderung ist kaum spürbar, da offenbar auch die ÖGB-Führung dieses ganz wichtige Anliegen nur halbherzig behandelt. Dabei gäbe es durchaus Beispiele, wie gesetzlich angeordnete AZV gesellschaftlich positive Effekte erzeugen kann.

Kurt LUTTENBERGER macht einen Blick nach Frankreich.

Kürzlich schimpfte der französische Premierminister Raffarin, dass die, vor einem Jahr von den Sozialisten eingeführte Arbeitszeitverkürzung auf eine 35-Stunden-Woche, die Franzosen "zu einem Volk von Faulenzern und Dauerurlaubern gemacht habe", die dem Staat 15 Milliarden Euro kosten. Eine krasse Übertreibung wie sich schnell herausstellte. Die meisten Experten sind sich einig, dass die französische 35-Stunden-Woche nur 5,2 Milliarden Euro kostet, weil die Unternehmen als Ausgleich für die ausfallende Arbeit eine Senkung der Abgaben zugestanden bekamen. Es wird auch nicht bestritten, dass die AZV rund 350.000 Arbeitsplätze schuf, die der öffentlichen Hand wiederum 4 Milliarden Euro an Steuern und Sozialbeiträgen einbringen.

Fragwürdig ist auch der konservative Vorwurf, die 35-Stunden-Woche habe die Produktion und mithin auch das Wachstum nachhaltig gedrosselt. Den Unternehmen stand es frei, die Neuorganisation der Arbeit mit Gewerkschaften und Betriebsräten nach Bedarf auszuhandeln. Das führte zu mehr Flexibilität und einem Gewinn an Produktivität, der allein ein Drittel der entgangenen Arbeit wettmacht.

Dass aber noch bedeutende Probleme zu lösen sind, sei auch nicht verschwiegen: Bis heute machen französische Kleinunternehmer (also Betriebe mit weniger als 20 Beschäftigten) keinen Gebrauch von der Arbeitszeitverkürzung. In manchen Bereichen, etwa am Bau, im Hotel- und Gastgewerbe oder im Transportgewerbe herrscht ohnehin akuter Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Das gestresste Krankenhauspersonal, dass sich von der 35-Stunden-Woche Erleichterung erhoffte, erlebt stattdessen eine organisatorische Katastrophe: Von den 45.000 neuen Stellen die notwendig wären, konnten bislang nur 10.000 bis 15.000 besetzt werden.

Aber: Zwei Drittel der arbeitenden Menschen in Frankreich begrüßen die AZV, vor allem Frauen, die ihre nachgewiesene berufliche und soziale Mehrfachbelastung etwas abmindern können. Auch die Tourismusbranche stellte kürzlich einen deutlichen Anstieg von Kurzurlaubsreisen fest. Gut 12 Prozent der arbeitenden Menschen – überwiegend Niedriglohnverdiener – finden jedoch, dass sich ihre Lage verschlechterte. Sie klagen über erhöhten Druck, verschärftes Arbeitstempo und blockierte Löhne/Gehälter, während ihnen die zusätzlichen freien Tage wenig nutzen. Hier gilt es, rasche Verbesserungen dieser unhaltbaren Zustände zu erzielen.

Die konservative französische Regierung Chirac/Raffarin denkt jedoch nicht daran, die 35-Stunden-Woche wieder abzuschaffen. Im Gegenteil: Parlamentspräsident Jean-Luis Debre, ein enger Vertrauter von Präsident Jaques Chirac, stellte klar: "Eine soziale Errungenschaft lässt sich nicht wieder zurück nehmen!" Eine Haltung, die auch die Regierung Schüssel/Gorbach sowie Gewerkschaft und Arbeiterkammer in ihrem Handeln verinnerlichen sollten.


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