Ermutigung
Von Manfred GROß
Die Politik
folgt einer dichten Tagesordnung. Ereignisse überschlagen sich im sprichwörtlichen
Sinne, und was heute Aufmerksamkeit erregt, ist morgen schon Schnee von gestern.
Viele Menschen erleben die Politik wie einen langen Fernsehabend: Um Mitternacht
weiß man nicht mehr, was man im Hauptabendprogramm eigentlich erlebt hat. Doch
manchmal gibt es Ereignisse, die man so schnell nicht vergisst. Und ein solches
Ereignis war sicher die steirische Landtagswahl. Sie bescherte den einen bittere
Enttäuschungen, den anderen Siegesgefühle und so manchen Leuten - so wie mir -
in aller Bescheidenheit gewisse Glücksgefühle. Deshalb soll dieses Ereignis im
Kommentar noch einmal festgehalten werden.
Zu den Enttäuschten:
Die FPÖ erlebte ein Desaster. 50.000 verlorene Stimmen und ein Rückgang des WählerInnen-Anteils
von 17,1 auf 12,4 Prozent ließen das Mitglied des Clubs dreier sogenannter
„Mittelparteien“ wieder eindeutig in bescheidenere Verhältnisse abrutschen.
Dafür gibt es neben den Diadochenkämpfen in der von einem einfachen
Parteimitglied geführten Partei, zwei weitere wesentliche Ursachen: Erstens
geht es nicht mehr länger hin, Regierungspartei zu sein, zugleich aber in Wahlkämpfen
weiterhin Kasperl und Krokodil zu spielen. Die blaue „Opposition“ gibt es
nicht mehr und damit fallen auch die rechten Protestwähler ab. Zweitens ist die
Rolle des „Rächers der Witwen und Entrechteten“, des Anwalts der Anständigen
und Tüchtigen, ausgespielt. Wer tüchtig arbeitet und dem Finanzamt anständigerweise
nichts vorenthält, wird bestraft - wer fleißig spekuliert, am Schweiß der
Arbeitenden verdient und bei Society-Partys sozialschmarotzt, wird belohnt. Mit
anderen Worten: Die noch bei der Nationalratswahl im Vorjahr in der Steiermark
massenhaft mobilisierten FPÖ-WählerInnen, fühlen sich zu einem nicht geringen
Teil belogen und betrogen. Und das mit Recht.
Wie aber
konnte die SPÖ in dieser Situation abschmieren? Sie ist doch jetzt Opposition
und versuchte, sich in diesem Wahlkampf auch als solche zu profilieren. Nun -
auch die SPÖ bekam wohl zu spüren, dass man das als Regierungspartei
verspielte Vertrauen nicht wieder zurückgewinnt, wenn man plötzlich aus dem
Himmel des Regierens in die Niederungen der Opposition fällt. Der
Spitzenkandidat versuchte den Regierenden in Wien die „Rote Karte“ zu
zeigen, vergaß aber so nebenbei zu sagen, was denn die SPÖ glaubwürdigerweise
anders machen würde. Und gerade die steirischen WählerInnen wissen nur zu gut,
welche Auswirkungen die Politik der rotgeführten Regierungen auf sie hatte. Der
höchste Anteil an Stimmen ist in Graz verloren gegangen, wo der Spitzenkandidat
obendrein Krieg gegen den relativ beliebten und angesehenen Bürgermeister und
Parteifreund geführt hat. Das relative „Halten“ in den obersteirischen
Industriebezirken mag der SPÖ tröstlich erschienen sein, kann aber nicht darüber
hinwegtäuschen, dass die einst zu den Blauen übergelaufenen WählerInnen nicht
mehr zurückgekommen und somit in der ganzen Steiermark 60.000 Stimmen abhanden
gekommen sind, was einen Rückgang des Stimmenanteils um dreieinhalb Punkte auf
nunmehr 32,4 Prozent entspricht.
Zu den
Siegern: „Frau Landeshauptmann“ konnte sich über die Schwächen und die
Unglaubwürdigkeit ihrer Hauptgegener freuen und durch eine deutliches Absetzen
von der schwarz-blauen Regierungspolitik profitieren. Sie erntete ein
fulminantes Plus von elf Prozentpunkten auf einen WählerInnenanteil von 47,2
Prozent. Der am Wahlabend neben ihr posierende Kanzler wusste offensichtlich
nicht so recht, ob er sich freuen sollte oder nicht, zumal es sicher nicht das
Ergebnis seiner Politik war, welche das Gewicht der steirischen ÖVP in der
Gesamtpartei schlagartig erhöhte und ihm obendrein - wie sich gleich anderntags
zeigte - schwere Konflikte mit seinen neuen Freunden einhandelte.
Die Grünen
steigerten sich bei einer höheren Erwartungshaltung von 4,3 auf 5,5 Prozent,
was einem Zugewinn von nicht ganz viertausend Stimmen entspricht. Das zeigt
zumindest eines: Ein wirkungsvoller Durchbruch, wie er teils prognostiziert
wurde, ist nicht in Sicht. Die für sie ansprechbaren WählerInnen-Schichten
scheinen sich vielleicht doch etwas anderes zu erwarten, als eine Politik, die
sie für „viele denkbare Koalitionen“ (zit. Van der Bellen) offen hält und
somit im neoliberalen Strom verschwimmt.
Zu den
bescheiden Glücklichen: Die steirische KPÖ hat bei dieser Wahl wie kaum zuvor
einen absoluten Medienboykott erlebt und musste mit dem Argument der
„verlorenen Stimme“ kämpfen. Gestützt auf äußerst bescheidene
Eigenmittel ist ihr aber ein bemerkenswertes Abschneiden gelungen. Sie konnte
sich von 4.360 Stimmen auf 6.799 steigern und erreichte somit einen Einser vor
dem Komma - 1,03 Prozent zu 0,54 bei der letzten Landtagswahl. Neben Leoben,
Eisenerz , Trofaiach und anderen Städten und Gemeinden ragte vor allem das
Ergebnis in Graz heraus. 3.405 Stimmen zu 1.942 (1995) und 3,1 Prozent zu 1,4.
Die Wahlkampflinie „Auf keinen Menschen vergessen“ signalisierte das
Gegenteil zum kalten Polit-Spiel der „großen Spieler“ und verband sich mit
der engagierten Arbeit in den Gemeinden zu einem Signal, das doch von vielen
Menschen wahrgenommen wurde. Und dieses Abschneiden und der Vertrauensverlust
der FPÖ sind eine Ermutigung - weit über die Reihen der KPÖ hinaus.
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