Gefesselt vom Sozialismus

Christian Fleck, Heinrich Berger

Gefesselt vom Sozialismus.

Der Austromarxist Otto Leichter (1897-1973)

Campus Verlag, Frankfurt/New York 2000, 226 Seiten, Preis: 423 Schilling

 

 

Die Idee zu diesem Buch wurde Ende der achtziger Jahre von Gerhard Botz und Henry Leichter geboren. In einem Forschungsprojekt mit dem Titel "Biographie Otto Leichter" sind die Grundlagen erarbeitet worden. Hauptinteresse der beiden Autoren war am Beispiel eines Sozialdemokraten – weder ganz an der Spitze, noch ganz Teil der anonymen Masse – aufzuzeigen, was es für einen Einzelnen bedeutete, sich im wahrlich nicht einfachen 20. Jahrhundert behaupten zu können. Im Unterschied zu manchen Generationsgenossen blieb Otto Leichter seinen Idealen treu und nahm allerhand Unbill in Kauf. Die beiden Autoren gingen unter anderem der Frage nach: Was veranlasst jemanden über alle Widrigkeiten hinweg, dabei zu bleiben, Sozialist, Sozialdemokrat zu sein, auch wenn das weder einen Posten brachte, noch ihn in die Lage versetzte, den Gang der Entwicklung wirklich entscheidend zu beeinflussen? Und auf der anderen Seite: Was gibt jemand alles auf – an Lebenschancen, an Möglichkeiten, es sich wenigstens für sich und die seinen zu richten, nur weil er meinte, dies oder das mit seinen Überzeugungen nicht vereinbaren zu können?

Leichter hat sich mehrfach mit der von ihm erlebten Geschichte auseinandergesetzt, mit der österreichischen Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit, mit den ersten Jahrzehnten der Vereinten Nationen und mit der von ihm aus der Nähe beobachteten amerikanischen Politik. Er war und nahm sein Leben lang Partei und spielte nie den distanzierten Berichterstatter, der vorgibt, alles nur als unbeteiligt Außenstehender zu beobachten. Otto Leichters Leben (geboren 1897 in Wien, gestorben 1973 in New York) verlief lange Zeit parallel zur Geschichte der sozialdemokratischen Partei in Österreich. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften, in dessen Endphase die revolutionären Ereignisse zu Ende des Ersten Weltkrieges fielen, fand Leichter zu Beginn der Ersten Republik seine erste Anstellung in der ‚Gemeinnützigen Anstalt Arsenal’ aufgrund seines Engagements in der österreichischen Sozialdemokratie. Die ersten Veröffentlichungen Leichters aus dieser Zeit beschäftigten sich mit ökonomischen Zukunftsfragen. Er schrieb über "Die Wirtschaftsrechnung in der sozialistischen Gesellschaft" (1923), eine Problematik, die damals in Kreisen linker Ökonomen als praktische Frage einer nahen Zukunft verstanden wurde. Hierher gehört auch die Veröffentlichung mit dem programmatischen Titel "Die Sprengung des Kapitalismus" (1932), die als Abschluss dieser ersten Phase angesehen werden kann. Otto Leichters Leben war völlig in das umfassende System der österreichischen Arbeiterbewegung eingebunden. Er war Mitglied der Partei, ihr Angestellter, mit einer führenden Funktionärin der Arbeiterbewegung, Käthe Leichter ( geb. Pick), in erster Ehe verheiratet und schrieb in Parteiblättern über die Partei, ihre Aufgaben und ihre Ziele. 1925 wurde er Redakteur der Arbeiterzeitung und konzentrierte sich von da an voll auf die parteigebundene Publizistik.

Der österreichische Bürgerkrieg 1934 und die Niederlage der Arbeiterbewegung trafen Leichter in einem Lebensabschnitt, der unter Normalbedingungen der Stabilisierung der individuellen Leistungen gewidmet ist. Die Jahre des Austrofaschismus bedeuteten in seinem Fall die Zerstörung des bis dahin Erreichten (Verlust von Arbeit, Wohnung, Zukunftsperspektiven und zeitweise auch der Freiheit). Politisch war die Zeit der Illegalität aber jene, in der er am meisten Einfluss auf Politik und Orientierung der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung und besonders der illegalen Gewerkschaftsbewegung hatte.

Die politische Entwicklung Leichters wurde immer wieder von Otto Bauer beeinflusst, vielleicht sogar geprägt. Als Otto Leichter zur Partei stieß, war Otto Bauer bereits einer der führenden Funktionäre und der Theoretiker der Partei. In der Zwischenkriegszeit profilierte sich Leichter vielfach als freundschaftlicher Kritiker der von ihm als allzu nachgiebig betrachteten Linie des Parteiführers. Im Untergrund ist Leichter allerdings zum Verteidiger von Otto Bauers Linie der Partei, die er anfangs durchaus noch selbst kritisierte, gegen die ‚proletarische’ Kritik des Zentralkomitees der "Revolutionären Sozialisten" geworden. Nach 1945, insbesondere während seines einjährigen Aufenthalts in Wien 1947/48, versuchte er das Vermächtnis Bauers hochzuhalten. Nach dem Anschluss an Nazideutschland musste Otto Leichter Österreich verlassen und ging nach Paris, wo er für das ‚Internationale Institut für Sozialgeschichte’ (Amsterdam) arbeitete. Über diese Zeit sind wir besonders gut informiert, da Leichter vom Sommer 1938 bis zum Sommer 1939 das "Tagebuch in Briefform für seine Frau Käthe" quasi Protokoll schrieb. In diesem Bericht schildert Leichter nicht nur seine Sorgen um sie (ihr gelang 1938 nicht mehr die Flucht aus Österreich und sie wurde 1942 im KZ Ravensbrück ermordet), sondern auch seine Konflikte mit Parteifreunden und den Wandel seiner Weltsicht, was diese Quelle auch für die Geschichte des Exils insgesamt interessant erscheinen lässt. In Paris nahm auch die emotionale Orientierung an der austromarxistischen Ideologie langsam ab. Nicht, dass sich Leichter einem bürgerlichen Weltbild zuwandte, nein, in den theoretischen Vorstellungen blieb er Sozialist. Nach Ausbruch des Krieges führte die Flucht Otto Leichters nach New York, wo er begann, ein neues Leben aufzubauen. Nicht mehr die ideologisch begründete Utopie war das Ziel seiner emotional besetzten Sehnsucht, sondern ein konkretes Land, das seinem intakten moralischen Kodex besser zu entsprechen schien als die europäische Welt, von der er grundlegend enttäuscht war. Otto Leichter arbeitete weiter für sozialdemokratische Organe, aber die Sozialdemokratie war nicht mehr das Zentrum seines Lebens.

Auch die einjährige Rückkehr Otto Leichters nach Wien war vom Journalismus geprägt. Aber nicht mehr bei der Arbeiterzeitung sollte er vorübergehend ein Tätigkeitsfeld finden, sondern bei den Gewerkschaften, die ihn für den Aufbau der Gewerkschaftspresse aus dem Exil zurückgerufen hatten. Dass er sich überhaupt zu einer Reise nach Wien entschloss, wird erst nach genauerer Betrachtung verständlich. Er tat es vor allem dem Vermächtnis seiner ersten Frau Käthe wegen und vielleicht auch, um sich innerlich von ihr und ihrer gemeinsamen Welt zu verabschieden. Bisher vollzog er den Abschied von der Welt des österreichischen Journalismus und vom Austromarxismus nur zwangsmäßig. Nun wiederholte er ihn freiwillig, um dann endgültig nach Amerika zu gehen. Mit der Integration in die ‚offene Gesellschaft’ der USA schloss Otto Leichter den großen Bruch in seinem Leben nach der endgültigen Emigration im Jahre 1948 ab. Als er dort nach längerer Suche als dpa-Korrespondent bei den Vereinten Nationen eine zweite Karriere absolvierte, konnte er in seinem Metier endlich wieder erfolgreich sein.

Rezension von Josef Schmee


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