Wann wenn nicht jetzt!
Als ÖVP und FPÖ im Juli
2000 ihr erstes Sparpaket durchzogen, ließ ÖVP- Klubobmann Andreas
Khol aufhorchen: „Dies ist
das Gesellenstück, das Meisterstück kommt erst” meinte er damals im
Bezug auf das Belastungspaket. Dieses „Gesellenstück” von einem
Sparpaket ist ja bekanntlich ohne großen gewerkschaftlichen Widerstand über
die Bühne gegangen. Nun soll also das
„Meisterstück” folgen. Aber verdient es diesen Titel überhaupt
?
Von Michael
GEHMACHER. *)
Es ist den
PR-Beratern der Regierung sicher gelungen den Nulldefizit-Mythos in der Bevölkerung zu verankern. Die „Schulden-Gehirnwäsche”
zieht. Sprüche wie „Schulden sind der größte Feind der Arbeitsplätze”
finden breite Zustimmung. Die dauernd wiederholte Falschmeldung, wonach
jeder und jede um 7.000 Schilling mehr verdienen würde, wenn es keine
Staatsverschuldung gäbe, ist die neueste Lüge aus der PR-Kiste der
Regierung. Dass man eine Lüge dadurch glaubhaft macht, indem man sie
immer wieder wiederholt, das
hat die FPÖ schon in der Opposition gelernt. Und so vergeht kein Tag an
dem nicht neue Lügen aufgetischt werden. Typisch ist, dass sich die
Regierung dazu viel Geld zur
eigenen Werbung genehmigt.
„Teile
und Herrsche”, das ist nicht nur ein Leitfaden
der blau-schwarzen Regierung, das ist auch ein zentrales Element der
PR-Strategie dieser Regierung. Dazu gehört,
dass eine Bevölkerungsgruppe als Sozialschmarotzer und Sündenbock
auserkoren wird. Zuerst waren
es die BeamtInnen. Bei der
Pensionsreform hatten die EisenbahnerInnen die zweifelhafte Ehre. Bei
diesem Sparpaket hätten wohl die StudentInnen die Buhmänner abgeben
sollen. Doch dieser PR-Trick
ging nicht auf. Es ist ein interessantes Phänomen: Trotz
jahrelanger Vorbereitung der „Kronen-Zeitung“, der FPÖ
und vieler anderer greift das Vorurteil von den faulen StudentInnen
kaum. Der freie Hochschulzugang ist offensichtlich
vielen Menschen ein Anliegen, auch jenen die bis jetzt aus sozialen
Gründen nicht von ihm profitieren konnten. Auch die überfallsartige Präsentation
der Studiengebühren war ein strategischer Knieschuss der Regierung! Zu
tief sitzt das sozialpartnerschaftliche
Denken bei den Menschen fest. So etwas gehört schon lange vorher
angekündigt, meinen viele.
Die anderen
Maßnahmen treffen zum Teil Berufsgruppen, die (gerechterweise) das Image
haben, sehr hart zu arbeiten. Dazu gehören vor allem die BauarbeiterInnen.
Sie sind mit der Abschaffung der Berufsunfähigkeitspension, der
Besteuerung der Unfallrenten, der Einführung der Sperrfrist beim
Arbeitslosengeld bei befristeten Dienstverhältnissen und den Kürzungen
bei den Kinderzuschlägen beim Arbeitslosengeld
besonders betroffen. Aus der Sicht der FPÖ sind aber gerade
BauarbeiterInnen und HandwerkerInnen aus Gewerbebetrieben eine Klientel,
bei der sie sich mit ihrer ausländerfeindlichen Propaganda viele Wählerstimmen
erwartet. Die Angst vor diesen Maßnahmen ist in der FPÖ daher groß.
Politisch
ist klar wohin die Bugetreise geht: Arbeitslos sein, krank sein,
Frau sein, AusländerIn sein und die Bildung
über die Pflichtschule hinaus soll wieder teuer werden. Das ewige Gerede
vom „sozialen Abfedern” hat auch ein klares ideologisches Ziel:
Sozialleistungen sollen
kein Recht mehr, sondern ein Almosen sein. Für dieses Almosen sollen sich
Mann und Frau möglichst lange irgendwo anstellen müssen, denn erst
muss die Bedürftigkeit nachgewiesen werden. Menschen die Sozialleistungen
brauchen, sollen sich in Zukunft dauernd rechtfertigen müssen und ein möglichst
ein schlechtes Gewissen haben.
So klar die
politische Stoßrichtung ist, die Umsetzung ist mehr ein Murks als ein
Meisterstück, weil sich StudentInnen,
BauarbeiterInn, Bedienstete im Gastgewebe schwer als Sozialschmarotzer
abstempeln lassen.
Wer in einem
Fach ein Meisterstück ablegen will, hat meist auch vor, in dieser Sparte
einen Beruf auszuüben. Ein zentraler Grund diese Regierung endlich zu stürzen!
Und die Art wie dieses Buget umgesetzt werden soll, birgt große Möglichkeiten
dazu. Dieses Sparpaket umzusetzen ist
für die Regierung schon jetzt eine schwere Aufgabe, obwohl der
Widerstand bis jetzt relativ gering war.
Alles
jugendlicher Zweckoptimismus, mögen
manche Leserinnen und Leser der „arbeit” meinen, ich meine, gerade die
Debatten nach der steirischen Landtagswahl zeigen, dass Grasser & Co
auch nur mit Wasser kochen.
Diese
Regierung ist instabiler als uns ihre Propaganda einbläuen will. „Reich
und Schön”, das reicht für „Krone“ und ORF, aber nicht zum
Regieren.
Mir ist ein
Schuss Zweckoptimismus immer noch lieber als das ewige Gejammer von „den
Leuten die ja eh nichts tun wollen” und gerade von Gewerkschaftsseite
kommt dieses Gejammer häufig. Mir ist vollkommen klar, dass ein Streik
gerade für Gewerkschaften wie die HGPD oder die GPA kein Leichtes wären.
Mir ist auch bewusst, dass es ÖGB- Mitglieder gibt, die austreten, weil
ihnen die Gewerkschaft zu radikal gegen die Regierung agiert.
Aber: Die
Demonstration am 11. Oktober hat gezeigt, welche Kraft bei den
EisenbahnerInnen, der Post und den Gemeindebediensteten und teilweise auch
in der Industrie steckt. Es war für die GdE kein Problem, einige tausend
EisenbahnerInnen für eine
Demonstration gemeinsam mit SchülerInnen zu gewinnen. Die Stimmung bei
dieser Demonstration war extrem kämpferisch. Beim Marsch über die
Mariahilferstraße wurde auch deutlich, was es für einen Unterschied
ausmacht ob nur Jugendliche oder Jugendliche und ältere berufstätige
Menschen gemeinsam auf die Straße gehen. Im Nu bildete sich ein Spalier
von Zuschauern, es gab Bravo-Rufe und lebendige Debatten am Straßenrand.
Viele EisenbahnerInnen sprachen sich für einen richtigen Streik aus.
„Streik
oder nicht Streik? Für uns keine Frage!” lautete ein Flugblatt der GLB-
KollegInnen bei der Gemeinde Wien. Es
ist wichtig, solche Aussagen jetzt
zu tätigen, weil die Menschen eine klare Orientierung brauchen,
was notwendig ist um dieses Belastungspaket zu verhindern.
Noch ist das
Belastungspaket abzuwehren. Ist es einmal in Kraft, wird es so schnell
keine Regierung zurücknehmen. Zeit für die ÖGB-Führung nicht dauernd zu
betonen was alles nicht möglich ist, sondern das zu tun was möglich ist.
Ein Streik in den traditionell
gut organisierten Bereichen ist prinzipiell möglich und würde eine
Bewegung auslösen, die die Gesellschaft in der wir leben und vor allem der
ÖGB dringend notwendig hat.
*) Michael
Gehmacher (GLB-BR) ist Gewerkschaftssprecher der SLP.
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