Die 3. Republik
Blau-schwarze
Betrachtungen von Rudi FISCHER. *)
Um keine Unklarheiten aufkommen zu lassen, möchte ich klarstellen: Unter 3. Republik verstehe ich das derzeitige Herrschaftssystem von Blau-schwarz; dass Jörg Haider vor Jahren seine „Visionen von einem neuen Staat“ ebenfalls so bezeichnet hat, ist ein Zufall.
Mit der
Angelobung der neuen Bundesregierung ging zugleich die 2. Republik zu Ende.
Die Konsensdemokratie wurde von einer Konfliktdemokratie abgelöst. Die
Sozialpartnerschaft hat daher auch ihre Bedeutung verloren, weil sie ihre
Funktion verloren hat. ÖGB und AK versuchen allerdings, dies zu verdrängen.
Sie drücken sich damit um die Frage, wie sie in Zukunft ihre Aufgaben erfüllen
sollen (können).
Die Wende
Es war ein
politisches Zeichen, als Schüssel aus den Amtsräumen der Kanzler der 2.
Republik auszog, und als neue Amtsräume die Zimmer des Kanzlers Metternich
bezog. Metternich war bis zur Revolution 1848 Kanzler. Mit Polizeigewalt,
Spitzelwesen und Staatsterror versuchte er, den Absolutismus vor der bürgerlichen
Revolution zu schützen. Dass nach mehr als 150 Jahren wieder von den
Metternich´schen Zimmern aus regiert wird, sollte man also nicht als
Zufall abtun. So wie es kein Zufall ist, dass Dollfuß in der ÖVP noch
immer geehrt und geachtet ist. Dollfuß hat gezeigt, was ein kleiner Mann
„Großes“ zu leisten im Stande ist. Auch Schüssel wurde als kleiner
Mann zu lange unterschätzt. Man wird sich noch wundern, was er „Großes“
zu leisten im Stande ist.
Das Budget-Märchen
Der
Propagandatrick mit dem Nulldefizit ist aufgegangen. Alle Parteien, alle
Interessenvertretungen haben sich von Finanzminister Grasser (Das Kärntner
Talent – DKT) einfangen lassen. Beim Finanzausgleich haben sich alle
Landeshauptleute sowie der Städte- und Gemeindebund den Wünschen Grassers
unterworfen. Alle haben sich rechtlich verbindlich verpflichtet mit weniger
Geld vom Bund ab nächstem Jahr Budgetüberschüsse zu erwirtschaften. Den
Belastungspaketen des Bundes folgen also die Belastungspakete der Länder,
Städte und Gemeinden. Und es war kein rhetorischer Irrtum als Grasser in
seiner Budgetrede am 18. Oktober im Parlament von einer „freien und
fairen Marktwirtschaft“ sprach. Dass das Eigenschaftswort „sozial“
nicht mehr vor dem Hauptwort „Marktwirtschaft“ steht, ist eben kein
Irrtum, sondern politisches Programm. Und wenn Grasser zu Beginn dieser
Budgetrede erklärte, dass mit diesem Budget ein Paradigmenwechsel
stattfindet, so ist dies die harte politische Wahrheit. Sie wollen einen
neoliberalen, schlanken Staat. England und Neuseeland sind ihre Vorbilder.
Dieser Wertewandel – um ein gängigeres Wort für Paradigmenwechsel zu
verwenden – findet statt. Der soziale Wohlfahrtsstaat soll in einen
neoliberalen Ordnungsstaat umgebaut werden. Und sie werden das auch tun,
wenn sie nicht daran gehindert werden.
Geschwindigkeit
mordet - auch wenn Klubobmann Khol sagt, sein Motto sei speed wins. Früher
hatte ein Gesetzesentwurf eine Begutachtungszeit von sechs Wochen. Heute
sind es oft schon weniger als sechs Tage. Stellungnahmen von
Interessenvertretungen sind dadurch de facto verunmöglicht. Und das
Trommelfeuer der Gesetzesänderungen, Änderungsvorschlägen und Änderungsvorschlägen
zu den diversen Änderungsvorschlägen verursacht einen derartigen
politischen Lärm, dass man gar nicht mehr hören kann, was sich im
Augenblick tatsächlich tut. Und viele wollen von dem ganzen Lärm ganz
einfach auch nichts mehr hören. Diese Taktik ist voll aufgegangen. Durch
das Trommelfeuer seit Juni wissen viele gar nicht, welche Änderungen jetzt
tatsächlich kommen. Denn die tatsächlichen Einschnitte, die weh tun, die
kommen so leise, dass sie im Trommelfeuer der Regierungspropaganda überhört
werden.
Was tun?
Die
bisherigen Schlachten haben ÖGB und AK verloren. Wenn sie sich nicht auf
die neuen Bedingungen einstellen, werden sie auch den Krieg verlieren. Die
Schwächen von SPÖ und FSG sind kein Grund zur Schadenfreude, denn die
Beschäftigten zahlen die Zeche! Es muss darum gehen, in den Gewerkschaften
und in der AK jetzt dafür zu
sorgen, dass die nächsten Schlachten nicht wieder verloren gehen.
Arbeiter, Angestellte und Beamte haben nämlich nur diese beiden
Organisationen, um sich zu wehren! Neue Zeiten erfordern neue Strategien
und Taktiken.
Man glaube
nicht, dass diese Regierung bei der nächsten Wahl abgewählt wird. Kohl
und Thatcher haben bewiesen, wie lange neoliberale Epochen sind. Und was
ist dort nachgekommen? Blair und Schröder. Und wie steht es heute um die
englischen Gewerkschaften? Sie haben sich von den Niederlagen unter
Thatcher noch immer nicht erholt!
Es ist daher
an der Zeit, aus der Geschichte zu lernen, wenn man nicht will, dass sie
sich wiederholt!
*) Rudi
Fischer ist Sekretär der Bewegung Rotes Wien.
(c) 1998 by Gewerkschaftlicher Linksblock
Designed by
Web Design Zehetbauer