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Harald Bielenski, Gerhard Bosch, Alexandra Wagner
Wie die Europäer arbeiten wollen.
Erwerbs- und Arbeitszeitwünsche in 16 Ländern.
Campus-Verlag, Frankfurt/New York 2002, 180 Seiten.
Der in allen 16 Ländern verbreitete Wunsch nach höheren Beschäftigungsquoten zeigt, dass sich die EU bei ihrer Strategie, die Beschäftigungsquote der gesamten Gemeinschaft an das Niveau der USA heranzuführen, auf die Präferenzen der Bevölkerung stützen kann. Die meisten Beschäftigten favorisieren aber nicht die amerikanische Kombination von hoher Beschäftigung mit langen, sondern eine mit kürzeren individuellen Arbeitszeiten, was einem anderen Sozialmodell entspricht. Die politische Strategie darf sich folglich nicht nur auf die Umverteilung der Arbeitszeit zwischen den schon Erwerbstätigen konzentrieren; sondern es müssen gleichzeitig auch zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden. Dies gilt insbesondere in jenen Ländern, deren Frauenbeschäftigungsquoten sehr niedrig sind. Über alle Länderdifferenzen hinweg sollte man die wichtigste Schlussfolgerung aus dieser Analyse nicht übersehen: Entwickelte Länder mit hohem Einkommen, hoher Einkommensgleichheit und hoher Frauenerwerbstätigkeit können sehr gut mit geringeren Wachstumsraten als in den vergangenen Jahren leben, sofern sie die Möglichkeiten der Arbeitszeitpolitik ausschöpfen.
In allen untersuchten Ländern arbeiten die Selbständigen deutlich länger als die abhängig Beschäftigten, höher Qualifizierte und Beschäftigte mit Führungsaufgaben länger als geringer Qualifizierte und Beschäftigte ohne Vorgesetztenfunktionen. Am deutlichsten sind die Unterschiede zwischen den Arbeitszeiten von Männern und Frauen. Die durchschnittliche Arbeitszeitdifferenz zwischen den Geschlechtern bei den abhängig Beschäftigen beträgt 8,5 Stunden pro Woche. Auch sind die tatsächlichen Arbeitszeiten der Männer homogener als die der Frauen. Wer besonders lange arbeitet, möchte eher kürzer arbeiten und umgekehrt. Insgesamt zeichnet sich der Wunsch ab, kürzer zu arbeiten – im gesamteuropäischen Durchschnitt wollen die abhängig Beschäftigen knapp vier Stunden weniger arbeiten als derzeit üblich. Die Differenz zwischen vertraglichen und tatsächlichen Arbeitszeiten der Vollzeitbeschäftigten schwankt beträchtlich. Sie ist in Deutschland, Großbritannien und Österreich mit 5 bis 6 Stunden am größten. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass flexible Formen der Arbeitsorganisation, ein modernisierter Geschlechtervertrag und ökonomischer Wohlstand die besten Schmierstoffe für die Realisierung von Arbeitszeitwünschen sind. Elemente eines neuen Arbeitszeitstandards wären:
a) Regelarbeitszeit für Vollzeitkräfte von 30 bis 40 Wochenstunden; b) Schutz vor überlangen Arbeitszeiten: Höchstgrenzen für Wochenarbeitszeiten und für die Zahl der Überstunden pro Jahr; c) Wahlmöglichkeiten zwischen Vollzeit und Teilzeit mit Rückkehrrechten; d) Aufwertung substantieller Teilzeitarbeit mit dem Ziel einer völligen Gleichstellung von Vollzeit- und Teilzeitarbeit, um Barrieren für den Wechsel der Arbeitszeiten zu beseitigen; e) Abschaffung der Anreize für marginale Teilzeitarbeit: Begrenzung nach unten; f) Möglichkeit von Sabbaticals und g) Lohnersatz bei gesellschaftlich anerkannten Unterbrechungen oder Einschränkungen der Erwerbstätigkeit, z.B. für Kindererziehung, Pflege von alten und kranken Angehörigen oder bei Weiterbildung.
-Josef Schmee-
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