
Eric Hobsbawn - Ungewöhnliche Menschen
Über Widerstand, Rebellion und Jazz. Carl Hanser Verlag München/Wien 1998 424 Seiten. Preis: 364 Schilling Zum Autor: Eric Hobsbawn, 1917 in Alexandria geboren und in Wien und Berlin aufgewachsen, emigrierte 1933 nach London. Er lehrte an verschiedenen Universitäten und an der New School of Social Research in New York. Bei Hanser sind von ihm erschienen: Das Zeitalter der Extreme (1995), Wieviel Geschichte braucht die Zukunft? (1998) und Das Gesicht des 21. Jahrhunderts. Ein Gespräch mit Antonio Polito (1999). Dieses Buch handelt von Menschen, deren Namen gewöhnlich niemand kennt, ausgenommen ihre eigenen Familien und Nachbarn und in modernen Staaten die Melde- und Standesämter. Gelegentlich sind sie auch der Polizei bekannt oder Journalisten auf der Suche nach einer "ergreifenden menschlichen Geschichte". In anderen Fällen sind ihre Namen völlig unbekannt, und tatsächlich kann man sie gar nicht kennen wie die der Männer und Frauen, welche die Welt veränderten, indem sie Kulturpflanzen anbauten, die aus der gerade entdeckten Neuen Welt nach Europa und Afrika eingeführt wurden. Einige spielten auf kleinen Bühnen eine Rolle: in einer Straße, einem Dorf, einer Kapelle, in einer Gewerkschaft oder einem Gemeinderat. Im Zeitalter der modernen Medien haben Musik und Sport einige wenige von ihnen ins Rampenlicht gerückt. Sie wären in früheren Zeiten anonym geblieben, jedoch diese Menschen den Großteil der Menschheit aus. Historikerdebatten über die Frage, wie wichtig einzelne Personen und ihre Entscheidungen in der Geschichte sind, haben für diese Menschen keine Bedeutung. Ließe man diese Personen beim Schreiben einfach weg, es würde die makrohistorische Geschichtsschreibung kaum verändern. Der Zweck dieses Buches, so Hobsbawn im Vorwort, besteht nicht nur darin, diese Menschen vor der Vergessenheit zu bewahren oder vor dem, was E. P. Thompson mit seiner denkwürdigen Wendung als "die ungeheure Herablassung der Nachwelt" bezeichnete. Natürlich sollten sie uns in Erinnerung bleiben, und der Autor hofft, dass einige Kapitel seines Buches wie etwa "Der Schuhmacher als Politiker" oder "Landbesetzungen durch Kleinbauern" ein wenig dazu beitragen können. Oder um es mit den Worten des verstorbenen Joseph Mitchel vom "New Yorker" auszudrücken, der gegen alle, die und sei es in bester Absicht von "kleinen Leuten" sprechen, schrieb: "Sie sind genauso groß wie du und ich". Ihr Leben ist so interessant wie ihres und meines, auch wenn niemand darüber geschrieben hat. Es geht Hobsbawn also darum zu verdeutlichen, dass diese Frauen und Männer, wenn nicht als einzelne, so doch in ihrer Gesamtheit bedeutende Akteure der Geschichte sind. Wie sie handeln und was sie denken ist von Bedeutung. Es kann und hat bereits die Kultur und den Gang der Geschichte verändert, und dies niemals mehr als im zwanzigsten Jahrhundert. Das wollte der Autor auch schon im Titel seines Buchs über "gewöhnliche Leute", über diejenigen, die gewöhnlich so genannt werden, andeuten. Sie sind nicht "gesichtslos und alltäglich" wie die Verbrechen, deren Aufklärung Sherlock Holmes so außerordentliche Schwierigkeiten bereitete. Wie sie durch ihre Vergangenheit und Gegenwart geprägt wurden, worin die Logik ihrer Anschauungen und Handlungen liegt, wie sie ihrerseits ihre Gesellschaft und die Geschichte prägen: dies sind die zentralen Fragestellungen seines Buches. Drei Abschnitte dieses Buches sind einzelnen sozialen Gruppen beziehungsweise Milieus gewidmet: a) der Tradition des politischen Radikalismus in der Arbeiterklasse und der mit ihr verbundenen Ideologen (Kapitel 1-10: Thomas Paine Die Maschinenstürmer Der Schuhmacher als Politiker Arbeitertraditionen Die Entstehung der Arbeiterklasse (1870-1914) Viktorianische Werte Mann und Frau: Bilder der politischen Linken Die Geburt eines Feiertags: der Erste Mai Sozialismus und Avantgarde (1880-1914) Das Sprachrohr der Linken); b) der traditionsgebundenen Landbevölkerung (Kapitel 11-13: Bauern und Politik Landbesetzungen durch Bauern Der Bandit Giuliano), und schließlich c) dem Jazz (Kapitel 19-25: Der Caruso des Jazz Count Bhasie Der Duke Der Jazz kommt nach Europa Der Peoples Swing Jazz seit 1960 Billie Holiday Die Alte und die Neue Welt: 500 Jahre nach Kolumbus), der eine der wenigen Entwicklungen in der Kunst darstellt, die ganz und gar im Leben armer Leute verwurzelt ist. Ein vierter Abschnitt zur Zeitgeschichte (Kapitel 14-18: Vietnam und die Dynamik des Guerillakrieges Mai 1968 Die Regeln der Gewalt Revolution und Sex Epitaph für einen Schurken: Roy Cohn) ist für Hobsbawns Untersuchungsgegenstand insofern von Bedeutung, als dieser Abschnitt überwiegend von Situationen handelt, für die bewusste menschliche Absichten und Entscheidungen kaum von Belang sind, obgleich sie für gewöhnlich in solchen Kategorien erörtert werden. Wie die vorliegenden Aufsätze zeigen, haben Eric Hobsbawn diese Fragen auf die eine oder andere Art während seiner gesamten Laufbahn als Historiker beschäftigt. In ihnen setzen sich Grundlinien seines Forschungsinteresses fort, wie er sie in seinen früheren Studien über Arbeiter und in seinen ersten Büchern "Primitive Rebels" und "The Jazz Scene" vor fast vierzig Jahren entwarf. Das vorliegende Buch versammelt eine Reihe von Studien, die zwischen den frühen fünfziger Jahren und Mitte der neunziger Jahre verfasst wurden. Elf der insgesamt sechsundzwanzig Aufsätze sind bereits in früheren Büchern ("Labouring Men", "Revolutionaries" und "Worlds of Labour") erschienen. Eric Hobsbawn hat eine gelungene Sammlung von Berichten über "ungewöhnliche Menschen" vorgelegt, die sich auch hervorragend als Urlaubslektüre anbietet. Rezension von Josef Schmee