Kapitalismus ohne Gewerkschaften?
Eine Jahrhundertbilanz
Schlemmer, Gisbert/Schmitthenner, Horst/Spoo, Eckart (Hrsg.)
205 Seiten, Preis:
Auch
wenn es außerhalb der Gewerkschaften schon jeder weiß, befinden sich die
Gewerkschaften in einer Überlebenskrise. Während das Kapital immer mächtiger
wird, haben sie im Zuge gesellschaftlicher Umwälzungen an Mitgliedern und
Durchsetzungsmacht verloren. Neu an dieser Situation ist, dass die
Kapitalseite nun den gesamten Produktionsprozess, von der Planung über die
Herstellung bis zur Vermarktung, weltweit zu zergliedern und neu zu verknüpfen
beginnt. Damit einher gehen Massenarbeitslosigkeit, eine wachsende Zahl
prekärer Arbeitsverhältnisse, die gesellschaftliche Ausgrenzung großer
Bevölkerungsgruppen und ganzer Regionen. Parallel zu dieser Entwicklung
wird der gesellschaftlich produzierte Reichtum immer größer, wovon nur
mehr die großen Kapital- und Vermögensbesitzer profitieren. Darüber
hinaus wird unter dem Druck der Unternehmerverbände der
Sozialstaatskompromiss der Nachkriegszeit aufgekündigt. Dies wird nun auch
in Österreich durch die schwarz-blaue Regierung auf ziemlich brutale Art
und Weise („speed kills“)1 nachvollzogen. Bei Strafe ihres
Absinkens in die Bedeutungslosigkeit müssen daher die Gewerkschaften neue
Antworten auf diese dramatischen Veränderungen im Produktionsprozess und
ebenso auf den damit einhergehenden Wandel sozialer Milieus und der
tendenziellen Entmachtung des traditionellen politischen Systems der
Nationalstaaten finden.
Das
vorliegende Buch, herausgegeben von Gisbert Schlemmer (Vorsitzenden der
Gewerkschaft Holz und Kunststoff), Horst Schmitthenner (geschäftsführendes
Vorstandsmitglied der IG Metall, zuständig für den Bereich Sozialpolitik)
und Eckart Spoo (Journalist und Mitherausgeber und Redakteur der
Zeitschrift Ossietzky) stellt einen Situationsbericht über die
Gewerkschaften in Deutschland im letzten Jahrhundert dar. In sechs Kapiteln
wird dabei auf das Dilemma der deutschen Gewerkschaften eingegangen. Eckart
Spoo, der sich mit der Jahrhundertbilanz der Gewerkschaften befasst, weist
unter anderem darauf hin, dass, während die Konzerne international
agieren, der Nationalismus die Solidarität der Lohnabhängigen spaltet.
Deren Denken wird nahezu unausweichlich von Massenmedien geprägt, die sich
zu Propagandamedien des Großkapitals entwickelt haben. Die einst reiche
eigene Kultur der Arbeiterbewegung ist größtenteils verschüttet, das heißt
Anzahl, Umfang und Auflagen gewerkschaftlicher Medien sind
geschrumpft. Im Zusammenhang mit dem Jahr 1989 weist Spoo auf die Naivität
führender westdeutscher Gewerkschafter hin, die tatsächlich geglaubt
haben, die Osterweiterung der Bundesrepublik wird den Deutschen
Gewerkschaftsbund (DGB) und seine Einzelgewerkschaften stärken. Das
Gegenteil war jedoch der Fall – das große Geschäft machten einzig und
alleine die Großkonzerne. Die konkurrierenden Betriebe im Osten wurden
meistens stillgelegt, die Beschäftigten verloren ihre Erwerbsmöglichkeiten
und der anfängliche große Mitgliederzuwachs erwies sich alsbald als
Zuwachs von Arbeitslosen, die nur symbolisch Beiträge zahlten, soweit sie
nicht austraten.
Kersten
Artus (Betriebsrat, Mitglied der Tarifkommission) führt in seinem Beitrag
mit dem bezeichnenden Titel: „Brauchen wir eine Artenschutzkommission für
die Gewerkschaften?“ aus, dass das Überleben der Gewerkschaften nicht
nur von der Kampfstärke, der Mitgliederanzahl und der Strukturform abhängt,
sondern auch von den eigenen Grundsätzen, die einer permanenten Reflexion
unterworfen werden müssen. Im Zusammenhang mit der Fusion zu einer
Mega-Dienstleistungsgewerkschaft verweist er auf nicht wenige Gefahren,
wobei er zwei Teilaspekte hervorhebt: Zum einen sieht er Probleme mit der
Identität, die Menschen mit einer Organisation verbinden, denn große
Einheiten entfemden, vor allem, wenn Minderheiten (einzelne Berufssparten
und Branchen) sich nicht wichtig genug genommen fühlen. Interessen
kleinerer Gruppen können falsch entwickelt und damit neue Trends
verschlafen werden. Ein weiterer kritischer Aspekt ist, dass schon heute
vielfach Betriebsvereinbarungen kollektivvertragliche Regelungen
untergraben, das heißt gewerkschaftlich orientierte Betriebsräte sind
mehr denn je gezwungen, kollektivvertragliche Fragen vor Ort zu regeln. Die
wachsenden Spannungen zwischen Betriebsräten und Gewerkschaften drohen
sich dadurch eher zu verschärfen, statt eine neue Grundlage für
Kooperation zu legen.
Wolfgang
Teuber (langjähriges Betriebsratsmitglied bei der Continental AG, seit
1997 Redakteur der UZ) beschäftigt sich mit dem Problem der
innergewerkschaftlichen Demokratie. Damals wie heute entscheidet sich an
ihr die Zukunftspolitik der Gewerkschaften. Doch gerade diese
Zukunftsfragen traut sich heute kaum einer in den Gewerkschaften, unter
Einbeziehung der Mitglieder ausführlich zu diskutieren. Dabei ist es
gerade heute wesentlich, dass die Mitglieder in die gewerkschaftliche
Arbeit miteinbezogen werden. Hier gibt es, so Teuber, große Defizite, die
sich mittlerweile verheerend auswirken. Als Beispiele führt er folgendes
aus: Wo werden etwa mit der Mitgliedschaft Konferenzen zur Arbeitszeitverkürzung
durchgeführt? Es gibt weder ausreichende Analysen noch Schlussfolgerungen,
geschweige denn Mitgliederdiskusssionen über die Auswirkungen der EU auf
die gewerkschaftliche Entwicklung. Wo wird diskutiert über die neuen
Produktivkraftentwicklungen, neue Managementmethoden, über die Veränderung
der Struktur der Arbeiterklasse, über die zunehmende Deregulierung des
sogenannten freien Arbeitsmarktes etc. Teuber verweist auch auf
Gewerkschaftskongresse, wo im Kreise von hauptamtlichen Gewerkschaftssekretären
und freigestellten Betriebsräten stundenlange Referate vorgetragen werden,
aber so gut wie keine inhaltliche Diskussion stattfindet. Das Ganze geht
oft einher mit der Unterdrückung und Ausgrenzung missliebiger, z.B.
marxistischer Positionen, wobei diese Ausgrenzung schon immer wichtiger als
die strittige Debatte war. Teuber kritisiert auch, dass heute in den
Gewerkschaften alles mit dem objektiven Sachzwang der ökonomischen Fakten
erklärt wird, auf die man reagieren müsse. Gewerkschaftspolitik wird
daher zur Anpassung an wirtschaftliche und finanzielle Sachverhalte
degradiert. Damit einhergehend registriert man eine zunehmende Entfremdung
der Mitglieder von ihrer eigenen Organisation. Früher dominierte die bewährte
Praxis, dass auf die aufzustellenden Lohnforderungen in allen
Vertrauensleuteversammlungen der Betriebe ausführlich diskutiert wurde.
Bei den heutigen Ritualen der Kollektivvertragsverhandlungen, so Teuber
weiter, werden die Kollegen nicht mehr gebraucht, sie werden kaum mehr
miteinbezogen. Eine Folge davon ist eine immer geringere Mobilisierungsfähigkeit
der Mitglieder. Auch war es in der Arbeiterbewegung lange Zeit üblich,
dass die Hauptamtlichen den Durchschnitt der jeweiligen Facharbeiterlöhne
verdienen. Was rechtfertigt die hohen Gehälter, so Teuber, die
Gewerkschaftsführer in die Lage versetzt, etwa an den Börsen zu
spekulieren? Die
innergewerkschaftliche Demokratie ist eine Zentralfrage der Gewerkschaft.
Ihre weitere Aushöhlung wird auch negative Auswirkungen auf die
Entwicklung der Demokratie in der Gesellschaft haben. Darum bedarf es auch
einer neuen Streitkultur. Jetzt, wo ein Angriff nach dem anderen auf die
Errungenschaften der Arbeiterbewegung erfolgt, brauchen die Gewerkschaften
erst recht jedes Mitglied.
Für
Karl Marx waren die Gewerkschaften „Sammelpunkte des Widerstands gegen
die Gewalttaten des Kapitals“. Davon ist jedoch nichts mehr zu verspüren.
Einige der Buchautoren sehen daher die Entwicklung der
Gewerkschaftsbewegung ziemlich düster. So schreibt etwa Michael Hartmann
(Professor für Soziologie an der TU Darmstadt) in seinem Beitrag:
„Gewerkschaften im Betrieb – Ein Auslaufmodell?“, dass die Reaktion
der Gewerkschaft auf die veränderten Rahmenbedingungen sich bisher durch
ein stetiges Zurückweichen vor den Problemen auszeichnet. Eine
entscheidende Bedeutung gerade für die betriebliche Gewerkschaftsarbeit
kommt dabei der allmählichen Aushöhlung der Flächentarifverträge zu,
die zu einer stärkeren Verlagerung tariflicher Aufgaben auf die
betriebliche Ebene führt. Durch diese Aushöhlung werden die Betriebsräte
Stück für Stück zur entscheidenden Instanz für die konkrete Festlegung
der tariflichen Bedingungen, das heißt sie müssen die immer allgemeiner
werdenden Rahmenbestimmungen in den Tarifverträgen erst mit Inhalt füllen.
Die Betriebsräte in Deutschland sind (anders als etwa die britischen Shop
Stewards oder die italienischen Betriebsdelegierten) durch das
Betriebsverfassungsgesetz ausdrücklich dazu angehalten, mit den
Unternehmensleitungen „vertrauensvoll“ und „zum Wohl der Arbeitnehmer
und des Betriebs“ zusammenzuarbeiten. Ihnen sind daher alle Maßnahmen
des Arbeitskampfes untersagt, und sie sind verpflichtet, Betätigungen zu
unterlassen, durch die der Arbeitsablauf oder der Frieden des Betriebs
beeinträchtigt werden.
Wohin
dieser Prozess, sollte er nicht durch die Mitglieder der Gewerkschaften
gestoppt werden, in Zukunft führen wird, zeigt eine gemeinsame
Untersuchung der Bertelsmann- und der Hans-Böckler-Stifung auf. Der Tenor
des Gutachtens lautet kurz gefasst: Im Interesse der Sicherung der
Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft soll die Dezentralisierung,
das heißt Verbetrieblichung des Tarifvertragswesens, weiter vorangetrieben
werden und dieser Prozess muss in gemeinsamen Bemühen von Gewerkschaften
und Unternehmen sozial kontrollierbar gehalten werden. Wer glaubt, so
Hartmann, dass auf diesem Wege der gewerkschaftliche Einfluss zu retten
sei, der irrt gewaltig. Wenn Tarifpolitik im wesentlichen auf betrieblicher
Ebene stattfindet, geben die Gewerkschaften endgültig das auf, was ihre
zentrale Aufgabe sein muss, nämlich für die Überwindung
betriebsegoistischer Haltungen und die Schaffung von Solidarität unter den
Belegschaften zu sorgen. Gewerkschaftliche Betriebsarbeit, so Hartmann, ist
in ihrem ursprünglichen Sinn dann tatsächlich ein Auslaufmodell.
Diese
kleine Auswahl von Beiträgen zeigt hoffentlich auf, mit welchen
interessanten Themen sich dieser Sammelband beschäftigt. Als ganz
allgemeine Hauptaufgaben der Gewerkschaften werden von den Autoren die
gerechte Verteilung des Reichtums, der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und
– vor allem mit Blick auf die EU und die Einführung einer gemeinsamen Währung
– der Kampf für soziale, demokratische, kulturelle und ökologische
Standards gesehen. Ein neuer Typus von Vollbeschäftigung ist möglich.
Strategische Bedeutung haben dabei entschiedene Schritte zur
Arbeitszeitverkürzung: Nur wenn alle weniger arbeiten, müssen nicht immer
weniger Beschäftigte immer mehr arbeiten. Kurzfristig, so Eckart Spoo in
seinem Beitrag muss als nächster Schritt die 32-Stunden-Woche eingeführt
werden. Außerdem gilt es, neben kapitalistischer Marktwirtschaft und öffentlicher
Verwaltung einen dritten Wirtschaftssektor aufzubauen.
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Beschäftigungsgesellschaften, soziale
Betriebe, Genossenschaften usw. sind zu einem nicht-profit-orientierten
Sektor von Solidarwirtschaft weiterzuentwickeln. So könnten soziale,
kulturelle und ökologische Bedürfnisse arbeitsproduktiv werden, die
gegenwärtig nur unzureichend realisiert sind. Voraussetzung dafür ist, so
Spoo, dass die Steuerpflicht gegenüber den Kapital- und Vermögensbesitzern
durchgesetzt wird.
Wie
man die Sache auch immer drehen und wenden will - Kampf ist angesagt und
nicht Verhandlung am grünen Tisch, denn das alte soziale Verbandsystem ist
ein Auslaufmodell. Den gesellschaftlichen Herausforderungen werden daher
nur solche Gewerkschaften gewachsen sein, die unbürokratisch und ohne übertriebenen
Zentralismus auf die Aktivität der unselbständig Beschäftigten selbst
setzen. Gefordert ist darüber hinaus Organisationsphantasie, die den Veränderungen
der Arbeitsbeziehungen, neuen Bedürfnissen der Arbeitnehmer und der
Internationalisierung von Produktion und Politik Rechnung trägt. Sie muss
sich vor allem auf mehr innergewerkschaftliche Demokratie, mitgliedernahe
Strukturen und Raum für die Eigentätigkeit der Basisgruppen, richten.
Auch kann sie sich nicht auf die Betriebe beschränken, sondern muss den
ganzen Wohn- und Lebenszusammenhang der Menschen im Visier haben.
Studiert
man die handelnden Personen in der Arbeiterbewegung, so wird der Ausgang
der Geschichte immer ungewisser. In diesem Zusammenhang sei etwa an die
Vorkommnisse um den 1. Mai 2000 in Tirol erinnert. Dort verzichtete der ÖGB
- wegen Termindruck - auf den traditionellen Maiaufmarsch. Der damalige
interimistische Leiter des ÖGB führte hierzu aus: „Es ist schon ein
bisschen schade, dem Haider das Feld zu überlassen“. Doch er will, wie
er sagt, „die Leute auch nicht überstrapazieren“. Erst im Februar 2000
hatte ein vom ÖGB organisierter Fackelzug in Innsbruck stattgefunden. Und
am 5. Mai fand in Wien eine Konferenz der Betriebsräte statt (Tiroler
Tageszeitung vom 28.4.2000 ).
T.W.
Adorno hatte schon recht, als er meinte: „Die fast unlösbare Aufgabe
besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen
Ohnmacht sich dumm machen zu lassen“. Die nunmehr mehr als einhundert
Jahre Existenz der Gewerkschaftsbewegung bietet jedoch noch keine Garantie
für deren zukünftigen Bestand. Sich auf die Gefahr eines Zerfalls
einzustellen, verbessert jedoch die Chance, ihr zu entgehen. In
diesem Sinne kann das Buch nur jedem engagierten, der Arbeiterbewegung
nahestehenden Menschen als Nachtlektüre aufs Wärmste empfohlen werden.
Gefragt ist letztendlich Verantwortung – sich selbst gegenüber, der
Gesellschaft und der Nachkommenschaft.
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