„Gute Nacht“  für 15.000 Beschäftigte der Telekom Austria

Die Geschichte eines angekündigten Todes von Martin WACHTER.

„Nur die dümmsten Kälber…“, Bert Brechts Sager von anno dazumal hat auch in der Gegenwart seine Bedeutung nicht eingebüßt. Die Abwicklung der „Austria Telekom alt“  in die Verwandlung der „Austria Telekom neu“ im Sinne der „Modernen Zeiten“ lässt das Brecht-Zitat quasi zur gesellschaftspolitischen  Realität werden.

Ort der Handlung: „Schlachthof Messehalle“ im Wiener Prater.

Das Stück: Von der Hinrichtung eines österreichischen  Traditionsbetriebes.

Die  Darsteller in den Hauptrollen: Der Vorstand und ein italienischer Gesandter eines Multis.

Die Statisten:  2.500 bis 3.000 PostlerInnen, nein Verzeihung, Telekom-Austria-MitarbeiterInnen.

Regie: Eine gutbezahlte Werbe- und Marketingfirma.

Aus dem Programmheft gestrichen: Die GewerkschafterInnen und der Betriebsrat.

Das Vorspiel: Die Austria Telekom ist schnurstracks unterwegs in den „neuliberalen Wahnsinn“, für „die arbeit“-LeserInnen auch „Kapitalismus pur“ genannt. Da kommt Freude auf bei den Bossen der Telekom. Endlich  können sie die Ärmel aufkrempeln den Reformstau lösen, die hundertprozentige Privatisierung in Angriff nehmen, alte Zöpfe abschneiden: Pragmatisierung und Mitbestimmung der Beschäftigten  ade. Schon bald können sie dann täglich und egal wie es kommt den Kursstand „ihres“ Sandkastenspielchens und eventuell ihre Konterfeis in den dumpfsinnigen Landesmedien sehen. Wie aus dem mehr als 15.000 Köpfe zählenden Großbetrieb ein „Goldenes Kalb“ werden soll, das fette Dividenden für die Aktionäre und Anleger scheißt, darüber sind sich die neuen Bosse und der „Obervorstand“ Heinz Sundt klar. Mit einem Bericht über eine Stunde Betriebsversammlung und eine halbe Stunde Schlacht am kalten Buffet mit weichgekochtem Würstl ist dann auch alles geschrieben, was zu diesem Kapitel zu sagen ist.

Ein Rockkonzert zum Leichenschmaus

Die riesige Messehalle war ziemlich voll. Mit Bussen der Post sind die Beschäftigten  aus der Provinz zur Betriebsversammlung der Telekom  für den Osten Österreichs angereist. Mit Pomp und Trara hat die Geschäftsleitung ein sauteures Spektakel nach allen Regeln moderner Eventkunst über die Riesenbühne steigen lassen. Eine Licht- und Tonanlage , dass selbst Ambros, Danzer und Fendrich vor Neid erblasst wären.  Eine Technoshow sozusagen, die den doch durchschittlich mittelalterlichen  Postlern eine etwas zu strenge Kost gewesen ist. Auf vier Videowänden  mit jeweils mindestens fünf mal sechs Meter zum Quadrat rauschten andauernd nervige Telekom-Werbespots. Das im Stockdunkeln sitzende Publikum wurde, sagen wir mit einem Hunderttausendwatt starken Verfolgerscheinwerfer,  maltretiert. Alle die vom Lichtkegel erwischt  wurden, sahen kurzfristig Sterne. Der große Sundt ließ seine Untergebenen warten.  Eine Viertelstunde nach der anderen verstrich. Nichts außer stupider Telekom- Werbespots. 20 Minuten nach der offiziellen Beginnzeit  tauchten die bunten Scheinwerfer die Riesenbühne in grelles gleißendes Licht. Auf allen vier Videowänden  waren die überdimensionalen Köpfe der Telekomgroßkopferten  abgelichtet. Ein sichtlich nervöser „Programmanimateur“  bekam dann auch gleich anfangs eine Köpfwäsche vom Oberschädl namens Sundt. „Ich hab dir schon in Linz bei unserem gestrigen Auftritt gesagt, wir und ich da oben wollen nicht als „Vorstehende“ angesprochen werden, zürnte Heinz Sundt seinem Oberöffentlichkeitsarbeiter  vor versammelter Belegschaft. Als dann die Nervosität aus dem Gesicht und der Stimme des bestbezahlten österreichischen Telefongesellschafters gewichen war, legte der Mann richtig los.

Schlag für Schlag „prasselte“ eine Hiobsbotschaft nach der anderen  auf die mucksmäuschenstillen Noch-Postler ein.  Die „Telekom alt“ wird aufgelöst. Eine kleine Schar Handverlesener bildet die „Telekom neu“. Sie sitzen sozusagen an den Schalthebeln der Macht. Für 15.000 Beschäftigte gibt es nur einen Ausweg. Sie werden in die Personalmanagement Ges.m.b.H. überstellt. Nach einer halbjährlichen Probezeit  werden von den 15.000 nur 10.000 weiterbeschäftigt. Bei Aschenbrödel  handelt es sich nur um Erbsen, welche sortiert wurden. Bei der „Telekom neu“ werden zwar die „Minderwertigen“  nicht verspeist, aber ihnen droht Arbeitslosigkeit  oder Frühpension mit blau-schwarz neubeschlossener Benachteiligung. Für mehr als 5.000 Betroffene wird die kapitalistischer Profitsucht schwerwiegende Folgen haben. Einen Sozialplan wird es für die Verlierer von seiten der „Telekom neu“ nicht geben. Und überhaupt: Auch die pragmatisierte Anstellung ist Schnee von gestern. Am Ende seiner „Leichenrede“ für die alte Telekom  forderte Herr Sundt seine Einkommenssicherer zum Kauf von Telekom-Aktien  auf, weil diese, wie er wohl meint, das Geschäft ihres Lebens sind. Allen  hat‘s scheinbar gefallen. Keine - wie bei Donnerstag-Demos üblichen - Pfeiffkonzerte, keine Widerstands-Rufe. Nein es gab verwunderlicherweise artigen tausenddfachen Applaus.

„Unseres Vorstandes ist scharfes wie Pfeffer. Nur maximo Rendite ist molto importante.“

Dann bekamen die geplagten PostlerInnen auch noch eine kleine Einführung in italienisch. Nein, nicht in die Sprache, sondern über den  Stiefelkapitalismus. Gemeint ist an dieser Stelle selbstverständlich nicht die Wertung des neoliberalen Weges bei unseren südlichen Nachbarn. Es handelt sich lediglich um einen geografischen Hinweis. Auch Herr Colombo, der Gesandte von Telecom Italia hat zu den österreichischen  Telefongesellschaftswerktätigen  gesprochen. Sein deutsch war fürchterlich. Was zu verstehen war, hatte es allerdings in sich. Er stellte die 100-prozentige Privatisierung der italienischen Telecom  als die gelungenste Entstaatlichung  in Europa dar. Er selbst  kommt auch aus der Privatwirtschaft und ließ durchblicken, dass der Staat eben nicht wirtschaften kann. Seine Zielvorgaben als noch Vierteleigentümer an der Telekom Austria: Profit und saftige Dividenden für die Aktionäre und Anleger.  Ein paar Anwesende haben sich in ausländerfeindlicher  Manier über den kleinen Italiener lustig gemacht, aber wie heißt es so schön: Wer zuletzt  lacht ...

Im Zeitalter multimedialer Spektakelinszenierungen  hat die leibhaftige Diskussion über die wahren Probleme und deren Ursachen keinen Platz. Unwidersprochen haben die Telekom-Austria-Fädenzieher  ihre Show durchgezogen. Die Kolleginnen und Kollegen durften via Internet und e-mail Fragen an die großen Macher stellen. Stellvertretend  für die 200 elektronisch eingegangenen Fragen wurden so an die zehn vorgetragen. Diese wurden dann von den hohen Herren mehr oder weniger lustlos beantwortet. Die 2.500  PostlerInnen hörten sich alles geduldig an. Es gab kein Murren, kein Aufbegehren und keine wie auch immer gearteten Unmutsäußerungen, obwohl es um ihre Zukunft ging.  Und dann fehlte noch etwas an diesem Nachmittag. Kein einziger Gewerkschafter, keine einzige Gewerkschafterin und niemand von den BetriebsrätInnen oder PersonalvertreterInnen waren präsent. Moderne Inszenierungen kann sich die Konzernleitung zwar ausdenken aber nirgends steht geschrieben, dass sich die gewählten BelegschaftsvertreterInnen  an das vorgegebene Prozedere halten müssen.

So gesehen haben die 15.000 PostlerInnnen der Telekommunikation  bereits verloren bevor die Demontage ihrer betrieblichen und sozialen Rechte von den Oberpostlern in Angriff genommen wurde. „Geht’s jetzt zum Schlachthof” , lautete die treffsichere Analyse eines Postlers, als nach dem Ende der Betriebsversammlung eine tausendköpfige Menschenmenge in Richtung Buffet drängte.


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